Zum Inhalt springen

Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

06.10.2021

Das Beten weckt in uns heilende Kräfte

Betende Nonne

Foto: Heberling

O mein Gott! – so schrien entsetzte Zuschauer in New York, als beim Attentat am 11. September 2001 der Südturm des Welthandelszentrums einstürzte. Mit einer riesigen Staubwolke begrub er Hunderte von Menschen unter sich. Da waren nur noch blankes Entsetzen, Angstschreie, Tränen und verzweifelte Gebete. In solch fürchterlichen Momenten, wo die Not zum Himmel schreit, kann man nur noch beten: O mein Gott! 

Aber warum da noch beten? Was ändert sich da noch? „Beten ist doch umsonst“, sagt man. „Beten hilft doch nichts!“ Wirklich nicht? Das Gebet hält uns über Wasser. Es wirft uns zurück auf unsere nackte Existenz und rückt uns in die Nähe zu Gott. Aber ist der eigentlich angewiesen auf unser Gebet? Nein, eher wir Menschen auf ihn. Denn das Beten weckt in uns heilende und reinigende Kräfte. Es setzt Zeit und Raum außer Kraft. Beten ist etwas  Mystisches, Geheimnisvolles. Das Beten bringt uns zum Schweigen. Es hat mit Würde zu tun und lässt unsere oft so laute Welt plötzlich verstummen. Es nimmt Ängste und gibt Halt, wenn wir am Abgrund stehen. Kann es nicht auch sein, dass gerade in extremen Situationen nicht mehr wir selber beten, sondern åder Geist Gottes in uns ruft und betet? Womöglich wie damals am 11. September in New York. Oder dass sogar das Gebet der ganzen Kirche mit Füße Gottes fallen lassen, auch dann, wenn wir selber nicht mehr beten können. 

Das richtige Beten kann uns einsichtig machen in das, was Gott will, es kann uns klug und weise machen. So heißt es in der ersten Lesung vom heutigen Sonntag: „Ich betete und es wurde mir Klugheit und Weisheit gegeben.“ Damit meint der Beter die richtige Einsicht in das, was wichtig ist und was bleibt, die richtige Art, von Gott her zu denken und zu handeln. 

Genau das erwartet Jesus im Evangelium auch vom reichen jungen Mann. Er erwartet von ihm, dass er sein Lebensglück nicht im Reichtum, im Ansehen oder im langen Leben sucht, sondern im klugen Handeln, im Freiwerden von Habgier, im selbstlosen Geben und im Dasein für andere. Aber entzieht da nicht Jesus diesem Mann den Boden unter den Füßen? Was gibt ihm dann noch Sicherheit? Ist es das Einhalten der zehn Gebote oder ein anständiges Leben?  Nein: Das Neue für Jesus ist Gottvertrauen. Den jungen Mann retten nicht Geld und Reichtum, sondern die Sehnsucht nach den Schätzen des Himmelreiches. Ihn und uns rettet die Klugheit, die Kraft des Reiches Gottes in uns wirken zu lassen. Durch das Gebet und manchmal sogar im Notschrei „O mein Gott!“.  

Richard Distler, Pfr. i. R., Nr. 41 vom 10. Oktober 2021 – Evangelium (Mk 10, 17-30)


28. Sonntag – im Jahreskreis

Viele Menschen haben Jesus gesehen, und er hat sie gesehen; aber einige hat er angeblickt,
das waren für sie Augenblicke großer Entscheidung. Das Evangelium verschweigt nicht,
dass die Begegnung mit Jesus nicht immer zur sofortigen Änderung des eigenen Lebens führt.
Gott aber wird warten, bis wir uns für ihn entscheiden.

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de

Bezugspreise (ab Jan. 2021):
Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 8,80 €
(7,60 € einschl. 7 % MWSt. + 1,20 € Zustellgebühr);
durch die Post monatlich 9,55 €;
Einzelnummer 2,20 €.