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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

30.06.2021

Das Schicksal der Propheten

Nirgends gilt ein Prophet weniger als in seiner Vaterstadt, bei seinen Verwandten und in seiner Familie“, sagt Jesus in einer Predigt, die er in der Synagoge seiner Heimatstadt hält.

Er dachte an das Schicksal vieler Propheten, denen man das Leben wirklich schwer gemacht hat. Denunziation war schon immer ein Instrument, mit dem man Menschen in die Isolation und Verzweiflung trieb. Jonas haute deshalb ab, Ezechiel kam auf Selbstmordgedanken, Jeremias verflucht wegen seiner schlechten Erfahrungen in seinem Job die Stunde seiner Geburt. Man wagte zwar nicht ihn zu töten, aber man hatte keine Skrupel diesen frommen Gottesmann in eine Zisterne zu werfen, um ihn dort verrecken zu lassen – dann hat man zumindest kein Blut an den Händen. Und den Täufer Johannes kostete seine Tätigkeit „Kopf und Kragen“! Was für ein Job!

Auch die Verwandtschaft Jesu verzweifelt an ihm, sie bittet Maria ihn doch endlich aus dem Verkehr zu ziehen, weil er die ganze Familie in Verruf bringt. Fast klingt der Vorwurf durch: „Das hast du jetzt von deiner Erziehung!“ Vielleicht hatte die Großfamilie auch Angst in Sippenhaft genommen zu werden. 

Warum lebt man in diesem Beruf so gefährlich? Kurz gesagt: Alle diese Propheten konnten ihren Mund nicht halten! Und was sie sagten war in den Ohren der Menschen ein Skandal. Sie galten als „Nestbeschmutzer“. War Jeremias zu beneiden, als Gott ihn berief vor dem Tempel in Jerusalem den ankommenden Pilgern die Leviten zu lesen und den Zugang zum Tempel zu verwehren? Und das nach einer langen und strapaziösen Pilgerfahrt. Statt einer freundlichen Begrüßung bekommen sie zu hören: „Denn wenn ihr ernsthaft eure Wege bessert ... wenn ihr Fremdlinge, Witwen und Waisen nicht bedrückt ... dann will ich mit euch an diesem Ort wohnen“. Stellen wir uns das einmal in Altötting vor!

Die Propheten „nehmen kein Blatt vor den Mund“! Und müssen dafür das erleben, was heute viele Menschen im Internet erleben: Häme, Wut und Todesandrohungen. Diese Propheten waren keine Schönwetterpropheten oder „Grüß-Gott-Onkel“. Sie legten die Finger in die Wunden religiöser Praktiken und hinterfragten sie. Jesus schritt nicht ein, wenn seine Jünger am Sabbat Ähren rupften, sich nicht an religiöse Riten hielten. Und er setzt sogar frech das Kirchenrecht außer Kraft, als er die Ehebrecherin nicht steinigte, sondern ihr vergab. Noch dazu gab er sich mit zwielichtigen Gestalten ab, hatte selbst vor Dirnen Respekt, bei denen er lauthals verkündete, dass sie eher als die Pharisäer in den Himmel kämen. Ist das nicht peinlich und rotzfrech? Und auch die Jünger hatten mit Jesus ihre geregelten Schwierigkeiten. So lesen wir bei Joh 6, 60: „Diese Rede ist hart. Wer kann sie anhören?“

Die einfachen Leute, die Jesus gerne zuhörten, weil er anders als die Schriftgelehrten und Pharisäer redete, verstanden. Und genau diese Hochwürden, die in religiöser Hinsicht den Ton angaben, auf den Straßen von allen gegrüßt wurden, unternahmen alles, um diesem Propheten das Handwerk zu legen: „Wir haben ein Gesetz und nach diesem muss er sterben!“ „Selbst schuld“, konnten sie sagen. Warum hat er so ein freches Maul? Hätte er geschwiegen, wäre ihm nichts passiert!

Jesus war so herrlich anders, so schrecklich anders! Er verstand sich als Prophet und erfuhr das Schicksal eines Propheten. Denken wir an Propheten unserer Zeit, stellvertretend für Tausende: Martin Luther King, Erzbischof Romero, die Geschwister Scholl, Pater Delp, Wolfgang Jägerstätter usw. Ob unser christliches Erziehungsziel „fromm und brav zu sein“, nicht zu kurz gegriffen ist?

P. Josef Lienhard, Nr. 27 vom 4. Juli 2021 - Evangelium: Mk 6, 1B–6


Vierzehnter Sonntag im Jahreskeis

An den fernen Gott glauben ist leichter, als dem nahen Gott begegnen. In der Nähe ist alles konkret, Menschen und Dinge haben Namen und brauchen Raum. Glauben, dass es Christus ist, der uns begegnet im Wort und im Sakrament, aber auch ja zu sagen zu dem Menschen neben mir in der Kirchenbank, auf der Straße, im eigenen Haus – das müsste die Welt verändern.

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