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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

07.09.2022

Den Sünder lieben, aber die Sünde hassen

Ist das nicht seltsam? Wir lesen im Evangelium vom heutigen Sonntag, dass alle Zöllner und Sünder zu Jesus kamen, um ihn zu hören. Und das, obwohl Jesus keine Kompromisse mit der Sünde eingeht, obwohl er klare Forderungen aufstellt, die viele abschrecken, obwohl er zur radikalen Umkehr aufruft. Doch gerade die Sünder fühlen sich von Jesus und seinen Worten angezogen, während die scheinbar Gerechten, die Pharisäer und Schriftgelehrten, Anstoß nehmen. Warum?

Die Sünder spüren bei Jesus echte Liebe und Heiligkeit. Sie spüren, dass Jesus das Beste für sie will. Sie spüren die Wahrheit seiner Worte, auch wenn sie ihnen vielleicht wie eine bittere Medizin erscheint. „Den Sünder lieben, aber die Sünde hassen“ – so könnte man diese Szene zusammenfassen. Das Benennen der Sünde als Sünde (in Liebe) hat nichts mit einer Geringschätzung oder Verurteilung des Sünders zu tun, sondern entspringt letztendlich der Liebe, die das Beste für den Geliebten will. Der heilige Kirchenvater Augustinus hat die Sünde als eine „Selbstverkrümmung“ des Menschen beschrieben. Der Sünder ist letztlich nur auf sich selbst bezogen, in sein eigenes Ego eingeschlossen, statt sich der Schöpfung, den Mitmenschen und Gott zu öffnen. Mit der Sünde wendet sich der Mensch von Gott ab. Er schneidet sich von der Quelle des Lebens, des Glücks und der wahren Liebe ab – und versucht für sich allein sein eigenes Glück zu erschaffen, was ihn aber nicht erfüllen kann. Und genau dies haben wohl die Sünder, die zu Jesus kommen, erfahren. Sie stehen vor der Leere ihres Lebens. Sie sind unerfüllt trotz aller Vergnügungen. Sie lechzen nach Wahrheit, nach Sinn, nach echter Liebe und Erfüllung, die aber nur in Gott als der Quelle des Lebens und Liebe zu finden ist. Und Jesus zeigt ihnen den Weg heraus von dem „Dahinvegetieren mit den Schweinen“ zu einem erfüllten Leben in Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen. Es ist das Ausbrechen aus der harten Schale des eigenen Ego hin zum Du Gottes und des Mitmenschen.

Noch ein weiterer Aspekt sei herausgegriffen, der in den heutigen Gleichnissen aufstrahlt: Bei diesem mühsamen Weg zu einem erfüllten Leben wird der Sünder nicht allein gelassen. Es ist Gott, der die Initiative ergreift und keine Mühe scheut, um einen Sünder wieder aufzunehmen. Der Hirte lässt seine Herde zurück und macht sich auf den Weg, das verlorene Schaf zu suchen. Die Frau kehrt ihr gesamtes Haus, um die kleine Münze zu finden. Und der Vater wartet nicht erst auf die Entschuldigung des Sohnes, sondern läuft ihm mit geöffneten Armen entgegen und umarmt ihn.

Gott geht immer den ersten Schritt auf den Sünder zu. Was von einem Sünder verlangt wird, ist die Bereitschaft, sich finden zu lassen, sich verzeihen zu lassen und sich in die Arme nehmen zu lassen – und das fällt oft sehr schwer. Zum einen, weil wir vielleicht meinen, dass die Sünde zu groß ist, dass wir nicht davon lassen können. Doch Gottes Barmherzigkeit ist unvergleichlich größer als jede Sünde – und es bereitet Gott Freude, den Sündern zu verzeihen. Zum anderen wollen wir Menschen auch unsere Erlösung selbst leisten oder zumindest ein bisschen sündenloser sein, bevor wir uns Gott zuwenden. Haben wir den Mut, leere Hände zu haben, um die Umarmung Gottes erwidern zu können.

Dr. Pia Sommer, Nr. 37 vom 11. September 2022 - Evangelium (Lk 15, 1–32)

 


24. Sonntag im Jahreskreis

Wenn gesagt wird, dass Gott sich freut,
dann wird vorausgesetzt, dass er auch den Schmerz kennt.
Er ist der lebendige Gott, er ist der Ursprung und er ist die Liebe.
Er hat Geduld mit uns, er wartet darauf,
uns aufzufangen, wenn wir fallen, uns zu umarmen,
wenn wir aus der Verlorenheit heimkehren.
Gott nimmt den Menschen ernst und hält ihm die Treue. –
Woher wissen wir das alles?
Nur weil Jesus es uns gesagt hat.

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