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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

15.04.2016

Der Blick der barmherzigen Liebe

Logo Barmherzigkeit

Das Bild des Guten Hirten ist heute leider etwas in Verruf geraten: so mancher fühlt sich dadurch in die Rolle des „einfachen, dummen Schäfchens“ gedrängt und nicht als freier, mündiger Christ verstanden. Dabei wird jedoch vergessen, dass es bei biblischen Gleichnissen und Bildern immer nur einen zentralen (Vergleichs)-Punkt gibt. Beim Bild des Guten Hirten ist es die enge Vertrautheit der Schafe mit dem Hirten, die im damaligen Palästina eine Art Lebensgemeinschaft bedeutete.

Wenn uns in diesem Jahr der Barmherzigkeit am vierten Ostersonntag das Bild des Guten Hirten vor Augen gestellt wird, dann kann uns das eine Einladung sein, das Logo dieses Heiligen Jahres einmal speziell unter diesem Blickwinkel zu betrachten. In der offiziellen Beschreibung heißt es: „Das Logo zeigt in der Tat den Sohn, der sich den verlorenen Menschen auf die Schultern lädt. Hier wird ein Bild aufgegriffen, das schon die frühe Kirche sehr geschätzt hat, weil es die Liebe Christi zeigt, der das Geheimnis seiner Menschwerdung im Werk der Erlösung zur Vollendung führt.

Das Bild ist so gestaltet, dass deutlich wird, wie der gute Hirte in direkten Kontakt mit dem Fleisch des Menschen kommt. Er tut dies mit einer Liebe, die in der Lage ist, Leben zu verändern. Ein Detail des Bildes darf uns nicht entgehen: Der gute Hirte trägt die Menschheit mit außerordentlicher Barmherzigkeit auf  den Schultern und seine Augen verbinden sich mit denen des Menschen. Christus sieht mit dem Auge Adams, und dieser mit dem Auge Christi. Jeder Mensch entdeckt also in Christus, dem neuen Adam, die eigene Menschlichkeit und, indem er in Christi Blick die Liebe des Vaters wahrnimmt, die Zukunft, die ihn erwartet.“

Gerade wenn Jesus im Evangelium das  bereits im Alten Testament tief verwurzelte Bild des Guten Hirten auf sich bezieht und uns in dreimaliger Wiederholung die endgültige Zugehörigkeit zu ihm zusagt, wird dieses Bild noch einmal erneuert und intensiviert. In ihm ist Gott uns unvergleichlich nahe gekommen. Jesus geht es nicht mehr „nur“, wie in Psalm 23, um Errettung aus aktueller Lebensgefahr und die Hoffnung irgendwann einmal, im hohen Alter, satt an Tagen, sterben zu müssen, sondern um eine innige Beziehung mit dem lebendigen Gott im Hier und Jetzt. Der Gute Hirte Jesus Christus bietet ein Leben in Fülle schon im Hier und Jetzt an. Denn was er uns durch sein Leben, sein Leiden, seine Auferstehung, seine Kirche und seine Sakramente hier auf Erden schenkt, ist bereits ewiges Leben. Ewiges Leben zu haben bedeutet nichts anderes, als zu keinem Zeitpunkt, auch im persönlichen Tod nicht, vom Leben Gottes getrennt zu sein. Und dennoch wird mit den Worten Hans Urs von Balthasars „hier nicht jedermann aufs Geratewohl der Himmel verheißen, sondern denen, die ‚auf meine Stimme hören‘ und dem Hirten ‚nachfolgen‘.“

Das Bild des Guten Hirten lädt uns ein, uns – wie es im Gottesloblied „Vom Vater, der die Liebe ist,“ heißt – von Jesu Wort und Blick bis ins Herz treffen zu lassen, um unverzagt und hoffnungsvoll, erfüllt von seiner barmherzigen Liebe, die Menschen in der Not von ganzem Herzen zu lieben, den Kranken Hilfe zu sein, die Macht des Bösen zu besiegen und Gott zu „helfen“ die Welt zu erlösen, indem wir den  anderen dienen und Liebe säen.

Michael Wohner, Kirchenzeitung vom 17. April 2016

Michael Wohner wurde 1982 in Schwabach geboren. Nach dem Theologiestudium in Eichstätt verbrachte er den zweijährigen Pastoralkurs in der Pfarrei Berching. 2008 wurde er zum Priester geweiht und war danach fünf Jahre lang Kaplanin Weißenburg. Während dieser Zeit besuchte er, nach der abgeschlossenen zweiten Dienstprüfung, als "externes Mitglied" das staatliche Studienseminar für katholische Religionslehre in Ingolstadt. Seit September 2013 arbeitet er in den Pfarreien Treuchtlingen und Möhren mit, gibt weiterhin Religionsunterricht und ist mit einem weiterführenden Studium im Bereich Religionspädagogik beauftragt.

Lesungen zum vierten Sonntag der Osterzeit am 17. April 2016

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