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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

20.10.2021

Die Freiheit der Kinder Gottes

Foto: Erich Kraus

Als vor einigen Jahren die Kathedrale von Notre Dame in Paris brannte, war das Entsetzen weltweit Jeder, der schon einmal verliebt gewesen ist, weiß aus eigener Erfahrung, dass man das liebt, interessant findet, schätzt, was die geliebte Person liebt. Man vertraut dem Rat der geliebten Person, weil man eben weiß, dass sie einen liebt und das Beste will, auch wenn man nicht alles versteht oder wenn Mühen damit verbunden sind. Man ist bereit, für den geliebten Menschen die Sterne vom Himmel zu holen ...

Lieben – damit ist genau der Kern des Christentums ausgedrückt. Gott ist Liebe und so ist auch der Mensch als Ebenbild Gottes zur Liebe berufen. Das ganze Gesetz – und das bestand in der jüdischen Tradition in einer Unmenge verschiedener Einzelvorschriften – fasst Jesus in das Doppelgebot der Liebe: Gott und den Nächsten lieben. Die Gebote Gottes entstammen ursprünglich der Liebe und wollen zur Liebe führen. 

Im Christentum steht nicht die pflichtgemäße und buchstabengetreue äußere Einhaltung der Gebote im Vordergrund, sondern es gilt die Voraussetzung und die Zielrichtung der Gebote zu verstehen und zu bejahen. Wenn es um bloße buchstabengetreue Gesetzeserfüllung geht, wenn die Gebote als von 

außen auferlegte, vielleicht sogar willkürlich erscheinende Lasten empfunden werden, dann wird man immer Schlupflöcher suchen, diese zu umgehen oder bei passender Gelegenheit eben nicht zu erfüllen. Gebote im christlichen Sinn haben ihren Sitz und ihren Sinn in einer Liebesbeziehung. Es ist die persönliche Beziehung zu Gott, der sich uns als Liebe – als barmherziger Vater und liebender Erlöser – offenbart und jeden einzelnen Menschen zur Fülle des Lebens führen will. Die Gebote sind dann nicht Pflichten, die es zu erfüllen gilt, sondern Wegweiser zu Liebe und Freiheit. C. S. Lewis, der Verfasser der „Chroniken von Narnia“, bezeichnet die Gebote als eine Art „Gebrauchsanweisung“ für den Menschen, die seine persönliche Entfaltung wie auch das gemeinschaftliche Leben und seine Beziehung zu Gott regeln. Hält man sich bei technischen Geräten nicht an die Bedienungsanleitung, dann erreichen die Geräte nicht die normale Leistung, einige sehr sinnvolle Funktionen werden nie genutzt, es kommt zu Überhitzungen, bei Fehlbedienung können auch andere verletzt werden und letztendlich gehen die Geräte vor der Zeit kaputt.

So ähnlich ist es wohl auch mit dem Menschen und den Geboten. Die Gebote, insbesondere das Liebesgebot, zeigen dem Menschen den Weg, als Kind Gottes zu leben und immer mehr dieser Würde zu entsprechen. Wenn wir nur unser Gefühl, unsere persönlichen Vorstellungen und Wünsche, unseren Egoismus zur Richtschnur unseres Handelns erheben, haben wir die Freiheit des begrenzten und durch die Sünde verletzten Menschen. Wenn wir uns an der Liebe Gottes ausrichten, seinen Geboten entsprechen, besitzen wir die Freiheit eines vergöttlichten Menschen, die Freiheit der Kinder Gottes. Die Freiheit, die darin besteht, Ja zur Liebe zu sagen, auch wenn diese unsere Hingabe und Selbstvergessenheit erfordert. 

Mit dieser Liebe, die heilt, die andere ermutigt und Freude schenkt, können auch wir lieben, nicht aus uns selbst, sondern als Kanal, der die uns stets vorausgehende Liebe Gottes für die Menschen unserer Zeit spürbar und gegenwärtig macht. 

Pia Sommer Nr. 43 vom 24. Oktober 2021 – Evangelium (Mk 10, 46b-52)


30. Sonntag – im Jahreskreis

Der Mensch kann sehen und hören, und er weiß, dass er es kann. Dieses Wissen unterscheidet
ihn vom Tier.Wenn ein Sinnesorgan gestört ist, wird alles schwerer für ihn.
Außer dem äußeren Sinnesorgan hat der Menschaber auch eine innere Fähigkeit, das Gesehene oder
Gehörte aufzunehmen; diese Fähigkeit kann sich entfaltenoder auch verkümmern.
Es gibt Wirklichkeiten, die wir sehen, während wir für andere blind und taub sind.
Wenn wir für die Wirklichkeit Gottes offen sind, dann ist das ein großes Glück.

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