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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

27.04.2016

Die Schrift verstehen – Ist die Sprache das Problem?

Wenn ich den Text des Sonntagsevangeliums lese, dann frage ich mich, wer eine solche Rede verstehen kann. Die poetische, mystische Ansprache Jesu entspricht einfach nicht dem Duktus unserer faktenorientierten Zeit.

Auch unserer Kirche wird heute ja immer wieder vorgeworfen, dass sie ein Sprachproblem hat. Die Sprache der Kirche ist nicht die Sprache der Menschen – so der ausgesprochene oder auch nur insgeheim gedachte Vorwurf. Abhilfe sollen zeitgemäße Übersetzungen der Bibel, lockere Reden im Gottesdienst oder auch (über)diözesane Arbeitshilfen zu kirchlichen Dokumenten schaffen. Die Kirche will heraus aus ihrem gesellschaftlichen Nischendasein. Und natürlich ist es in erster Linie die Sprache, die das kirchliche Grundanliegen trifft: Verkündigung und Evangelisierung. Dennoch mache ich ein großes Fragezeichen hinter diese Bemühungen, sich dem sprachlichen Zeitgeist anzugleichen. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es tatsächlich ein Sprachproblem ist, das die Kirche hat, oder ob es nicht ein Problem der menschlichen Erfahrung ist, das sich in der Sprache ausdrückt.

Oder nehmen wir Shakespeare oder Goethe – Wer von uns würde sich jemals so wie sie ausdrücken? Dennoch sind die Texte dieser großen Dichter heute nach wie vor aktuell. Das, was sich in ihren großen Dramen abspielt in Bezug auf Leben und Tod, Liebe und Leiden-schaft, Macht und Missgunst, all das kennen wir Menschen aus eigener Erfahrung. Diese Erfahrung zwischenmenschlicher Höhe- und Tiefpunkte bringt unser Beziehungsalltag mit sich. Die Sprache, in die diese Erfahrungen eingefasst sind, ist hier grundsätzlich nicht das Problem.
Wenn ich diesen Grundsatz auf unser kirchliches Leben übertrage, dann fehlt es uns nicht an sprachlichem Verständnis, sondern an der Glaubens-Erfahrung. Schon länger steht die These im Raum, dass wir uns nicht in einer Kirchenkrise, sondern – schlimmer noch! – in einer Glaubenskrise befinden. Die Ursachen dieser Glaubensschwierigkeiten mögen vielfältig sein, in jedem Fall aber sind die Folgen abzusehen. Ein Verständnis der Heiligen Schrift wird zunehmend schwieriger – manchmal sogar unmöglich. Doch diese Situation ist nicht neu. Sehr oft wird in den Evangelien davon berichtet, dass Jesus selbst sich seinen Jüngern nicht verständlich machen konnte. Er sprach von einer inneren Gotteserfahrung, die seinen Weggefährtinnen und Weggefährten unbekannt war. Und so spricht Jesus auch im Evangelium dieses Sonntags davon, dass seine Jünger erst noch zum Glauben kommen werden. Und er verspricht eine Hilfe, einen Beistand, der die Erfahrung des Glaubens fördert und unterstützt. Es ist der Heilige Geist. Er selbst wird die Jünger daran erinnern, was die gehörten Worte Jesu zu bedeuten haben.
Und so ist es auch bei uns. Es geht um die Erinnerung dessen, was das Zeugnis Jesu ist. Wenn wir diese Worte heute hören, dann können wir sie eigentlich nur in unserem Herzen bewegen und darüber nachdenken. So geschieht seine Vergegenwärtigung unter uns und in uns – ohne dass wir seine Sprache verändern müssen.

Dr. Bettina-Sophia Karwath, Kirchenzeitung vom 1. Mai 2016

Dr. Bettina-Sophia Karwath wurde 1966 in Nürnberg geboren.  Sie studierte in Bamberg, Rom und Würzburg Theologie, Philosophie und Psychologie und promovierte sich mit einer Arbeit über Simone Weil. Sie war Lehrbeauftragte an der Uni Würzburg, Religionslehrerin und kennt die katholische Verbandsarbeit durch ihre Tätigkeit beim kfd. Bevor sie in diesem Jahr Theologische Referentin im diözesanen Tagungshaus Schloss Hirschberg wurde, war sie acht Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin am "Lehrhaus für Psychologie und Spiritualität" in Marktheidenfeld.

Lesungen zum sechsten Sonntag der Osterzeit am 1. Mai 2016

Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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