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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

12.10.2022

Gedanken zum Kirchweihfest

Man muss die Kirche im Dorf lassen – das ist Konsens bei vielen Menschen. Gilt das auch noch, wenn keiner mehr glaubt? Oder wenn das Geld nicht mehr für die Erhaltung der Kirchen ausreicht?

Statistisch betrachtet hat der Auszug aus den Großkirchen längst begonnen. Nicht einmal mehr die Hälfte der Bewohner Deutschlands sind noch Mitglieder der beiden Großkirchen. Auch das kirchliche Personal schrumpft.

Vordergründig betrachtet klingen uns die Worte Jesu „Meine Schafe hören auf meine Stimme“ oder „Niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen“ wie eine Meldung aus besseren Zeiten. Wenn wir den „Hörtest“ der Worte Jesu bestehen wollen, müssen wir wie er sagt, sogar und gerade „den verlorenen Schafen nachgehen und suchen, bis wir sie finden“!

Als ich vor 20 Jahren der Pfarrei, in der ich tätig war, vorschlug, die Gremiensitzungen für ein Jahr auszusetzen und dass wir stattdessen alle Hausbesuche machen sollten, erntete ich einen Sturm der Entrüstung. Auf die Idee hatten mich die Gedanken gebracht, die Pater Alfred Delp über die Kirche in der Nazizeit formuliert hatte. Unter anderem hat er von den müde gewordenen Christen gesprochen und daran erinnert, welches der eindringliche Wunsch Jesu war: „Geht hinaus und verkündet allen Menschen das Evangelium!“ Er fügte hinzu: „Jesus hat nicht gesagt, setzt euch hin und wartet bis einer kommt“!

Wir schauen verbittert oder wehmütig denen nach, die aus der Kirche ausziehen. Unsere Hilflosigkeit verführt uns dazu Beratungsfirmen zu konsultieren. Jucken uns dann die Worte Jesu noch? Achselzuckend konstatieren wir: „Heute will keiner mehr glauben!“ Aber woher wissen wir das?

Vor einigen Jahren klingelte an einem Samstagnachmittag ein Bettler an unserer Klostertür. Er bat um Essen. Als ich ihm die gewünschte Speise brachte, spürte ich, dass er nicht nur leiblichen Hunger hatte, sondern auch reden wollte. Und so setzte ich mich zu ihm. Er berichtete, dass er zehn Jahre lang seine kranke Mutter bis zum Tod gepflegt habe. Danach sei er in ein tiefes Loch gefallen und auf der Straße gelandet. Er erzählte mir voller Begeisterung von einer blinden 100-jährigen Ordensfrau, die noch immer ihren Dienst an einer Klosterpforte ausübe. Sie wurden miteinander vertraut. „Wie lerne ich beten“, wollte er von ihr wissen. Sie gab zur Antwort: „Das ist ganz einfach: Du schaust Gott an und er schaut dich an!“

Wenn er ab diesem Zeitpunkt als Obdachloser unterwegs war, suchte er immer wieder Kirchen auf, um zu beten. Begeistert erzählte er mir, dass er jetzt sogar stundenlang beten könne. Weil er dann so lange in der Kirche sitzt, werde er oft vom Kirchenpersonal rausgeschmissen. „Hau ab, du hast hier nichts zu suchen!“, werde ihm nachgerufen. Mir drängte sich die Frage auf: „Und was denken Sie dann, wenn Sie aus der Kirche geschmissen werden?“ Mir blieb fast der Mund offen stehen, als er antwortete: „Ich mache es wie Jesus. Ich bete ‚Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘ und dann gehe ich in die nächste Kirche.“ 

Nach dem Gespräch mit dem „Penner“ habe ich geweint. Hier hat einer mehr von Jesus gehört und umgesetzt, als ich mit meiner Predigterlaubnis. Wenn, wie Jesus sagt, selbst „Dirnen und Zöllner eher ins Himmelreich kommen als die Pharisäer“, sollten wir wie Jesus die „Zachäusse“ von den Bäumen holen, um bei ihnen zu Gast zu sein! 

Und wenn keiner mehr zur Kirche kommt, sollen wir den Menschen nachgehen und ihn suchen, bis wir ihn finden. Nur dann bestätigen wir, dass wir „auf seine Stimme hören“. Sollte das nur noch „Pennern“ gelingen?

Pater Josef Lienhard, Nr. 42 vom 16. Oktober 2022 (Kirchweih) - Evangelium (Joh 10, 22-30)


Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter, und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab. Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange hältst Du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen! Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab; ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.

(Joh 10, 22-30)

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