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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

30.03.2022

Gesetz oder Barmherzigkeit

Gesetz oder Barmherzigkeit – vor diese Wahl wollen die Pharisäer Jesus durch die Anklage der Ehebrecherin stellen. Beides scheint für die Pharisäer nicht vereinbar, doch Jesus sprengt das kleinliche menschliche Denken. Ohne das Gesetz aufzuheben, handelt er barmherzig und bestätigt, dass er in die Welt gekommen ist, nicht um zu richten, sondern um zu retten. Gleichwohl dürfen wir nicht überhören, dass Jesus die Frau auffordert, nicht mehr zu sündigen. Die Gebote werden durch Jesus also nicht aufgehoben, die Sünde wird nicht verharmlost. Doch der Sünder selbst kann Barmherzigkeit erfahren.

Interessant ist hier auch das befremdliche Tun Jesu: Es geht um Tod oder Leben – und Jesus schreibt in den Sand! Einige Theologen meinen, Jesus habe die Sünden der Ankläger in den Sand geschrieben, um diese zur Selbsterkenntnis zu bringen. Der heilige Augustinus erinnert an die Parallele zum Berg Sinai, bei dem der göttliche Finger die Gebote auf die Gesetzestafeln schrieb. Jesus erscheint durch sein Schreiben dann als der neue göttliche Gesetzgeber.

Was aber für ein Gesetz gibt er uns? Das Gesetz der Liebe, denn die Gebote sind nicht als willkürliche Einschränkungen der Menschen gedacht, sondern als Hilfe zu einem erfüllten Leben. Vielleicht kann dieses Handeln Jesu für uns Anlass sein, unser eigenes Gottesbild zu hinterfragen. Tragen wir in unserem Herzen nicht oft das Bild eines Gottes, der uns nur liebt, wenn wir alle Gebote halten, wenn wir selbst liebens-wert sind, wenn wir eine bestimmte Anzahl von Frömmigkeitsübungen vorweisen können? 

Doch Gott liebt uns schon als Sünder. Gott liebt uns, nicht weil wir gut sind, sondern weil er gut ist. Jesus verurteilt auch uns nicht, obwohl wir immer und immer wieder in dieselben Fehler fallen. Papst Franziskus bringt es schön zum Ausdruck: „Gott wird niemals müde zu verzeihen; wir sind es, die müde werden, um sein Erbarmen zu bitten.“ Nutzen wir die Fastenzeit dazu, uns bewusst von Jesus erlösen zu lassen, seine Barmherzigkeit anzunehmen. Gott liebt es, barmherzig zu sein, die Sünde zu vergeben – dafür ist er in die Welt gekommen. Geben wir ihm in unserem Leben die Gelegenheit dazu. 

Betrachten wir das heutige Evangelium aber auch aus einer anderen Perspektive: Die Pharisäer und Schriftgelehrten klagen die Sünderin an, die objektiv gegen das Gesetz verstoßen hat. Sind nicht auch wir versucht, die Fehler der anderen bloßzustellen und sich über sie aufzuregen? Wie oft klagen wir Menschen an, die schuldig geworden sind und geben ihnen keine zweite Chance, ihr Leben zu ändern? Und wie wenig blicken wir dabei auf uns. Leiden wir teilweise nicht an denselben Fehlern, die uns bei anderen stören? Vielleicht hatten wir das „Glück“, das mancher Fehler von uns noch nicht entdeckt worden ist. 

„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Wie hilfreich ist dieser Satz. Bevor wir über andere zu Gericht sitzen und sie verurteilen, ist es gut, in das eigene Herz zu blicken. Bevor wir durch die Verurteilung und Besserung der anderen das Recht wiederherstellen und einhalten wollen, ist es gut, in sich selbst das Recht herzustellen, sich selbst als Sünder zu erkennen und um Barmherzigkeit und Vergebung zu bitten. Das macht das Herz weit für die Verfehlungen der Mitmenschen. Wenn wir selbst Gottes Barmherzigkeit erfahren, dann werden auch wir immer mehr zu Ausspendern der Barmherzigkeit Gottes im Umgang mit unseren Mitmenschen werden. 

Dr. Pia Sommer, Nr. 14 vom 3. April 2022 - Evangelium (Joh 8, 1–11)


Fünfter Fastensonntag

„Das Übel mit der Wurzel ausrotten“, das sagt sich leicht.
Besser wäre es, die Wurzel zu heilen.
Aber wer kann das und wie kommt man an die Wurzel?
Ist Strafe ein geeignetes Mittel zur Besserung?
Die Antwort Jesu:
Heilen und helfen kann nur die Liebe.

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