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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

08.06.2022

Gibt es ein Bild, das Gott erfassen kann?

Altaraufsatz in der Beilngrieser Frauenkirche.

Welches Bild machen wir uns von Gott, dem Dreieinen? Altaraufsatz in der Beilngrieser Frauenkirche. Foto: Kreitmeir

Meine besten Nachhilfelehrer im Fach Theologie waren die Kinder. Von ihnen habe ich viel gelernt.

Ich vergesse nie eine erste Religionsstunde in einer Sexta. Ich bat die Schülerinnen und Schüler zu malen, wie sie sich Gott vorstellen. Begeistert waren sie dabei. Ein Schüler bockte, hielt die Hände vors Gesicht. Er schien aufgeregt zu sein, denn sein Kopf lief hochrot an. Am Ende der Stunde sammelte ich die Zettel ein. Recht spontan ging bei dem Malverweigerer die Hand hoch. Seine provokative und vorwurfsvolle Frage: „Seit wann müssen sich die Religionslehrer nicht mehr an die biblische Vorschrift ‚Du sollst dir von mir kein Bild machen‘ halten?“ Weil die Stunde um war, sagte ich zu dem Schüler: „Darüber reden wir in der nächsten Stunde!“

Der Einwand des Schülers war eine Steil-vorlage, um mit den Kindern darüber ins Gespräch zu kommen, dass letztlich kein Bild Gott erfassen kann. 

Kam nicht Thomas von Aquin, einer der größten theologischen Lehrer, am Ende seines Lebens zur Erkenntnis: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir wie Spreu vor. Ich werde kein Wort mehr von mir geben“?

Und wie viele theologische Auseinandersetzungen hat es um das Thema Dreifaltigkeit in den ersten Jahrhunderten gegeben. Die junge Kirche biss sich daran die Zähne aus und hat das Dogma von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist entwickelt. Es gab Streitigkeiten um das richtige Verständnis der Dreifaltigkeit. Wir lesen, dass sich die Marktfrauen in Ephesus geprügelt und sich bis zum Eintreffen der Polizei mit Obst beworfen haben, weil jede sich noch besser beim dreifaltigen Gott auskennen wollte. Es blieb aber nicht bei Obstschlachten, sondern unterschiedliche Vorstellungen von der Dreifaltigkeit führten im 11. Jahrhundert zum Bruch zwischen Ost- und Westkirche.

Kein Zweifel: Wir brauchen Glaubensinhalte. Augustinus hat aber zugegeben, dass das Reden über die Dreifaltigkeit eine Notrede sei, ein ‚Gerade noch besser als gar nichts‘: „Wir reden von den drei Personen nicht, weil wir damit der Wirklichkeit genügen könnten, sondern um nicht verstummen zu müssen.“

In der zweiten Lesung zum Dreifaltigkeitsfest aus dem Römerbrief lesen wir: „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“

Diese Aussage des Paulus führt mich direkt zur „roten Linie“ des Evangelisten Johannes: „Gott ist die Liebe“. Denn wenn Gott die Liebe ist und uns zuerst geliebt hat, kann Gott kein einsames und isoliertes Wesen sein. Beziehung, Austausch, Gemeinschaft gehören zu seinem Wesen. 

Im Bild des Vaters haben alle unsere Erfahrungen Platz, die uns ahnen lassen: Unser Leben ist ein Geschenk. Wir sind Gottes Ebenbild, und er verliert uns nicht aus den Augen (Gleichnis vom verlorenen Sohn). Im Bild des Sohnes haben alle Erfahrungen Platz, die Menschen im Evangelium und zu allen Zeiten machen konnten. In ihm hat Gott „Hand und Fuß“ bekommen. Im Bild des Heiligen Geistes haben alle unsere Erfahrungen Platz, die uns spüren lassen: Dieser Geist ist uns ver- und zugesprochen, damit wir mit ihm zu jeder Zeit rechnen können. Er macht uns Mut,zu trösten und zu heilen. Er ist abrufbar, damit uns Kraft zuwächst, wo wir am Ende sind. 

„Wenn Gott es wert ist, ihn ein Leben lang zu suchen“, wie Teresa von Avila schreibt, dann werden Glaubenszweifel zu Motivationsschüben. Wenn ich nach dem Tod im Dialog mit Gott bin, will und werde ich alles wissen. Dann habe ich den vollen Durchblick. Aber erst dann!

 Pater Josef Lienhard, Nr. 24 vom 12. Juni 2022 - Evangelium (Joh 16, 12-15)


Dreifaltigkeitssonntag

Hochfest

Wir machen das Kreuzzeichen und sagen:
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Was hat das Kreuz mit den drei göttlichen Personen zu tun?
Es ist das Zeichen des Sohnes, des Menschensohnes, der am Kreuz für uns starb.
Im Sohn wohnt die Fülle der Gottheit;
der Vater ist im Sohn und der Sohn im Vater durch den heiligen Geist.
Der Heilige Geist ist auch die innige Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung,
er ist die wesentliche Liebe.
Und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.

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