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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

21.10.2016

„Herr, sei mir Sünder gnädig“

Pfeil hier oben. Foto: Archiv

Im Evangelium des 30. Sonntages im Jahreskreis stellt Jesus „einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten“ das Beispiel eines Pharisäers und eines Zöllners vor Augen, die sich bis in die äußere Haltung hinein radikal unterscheiden: Der Pharisäer stellt sich schon so hin als ob der Tempel ihm gehörte. Eigentlich betet er gar nicht, d.h. er spricht nicht zu oder mit Gott – im Griechischen heißt es wörtlich übersetzt „er betete bei sich selbst“ –, sondern er zählt in einer scheinbar frommen, aber zutiefst selbstgerechten Selbstbespiegelung nur seine eigenen Tugenden auf und schaut verächtlich auf die anderen. Er kreist um sich selbst.

Der Zöllner dagegen bleibt ganz hinten stehen, so als habe er die Schwelle eines Hauses übertreten, in das er eigentlich gar nicht gehört, und drückt sein Gebet („Herr sei mir Sünder gnädig!“) auch mit dem Leib aus: er wagt nicht einmal die Augen zu erheben und schlägt sichan die Brust.

Das also ist der entscheidende Unterschied: Der Pharisäer schaut nicht auf Gott, sondern auf sich selbst. Er missbraucht das Gebet, um seine eigene Größe darzustellen, um sich vor Gott und den Menschen in das für ihn rechte Licht zu rücken. Indem er urteilt, setzt er sich an die Stelle Gottes, statt sich Gott unterzuordnen. Indem er nur sich selbst findet, verliert er Gott.

Der Zöllner dagegen spürt in einer realistischen Selbsteinschätzung seinen Abstand zu Gott, dem allein Heiligen. Schonungslos nimmt er vor Gott seine eigene „Qualität“ wahr und erkennt, wer er wirklich ist. Stammelnd spricht er nur diesen einen Satz: „Herr, sei mir Sünder gnädig“. Diesen Satz ehrlich sprechen zu können, ist nach dem heiligen Benedikt die höchste Stufe der Vollkommenheit. Er findet in sich nichts als Sünde, eine Leere an Gott, die aber in seinem Gebet zu einer Leere für Gott wird. Obwohl er sich als Sünder weiß, traut er Gott in seiner Heiligkeit zu, dass er nicht nur heilig ist, sondern auch – oder gerade deswegen – gnädig und barmherzig.

Hans Urs von Balthasar resümiert: „Kein Mensch, der die eigene Vollkommenheit zum letzten Ziel nimmt, wird Gott je finden; wer aber die Demut hat, Gottes Vollkommenheit in seiner eigenen Leere wirksam werden zu lassen – nicht passiv, sondern indem er mit dem geschenkten Talent arbeitet –, wird vor Gott als ein ‘Gerechtfertigter’ gelten.“ Und Klaus Berger betont: „Gnade bedeutet nicht Aufhebung der Differenz im Status. Der Sünder wird nicht Gott, wenn er einen gnädigen Gott findet.“

Das Evangelium ist also eine Aufforderung zur realistischen Selbsterkenntnis vor Gott und es kann aus einer solchen Haltung heraus zugleich als Aufruf zum barmherzigen Umgang miteinander verstanden werden! Ganz in diesem Sinne betonte Papst Franziskus in seiner Botschaft zum 50. Welttag der Kommunikationsmittel: „Die Barmherzigkeit kann helfen, die Widrigkeiten des Lebens zu mildern, und denen, die nur die Kälte des Urteils erfahren haben, Wärme schenken. Möge der Stil unserer Kommunikation so geartet sein, dass er die Logik der krassen Trennung nach Sündern und Gerechten überwindet. Wir können und müssen über Situationen der Sünde – Gewalt, Korruption, Ausbeutung usw. – richten, aber wir dürfen nicht über Menschen richten, denn allein Gott kann das Innerste ihres Herzens deuten.“

Michael Wohner, Kirchenzeitung vom 23.10.2016

Michael Wohner wurde 1982 in Schwabach geboren. Nach dem Theologiestudium in Eichstätt verbrachte er den zweijährigen Pastoralkurs in der Pfarrei Berching. 2008 wurde er zum Priester geweiht und war danach fünf Jahre lang Kaplanin Weißenburg. Während dieser Zeit besuchte er, nach der abgeschlossenen zweiten Dienstprüfung, als "externes Mitglied" das staatliche Studienseminar für katholische Religionslehre in Ingolstadt. Seit September 2013 arbeitet er in den Pfarreien Treuchtlingen und Möhren mit, gibt weiterhin Religionsunterricht und ist mit einem weiterführenden Studium im Bereich Religionspädagogik beauftragt.

Lesungen zum 30. Sonntag im Jahreskreis am 23. Oktober 2016

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