Zum Inhalt springen

Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

13.10.2021

Ich glaube an die Zukunft der Kirche

Als vor einigen Jahren die Kathedrale von Notre Dame in Paris brannte, war das Entsetzen weltweit riesengroß. Eine weitere Überraschung blieb nicht aus: Innerhalb kürzester Zeit kam die Meldung, dass die Finanzierung des Wiederaufbaus durch Spenden gesichert sei.

Wie konnte das geschehen? Gilt auch im säkularen Frankreich, dass man „die Kirche im Dorf lassen muss“? Zugegeben: die Kathedrale Notre Dame ist für Frankreich nicht nur katholisches Gotteshaus, sondern ein identitätsstiftendes, staatstragendes Baudenkmal, das aus der französischen Geschichte nicht wegzudenken ist. Und für jeden Paris-Besucher ist es ein Muss dort gewesen zu sein.

Und Wunder geschahen dort auch. So fand dort während eines Vespergottesdienstes Paul Claudel, bis dahin bekennender Atheist, durch ein Erweckungserlebnis seinen Glauben. Es war Weihnachten 1886. Da er mit dem Feiertag nichts anderes anzufangen wusste, ging er am Nachmittag zur Vesper nach Notre Dame. Er schreibt: „Im Nu wurde mein Herz ergriffen. Ich glaubte. Ich glaubte mit so einer mächtigen inneren Zustimmung, mit solch unerschütterlicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offen blieb, dass von diesem Tag an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochte. (...) Es ist wahr. Gott existiert, er ist da. Er ist jemand, er ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich. Er liebt mich, er ruft mich!“ In einem Brief schrieb er später: „Während ich auf das Magnifikat hörte, hatte ich die Offenbarung von einem Gott, der die Arme nach mir ausstreckte!“

Natürlich hätte Paul Claudel das auch an einem anderen Ort erfahren können. Und doch bedarf es solcher sakraler Orte, zu denen es nach wie vor viele Menschen hinzieht. So suchte auch Jesus immer wieder den Tempel auf. Hier diskutierte er mit Menschen. Hier stieß er auch die Tische der Verkäufer um, um darauf aufmerksam zu machen, dass der Tempel ein Haus des Gebets sei. Jesus geht es um den Glauben. „Ich habe es euch schon gesagt, aber ihr glaubt nicht (Joh 10, 25). Und so steht er ganz in der prophetischen Tradition. Jesaja hat den Zuhörern schon gesagt: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht!“ (Jes 7, 9).

Wenn wir heute Kirchweihfest feiern, dann haben wir Bauchweh, wenn wir daran denken, dass in den nächsten Jahren viele Kirchen aufgegeben und profaniert werden müssen. Dann bleibt nicht mehr die Kirche im Dorf, sondern ein Fitnesszentrum, ein Gasthaus werden an dieser Stelle gebaut, oder die Kirche wird einfach abgerissen. Dann ist die Kirche nicht im Dorf geblieben. Wie konnte es so weit kommen? Wollen die Menschen nicht mehr glauben?

Selbst wenn man mich jetzt nach 50 Priesterjahren für durchgeknallt hält, so glaube ich an die Zukunft der Kirche, auch wenn wir heute manchmal als abschreckendes Beispiel fungieren. Ich habe in vielen Gesprächen mit den Menschen gespürt, dass in jedem eine Sehnsucht steckt, glauben zu wollen. Aber wir sind müde und verbittert. Und so vernachlässsigen wir unsere ureigene Aufgabe. „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“, hat Paulus geschrieben. Weh uns, wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, den Menschen nicht mehr nachgehen. Es geht nicht um „Zählseelsorge“, nicht um Machtspielchen, sondern darum, dass wir uns von der Not der Menschen motivieren lassen.

Raus aus der Resignation! Raus aus dem Blödstellreflex! Vielleicht bin ich wirklich unverbesserlich, wenn ich glaube, dass aus einer Wunde noch ein Wunder werden kann?! 

P. Josef Lienhard, Nr. 42 vom 17. Oktober 2021 – Evangelium (Mk 10, 35–45)


29. Sonntag – im Jahreskreis

Jesus war ein guter Lehrer, aber er hat bis heute Schüler, die sitzen wollen,
anstatt sich in Bewegung zu setzen und ihren Weg zu suchen.
Den Weg, auf dem Jesus vorausgeht:
den Weg der großen Befreiung, in Armut und Schwachheit.
Die Kirche Christi ist Bewegung und Wachstum, Zeugnis für den lebendigen Gott.

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de

Bezugspreise (ab Jan. 2021):
Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 8,80 €
(7,60 € einschl. 7 % MWSt. + 1,20 € Zustellgebühr);
durch die Post monatlich 9,55 €;
Einzelnummer 2,20 €.