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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

24.11.2021

Ist dieses Evangelium nicht eine Zumutung?

Mal ehrlich: Würden Sie den heutigen Evangelientext in eine Adventsfeier einplanen? Eine Horrorgeschichte, die einen erschaudern lässt. Völlig unpassend für einen idyllischen Advent!

Aber passt dieser Text andererseits nicht in die weltweite Grundstimmung? Hungersnöte auf der ganzen Welt, eine noch nie erlebte Pandemie in diesem Ausmaß! Drohende Klimakatastrophen! Kriege, Despoten und Staatsmänner, die die Parole ausgeben: Mein Land zuerst. Und dann kommt lange nichts!

Und in dieselbe Kerbe der Horrornachrichten schlägt auch noch dieses Evangelium. Es ist fast so, als würde das Evangelium nicht nur „seinen Senf dazu geben“, sondern es überbietet diese Schreckensmeldungen noch. 

Der Jesuit Pater Friedrich von Spee (1591-1635) hat uns ein nachhaltiges Adventslied geschenkt: „O Heiland reiß die Himmel auf“. Sie finden es im Gotteslob unter der Nummer  231. Darin heißt es in der vierten und sechsten Strophe: „Wo bleibst Du Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal (...) Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod“.

Dieser Jesuit hat in seiner Verzweiflung über das Los der Frauen, die als Hexe angeklagt waren, ein Buch geschrieben: „Cautio criminalis“. Er hat es anonym geschrieben, um nicht selbst als Hexerich gefoltert und getötet zu werden. Er musste seine Professur in Paderborn aufgeben, sollte aus dem Orden gefeuert werden, weil es der Generalobere so wollte. Sein Provinzial stand zu ihm. Durch „Bäche von Tränen“ sei das Buch entstanden, schrieb er. Tränen, die ihm die seelsorgerliche Konfrontation mit den vielen unschuldigen Opfern des Hexenwahns über Jahre abgepresst hatte. „Die Nächstenliebe verzehrt mich und brennt wie Feuer in meinem Herzen. Sie treibt mich an mich mit vollem Eifer dafür ins Mittel zu legen!“ Und weiter: „Kein deutscher Edelmann würde ertragen können, dass man seinen Jagdhund so zerfleischte. Wer soll es da mit ansehen können, dass ein Mensch so vielmehr zerrissen wird.“ Pater Spee hat gelitten wie ein Hund! Er musste im 30-jährigen Krieg mit ansehen, wie Christen einander töteten. Ganz Europa stand in Flammen. Und dazu kam auch noch die Pest. Und weil er nicht mehr dozieren durfte, entschied sich Friedrich von Spee nach Trier zu gehen, um dort eigenhändig Pestkranke zu pflegen. Und dann erwischte ihn diese Krankheit selbst und er starb.

Ein adventlicher Mensch ist einer der protestiert. Komm tröst uns hier im Jammertal! Lass uns nicht zum Jammerlappen werden, sondern reiß uns aus der Lethargie heraus. Wenn das geschieht, erhebt euch, sagt Jesus im Evangelium. Bleibt nicht liegen, dispensiert euch nicht vom Zupacken, mischt euch ein und packt an.

„Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe!“ Wir sind erlöst von dem Gedanken und dem Gefühl verloren zu sein. Wir sind befreit von der Angst, dass da sowieso nichts mehr zu machen sei. Was kann ich allein schon ausrichten? Spätestens nach dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter weiß jeder Christ, dass nicht nur Beten hilft. Nein, der Advent taugt nicht für Feiglinge, sondern für Aufständische, auch wenn es Kopf und Kragen kostet. Adventliche Menschen sind Zupacker und keine Wegschauer! „Wenn das geschieht: richtet euch auf!“ Also, Kopf hoch und nicht den Kopf in den Sand stecken. Damit wir all das Schreckliche und Furchtbare in unsere megoistischen und barmherzigkeitsvergessenen Leben nicht einfach übersehen. Kann denn jemand cool bleiben, wenn er die ganze Brutalität von Flucht und Terror, Klimakatastrophen, die Not so vieler einsamer Menschen um uns herum sieht? Warum dauert es so lange, bis wir begriffen haben, dass Gott uns sagt: Ich habe doch nur euch!

Pater Josef Lienhard


Erster Adventssonntag

Die Wochen des Advents sind jedes Jahr aufs Neue die Zeit der Erwartung und Bereitung:
Vorbereitung auf das Kommen des Herrn, hier und jetzt.
Zeit der großen Hoffnung, die aus dem Glauben kommt.
Die Kraft der Hoffnung aber ist die Liebe.
Das liebende Herz erfährt jetzt schon die Nähe des Herrn und
die heilende Kraft seiner Gegenwart.

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