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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

18.05.2022

Jesus schaut nicht nur vorbei – er will bei mir wohnen

Begeistert erzählte mir eine Oma, dass sie gerade ihrer Enkelin das Kindergebet „Ich bin klein, mein Herz ist rein, darf niemand drin wohnen als Jesus allein“ beigebracht habe. Ich muss irgendwie komisch reagiert haben, weil sie mich fragte, ob ich das Gebet nicht großartig fände. Ich stellte ihr eine Gegenfrage. „Was würden Sie empfinden, wenn Ihre Enkelin ihnen sagen würde: „Oma, ich habe dich nicht mehr lieb. Ab jetzt: nur Jesus allein!“

Kann denn Jesus wollen, dass wir alle Menschen, die wir lieben, aus dem Herzen schmeißen, damit er sich dort allein wohlfühlen kann? Hat er nicht die Nächstenliebe der Liebe zu Gott gleichgesetzt, wenn er sagt: Ein anderes Gebot ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Lk 10, 27).

Jesus geht es auch nicht um ein „reines Herz“, sondern um ein liebendes Herz „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen!“ (Joh 14, 23) – so steht es im Evangelium von diesem Sonntag. Und in der Geheimen Offenbarung 3, 20 lesen wir: „Ich stehe vor der Tür deines Herzens und klopfe an. Wenn du mir aufmachst. Will ich eintreten und bei dir wohnen!“

Jesus war schon zu Lebzeiten kein abgehobener Einzelgänger. Sein Lebensmotto: „Mich drängt es bei den Menschen zu sein“. Um dieses Anliegen praktisch umzusetzen, hat er sich sogar nachsagen lassen müssen, ein Fresser und Säufer zu sein“ (Lk 7, 34f). Die Dirne, die mit ihren Tränen seine Füße wusch, hat er nicht zurückgewiesen, obwohl der fromme Gastgeber sich darüber entrüstete. Jesus geht es nicht um einen Höflichkeitsbesuch. Er sagt nicht nur „Grüß Gott“, sondern will bei mir wohnen! Er wird zu meinem innersten Duzfreund, kommt höchstpersönlich zu einem Anhörungstermin in mein Herz und stellt keinerlei Vorbedingungen. Er sagt nicht: Ich komme nur in ein reines Herz.

Jesus hat als Pastoralmotiv ausgegeben: „Ich gehe den Verlorenen nach und suche bis ich sie finde“ (Lk 15, 4). In Bayern würden wir sagen: Der läuft ja jedem Deppen hinterher! Und er bevorzugt sogar solche Typen, weil: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mk 2, 17). Zachäus war doch ein Erzschlawiner, den die Menschen am liebsten am nächsten Baum aufgehängt hätten. Für Jesus war er eine Topadresse! 

Aber was erwartet ihn bei mir? Was habe ich ihm zu bieten? Und da hört die Gemütlichkeit schon auf: Weil ich ein Sünder bin, findet er eher einen Saustall als eine Nobelwohnung vom allerfeinsten vor. Wenn selbst die hochkarätigsten Sünder von Jesus hofiert wurden, darf ich nie auf die Idee kommen, dass dieser Jesus nichts mit mir zu tun haben will. Ein Kontaktverbot käme mich teuer zu stehen.

Also erlaube ich Gott, in mein Leben einzutreten, bei mir zu wohnen, mag mein Leben noch so verpfuscht sein. Wenn ich mich verschließe, bin ich arm dran. Ich habe es in der Hand! 

Pater Josef Lienhard, Nr. 21 vom 22. Mai 2022 - Evangelium (Joh 14, 23–29)


Sechster Sonntag der Osterzeit

Wo Leben ist, da ist Bewegung und Veränderung.
Jedes Jahr und jeden Tag steht die Kirche Christi vor neuen Fragen und Aufgaben.
Alles beim Alten zu belassen würde bedeuten,
den Auftrag Christi und die Not der Menschen zu vergessen.
Der Geist Christi, der Geist der Wahrheit und des Friedens,
ist in der Kirche der wahre Unruhestifter (es gibt auch falsche).
Er erinnert uns an das Wort und den Auftrag Christi.

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