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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

21.04.2022

Thomas – Prototyp des modernen Menschen

Können Sie an Gott glauben“, so fragte mich vergangenen Herbst ein junger Mann anlässlich einer Familienfeier. „Ja, natürlich“, sagte ich und fügte hinzu: „Gott ist für mich eine Realität. Jeden Tag trete ich mit ihm in Beziehung.“ „Wie soll das gehen“, fragte der junge Mann weiter, „mit Gott in Beziehung treten, wo Sie ihn doch gar nicht sehen?“ „Ich habe die Gewissheit, dass er da ist“, antwortete ich, „und ich spüre ihn in meinem Innern.“ Darauf der junge Mann: „Diese Welt, von der Sie sprechen, ist mir fremd. Aber manchmal denke ich mir: Wenn ich doch auch nur glauben könnte.“

Der junge Mann steht für eine religiöse Einstellung, wie sie eine Reihe unserer Zeitgenossen haben: Die Welt des Glaubens ist ihnen fremd. Aber sie suchen und fragen und vor allem haben sie die Sehnsucht nach gelingendem Leben, nach Glück und Erfüllung. Sie können sich aber nicht vorstellen, dass der Glaube einen Weg dazu eröffnet. Sie tun sich schwer mit dem Glauben und der Gemeinschaft der Glaubenden.

Die Thematik des Glaubens klingt auch im heutigen Evangelium an. Der Apostel Thomas, der zum engen Freundeskreis Jesu gehört, tut sich schwer, zu glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Die Erfahrungen der letzten Tage haben Thomas hart werden lassen, die Trauer und die Verzweiflung über den Verlust des geliebten Menschen haben etwas in ihm zerbrechen lassen. Die große Hoffnung, dass Jesus sein Volk retten und aus der Gewalt der Römer befreien würde, ist dahin. So wird er zum Skeptiker, der Gewissheit braucht: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite legen, glaube ich nicht.“

Damit wird Thomas nicht nur zum Prototyp des modernen Menschen, der den Dingen auf den Grund gehen will, sozusagen zum Heiligen der Neuzeit mit ihrem Wissensdurst und Forschungsdrang, sondern er wird auch zum Spiegelbild des eigenen Glaubens. Von Thomas können wir lernen, was es heißt zu glauben. Von ihm können wir lernen, dass Zweifel im Glauben Berechtigung haben. Nicht der Zweifel ist der Feind des Glaubens, sondern die Gleichgültigkeit und Trägheit. Wenn Zweifel aufkommen, wird deutlich: Der Glaube ist kein Ding, das wir wie einen Besitz vor uns hertragen könnten, sondern er ist Teil unseres Menschseins, gefährdet und zerbrechlich, aber immer unterwegs mit einer Sehnsucht nach gelingendem Leben. Glaube und Zweifel sind keine Gegensätze, sondern ergänzen sich.

Jesus reagiert auf den zweifelnden Thomas nicht mit Mahnung und Moral, sondern mit Begegnung und Beziehung. Er gibt sich Thomas zu erkennen, er öffnet sich ihm so wie er ist, mit Wundmalen an den Händen und an seiner Seite. Und gerade so lädt er ihn zum Glauben ein: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“

Da ereignet sich für Thomas Auferstehung. In der Begegnung mit dem Auferstanden wird sein Herz geweitet. Der Zweifel wandelt sich in Vertrauen, sodass er bekennen kann: „Mein Herr und mein Gott.“ Möge uns das auch immer wieder geschenkt werden: In Zeiten des Zweifelns, Suchens und Fragens durchzustoßen zu einem tiefen Vertrauen auf Gott.

Dompropst Alfred Rottler, Nr. 17 vom 24. April 2022 - Evangelium (Joh 20, 19–31)


Weisser Sonntag

Der gefährlichste Feind des Glaubens und der Liebe ist der Zweifel:
die bohrende Frage, ob nicht alles nur Betrug und Selbsttäuschung war.
Gründe und Beweise helfen nicht weiter, sie werden ja ebenfalls in den Zweifel hineingezogen.
Helfen kann nur eine große, alles verändernde Erfahrung:
die Offenbarung der Wahrheit selbst oder die spontane Mitteilung der Liebe.
Dem „ungläubigen“ Thomas hat Jesus seine Wunden gezeigt,
um die Wunde des Zweifels zu heilen.

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