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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

03.11.2021

Von großherzigen Witwen und frommen Pharisäern

Das musst du unbedingt gesehen haben!“ So ähnlich wird Jesus seinen Jüngern von dieser Witwe berichtet haben, die er am Opferkasten beobachtet hat. Witwen waren zur Zeit Jesu „der letzte Dreck“. Sie hatten keine Rente, lebten von der „Hand in den Mund“. Schon die Propheten warnten davor, diese Personen zu unterdrücken. „Helft den Witwen“, haben sie den Menschen gepredigt!

So einer Witwe bin ich vor 30 Jahren begegnet. Nicht nur, wenn ich auf diese Bibelstelle stoße, denke ich an sie. Weil niemand jemals ein Seligsprechungsverfahren für sie einleiten wird, will ich hier die Erinnerung an sie wachhalten.

Unsere Ordenskommunität in Paderborn hatte auch eine Gruppe Jugendlicher aufgenommen, die kein Zuhause hatten und die uns das örtliche Jugendamt zugewiesen hatte. Das bekamen die Gottesdienstbesucher unserer Klosterkirche hautnah mit. 

Eine alte Witwe, Frau W., kam auch immer zum Gottesdienst. Sie ging an zwei Krücken, ihr Rücken war so gekrümmt, dass ihr Blick nur noch auf den Boden fiel. Sie war sehr freundlich, klagte nie und kam selbst im Winter, mit Socken über den Schuhen, um wegen des Glatt-
eises nicht auszurutschen, zum Gottesdienst.  Sie lebte in ihrem Haus, das sie mit ihrem Mann erbaut hatte. Der Kontakt zur Familie ihres einzigen Sohnes war sehr schwierig, was ich aber erst nach ihrem Tod realisierte. Jeden Samstag ging Frau W. zum Markt und kaufte für unsere Jungen ein. Sie schleppte die Waren zu uns ins Kloster und gab sie an der Pforte ab.

Verwundert stelle ich fest, dass sie ab und zu um eine Messintention für eine gute Sterbestunde bat. Als sie wieder einmal vom Markt zurückkam, brach sie zwei Meter vor dem Haus tot zusammen. Erst nach ihrem Tod kam ich dahinter, warum ihr an einer guten Sterbestunde lag. Einige Wochen nach der Beerdigung kam ihr Sohn und wollte wissen, warum und wieviel seine Mutter bei uns finanziell investiert hat. Vermutlich fand sich nicht mehr viel auf ihrem Sparbuch. Sie hatte alles weggegeben. Diese Frau war eine Lebens- und Glaubenskünstlerin! Sie hat es in keine Fernsehsendung geschafft, aber erreicht, dass unsere Jugendlichen bei der Beerdigung sein wollten, denn sie wussten um das gute Herz dieser Frau. Sie hängte ihr Gutestun nicht „an die große Glocke“. Den Dank des Himmels wird sie längst erfahren haben!

Ich wundere mich nicht, warum Jesus eine so erfahrbare Witwe heute lobend erwähnt und sie zum Kontrastprogramm der Pharisäer aufbaute. Von den Pharisäern, theologisch geschult, in hohen Ämtern und Würden, die selbsternannten Frömmsten der Frommen, spricht Jesus: „Was sie euch sagen, das tut, aber schaut nicht auf ihre Werke!“ Man kann kaum abfälliger über eine Berufsgruppe reden, die obendrein „in langen Gewändern umhergeht, sich überall grüßen lässt und die in den Synagogen und bei den Festmählern die obersten Plätze hat, aber diese Männer  bringen die Witwen um ihre Häuser und verrichten aus Scheinheiligkeit lange Gebete“ (Mk 21, 38ff).

Auch wenn nicht alle Pharisäer dieser Beschreibung Jesu entsprechen, so wissen wir, dass die Gefahr selbsternannter Heiligkeit latent bei uns vorhanden ist. Das fängt schon damit an, dass ich mich besser dünke als andere und auf sie herabschaue. Das Gebet: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie Frau oder Herr X“, (Lk 18, 11) verrät uns. Augustinus hat ein Schild in die Mitte seines Esstisches gestellt: „An diesem Tisch darf kein schlechtes Wort über andere gesagt werden. Sonst verlasse ich sofort die Tischgemeinschaft!“ Gibt es ein besseres Mittel gegen Pharisäismus?


P. Josef Lienhard Nr. 45 vom 7. November 2021 – Evangelium (Mk 12, 38–44)


32. Sonntag – im Jahreskreis

Etwas von seinem Überfluss hergeben ist nichts Besonderes.
Echte Großzügigkeit fängt dort an, wo ich etwas schenke, das mir selbst nützlich oder notwendig wäre.
Und sie endet damit, dass ich nicht nur meinen Besitz gebe,
sondern alles: meine Kraft, meine Zeit, mein Leben.
Jesus konnte sagen: Ich habe euch das Beispiel gegeben.

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