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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

22.09.2021

Wenn alle Taufschein-Christen wüssten ...

Jetzt motzt schon der liebenswürdige und brave Johannes! Einfach hatte es Jesus mit seinen Jüngern nicht! So stöhnt er: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? (Joh 14, 9).“ Dickschädel waren die Apostel. Aber sind wir lernfähiger? Hat es nicht fast zweitausend Jahre gebraucht, bis wir erkannt haben, dass die Todesstrafe nicht im Sinne Jesu ist? Auch die Bastion des „gerechten Krieges“ ist jetzt erst gefallen. Und erst das Zweite Vatikanische Konzil hat zu einer ökumenischen Weite gefunden, die schon Jesus gefordert hat.

Im Evangelium vom heutigen Sonntag erfahren wir, wie die Jünger feststellen, dass außerhalb ihres Kreises andere im Namen Jesu mit Erfolg Dämonen austrieben. Das geht doch gar nicht. Dieses Patent wollen sie sich nicht aus der Hand nehmen lassen. Aber Jesus macht bei diesem Spielchen nicht mit. „Lasst sie doch gewähren“, ist seine Reaktion.

Und dann geht Jesus hin und erklärt, dass er in ganz Israel nicht so einen gläubigen Menschen wie den heidnischen Hauptmann gefunden habe. Das muss man sich vorstellen, wie das bei den Pharisäern und anderen Frommen einschlug – wie ein Blitz. Das war doch eine glatte Brüskierung und strafte alle Lügen, die meinten, nur sie seien Lieblinge Gottes. Ja, Jesus setzt sogar noch einen drauf, wenn er sagt, dass „Huren und Sünder noch eher ins Himmelreich kämen als die Pharisäer“ (Mt 23, 13). Und obendrein macht Jesus den barmherzigen Samariter, der auch noch „das falsche Gebetbuch“ hatte, zum Vorzeige-Christen. Originalton Jesus Christus: „Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört – Amen, ich sage euch – er wird nicht um seinen Lohn kommen“ (Joh 9, 41). Lieber eine Nächstenliebe ohne Taufschein als ein Taufschein ohne Nächstenliebe.

Eine der größten Initiativen vom heiligen Papst Johannes Paul II. war das Friedensgebet aller Religionsvertreter in Assisi. Viele fühlten sich damals vor den Kopf gestoßen. War es nicht höchste Zeit nicht nur zu reden, sondern zu handeln? Haben nicht in der Menschheitsgeschichte die Religionen immer wieder versagt, weil sie Hass und Krieg schürten? Haben nicht religiöse Fanatiker und Fundamentalisten die Botschaft des Evangeliums konterkariert? Ketzer wurden verbrannt, Menschen in Afrika und anderswo wurden versklavt und zwangschristianisiert. Wird nicht durch den Rassismus die Menschenwürde missachtet? Das fing mit den Pharisäern an und zieht sich durch die Menschheitsgeschichte bis zu den Selbstmordattentätern. Momentan macht uns die Entwicklung in Afghanistan fassungslos. Und doch dürfen wir nicht vergessen, dass nur vier Prozent der Bevölkerung Afghanistans das Verhalten der Taliban bejahen.

Pater Christian de Cherge, Prior des Trappistenklosters Tibhirine in Algerien, der mit seinen Mitbrüdern von Islamisten ermordet wurde, hat in seinem Testament geschrieben: „Ich sehe nicht, wie ich mich freuen könnte, dass dieses Volk, das ich liebe, ohne Unterschied wegen meiner Ermordung angeklagt wird. Nun werde ich, wenn es Gott gefällt, meinen Blick mit dem Gottes, des Vaters, vereinen dürfen, um so mit ihm seine Kinder aus dem Islam zu betrachten. Und auch du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der du nicht weißt, was du tust! Dass es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt.“ Das schrieb er vier Jahre vor seinem gewaltsamen Tod. In diesen Sätzen schlägt das pure Evangelium durch. Warum hat es so lange gedauert, bis wir das erkannt haben?

P. Josef Lienhard, Nr. 39 vom 26. September 2021– Evangelium: Mk 9, 38–43.45.47–48


26. Sonntag – im Jahreskreis

Gott ist größer als das Herz der Menschen. Auch bei Menschen, die anders fromm und anders gläubig sind als wir, ist der Geist Gottes am Werk; ohne ihn gibt es nichts Gutes. Auch bei denen, die das Christentum bekämpfen, ist nicht alles nur böser Wille. Vielleicht bekämpfen sie nur das, was wir zu Unrecht als Christentum ausgegeben haben. Innerhalb der christlichen Gemeinschaft aber lautet die Grundfrage: Wie stehst du zu Christus?

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