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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

20.07.2022

Wie aber sollen wir beten?

Herr, lehre uns beten!“ fordern die Jünger Jesus auf. Haben die Kerle nicht gewusst, wie beten geht? Jedes jüdische Kind ist doch seit Kindesbeinen an mit den Psalmen vertraut. Das Gebet gehörte zum Tagesrhythmus. Und auch die Jünger gingen in die Synagoge. Sie haben aber mitbekommen, dass sich Jesus ab und zu „aus dem Staub machte, um ganz allein ganze Nächte hindurch zu beten. Und kommt wie ausgewechselt zurück.

Vor einigen Jahren erzählte mir ein Mann, der sich nach einer Lebenskrise entschieden hatte, auf der Straße und in Wäldern allein zu leben, dass ihm eine 100-jährige blinde Ordensfrau das richtige Beten beigebracht hat. Er betrat immer wieder Kirchen und setzte sich stundenlang in die Bank. So konnte er, wie er mir sagte, stundenlang beten. „Manchmal wurde ich durch diensthabende Kirchenleute der Kirche verwiesen: „Hau ab, du hast hier nichts verloren!“ „Und was denken Sie dann?“, wollte ich von ihm wissen. „Das tut schon weh, aber ich mache es dann wie Jesus. Ich bete ‚Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‘ und gehe in die nächste Kirche“. Können wir von diesem Mann nicht viel lernen? Ich war sehr beschämt! Dieser Mann wird verächtlich „Penner“ genannt und ist Gott so nahe. Und obendrein hat er von Jesus gelernt, dass zu einem richtigen Beten auch die Kunst des Verzeihens gehört.

Ich muss bekennen, dass ich mit 17 Jahren durch Fluchen zum Beten gekommen bin. Nach einer Falschdiagnose, nur noch eine kurze Zeit zu leben, habe ich Gott verflucht. Und so habe ich wieder zu Gott gefunden. „Es gibt nicht nur die Wunde der Not. Es gibt auch das Wunder der Not“, hat Pater Alfred Delp geschrieben.

Fragen wir nicht oft: Wie kann Gott das zulassen? Jeder und jede von uns kann Beispiele nennen, dass sein/ihr Gebet nicht erhört wurde. Hat nicht auch Jesus am Kreuz geschrieen „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott verbietet uns nicht, zu schreien, ja, nicht einmal zu fluchen. Der Dichter Dostojewski schreibt: „Wenn du bei Gott nicht mehr weiter weißt, dann fluche ihn, aber lass ihn nicht!“

Gott ist kein Weihnachtsmann, der unsere Bitten sofort erfüllt. Und bestechen lässt er sich schon gar nicht. Mag sein, dass manche beim Beten die „Engel singen hören“ oder über dem Boden schweben. Ich will das nicht verkennen. Sich von Gott angeschaut wissen und trotz all unserer Fehler nicht aus seinem liebenden Blick heraus fallen. Das ist Beten. 

Pater Josef Lienhard Nr. 30 vom 24. Juli 2022 - Evangelium (Lk 11, 1-13)


17. Sonntag im Jahreskreis

Einen Freund finden kann nur, wer imstande ist, ein Freund zu sein: frei, um über sich zu verfügen,
und bereit, sich zu verschenken. Er kann vertrauen, und der Freund vertraut ihm.
Der Freund kann um alles bitten. Und er ist da, wenn der Freund ihn braucht.
Gott ist der Heilige, der ganz Andere, der Herr. Aber er ist auch der Freund, der für uns da sein will.

Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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