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Auf ein Wort: Gedanken zum Sonntagsevangelium

01.04.2016

Wir atmen, wie Gott in uns lebt

Wir wären froh, wenn uns in unseren Zweifeln so klar und eindeutig wie dem Thomas die Antwort gegeben würde. Wir müssen uns abquälen mit unseren Dunkelheiten, mit Ängsten und Unsicherheiten und warten oft lange vergebens auf eine klare Sicht, wo wir auch so überzeugt wie der Apostel „Mein Herr und mein Gott“ sagen könnten. Jedoch eine Spur, um aus unseren verengten und verschlossenen Räumen in die weite und wunderbare Welt der ersten Christen vorzudringen, wird uns in den Worten aufgezeigt: „Jesus hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget den HI. Geist“ (Joh 20, 11). Es wird offensichtlich, dass der Geist Gottes etwas mit dem Atem zu tun hat, so wie wir ihn tagtäglich in uns spüren. Sobald wir bewusst unseren Atem wahrnehmen, verändern wir uns selbst. Die Aufmerksamkeit geht vom Kopf in den Leib, in Brust und Beckenraum, von außen nach innen. Der Fluss der Gedanken kommt zum Stehen, wir werden ruhiger. Der Atem führt uns in die Innenräume unseres Leibes und wenn wir es lang genug üben in die der Seele.

Es öffnen sich die Augen des Herzens. Gemeint sind die inneren Wahrnehmungsorgane für die Welt, in die Jesus eingetreten ist. Es wird möglich, die Nähe des Auferstandenen in uns selbst zu spüren; denn wir müssen ihn nicht über den Sternen suchen, sondern in der  uns unbekannten Tiefe unseres Herzens. Dies meint Paulus, wenn er sagt: „Ich lebe – nein – nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir (Gal 2, 20); an anderer Stelle spricht er, man müsse Christus nicht vom Himmel holen oder von der Erde herauf, vielmehr gelte es, auf die Stimme des Herzens zu achten, weil in ihm Christus zu finden ist (vgl. Röm 10, 5-8). Wer mit dem Atem sich bewusst nach innen wendet, kommt in die Räume, die dem Hastigen, dem Oberflächlichen, dem Geschäftigen und auch dem Nur-Kritischen verschlossen sind. Es gibt  heute durchaus viele, die sich ernsthaft um diesen Weg nach innen bemühen. Dazu gibt es Angebote in verschiedenen Meditationshäusern. Die Übung besteht nur darin, dass man völlig bewegungslos in Stille sitzt, atmet und betet. Das Auffallende daran ist, dass solche Veranstaltungen äußerst beliebt und begehrt sind. Man kann nur staunen, wie erfüllt, wie froh, mit welch strahlender Freude die Teilnehmer weggehen. Man darf sogar sagen, dass sie etwas vom Licht Christi in sich tragen.

Sie haben jenen Punkt in sich erreicht, wo die Gefühle und Antriebe ihren Sitz haben. Wer dort einmal angelangt ist, wird nicht mehr von falschen Vorstellungen in die Irre geleitet, nicht mehr vom Ärger über andere gequält oder von Gefühlen der Minderwertigkeit erniedrigt. Er trägt in sich die Gewissheit, dass alles gut wird. Böse Empfindungen verschwinden wie von selbst und müssen nicht mehr mit Gewalt unterdrückt werden darunter die Angst vor der Zukunft, die Sorgen, die Verletzungen und enttäuschten Erwartungen.

Wenn wir auf dem Grund unseres Herzens angelangt sind, kommen wir auch einander nahe. Wir atmen dieselbe Luft, werden vom selben Geist vom Innersten her inspiriert. Hier ist Christus, das Zentrum, das alle anzieht, ohne die Freiheit zu nehmen. So wie sich die Türen nach innen öffnen, so tun sie sich auch füreinander auf. Von den ersten Christen heißt es: „Sie waren ein Herz und eine Seele“.

P. Guido Kreppold OFM, Kirchenzeitung vom 3. April 2016

P. Guido Kreppold OFMCap wurde 1939 geboren. Der Ordenspriester und Diplompsychologe war unter anderem als Religionslehrer und Jugendseelsorger im Einsatz. Seit Ende der 1970er-Jahre hat er sich als Prediger, Referent und Autor einen Namen gemacht. Nach Lebens- und Arbeitsstationen in Mainburg, Würzburg, Aschaffenburg und Augsburg, wirkte der Kapuziner mit dem Themenschwerpunkten therapeutische Seelsorge und spiritueller Bildung in Eichstätt und seit 2012 in Ingolstadt.

Lesungen zum zweiten Sonntag der Osterzeit am 3. April 2016

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