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17.11.2021

Aktenzeichen: Genesis 4, 2-4, 16

Aktenzeichen: Genesis 4, 2-4, 16  Der „Krimi-Gottesdienst“ - Werte vermitteln auf neuen Wegen

Aus Kain wurde Kai, aus Abel Axel: Steffen-Marcel Bremmert als Täter

Arglist, Leidenschaft, Raffgier, Eifersucht – das sind Zutaten, aus denen immer neue Krimi-Drehbücher für Fernsehen und Kino geschrieben werden. Wer in die Abgründe der menschlichen Seele blicken möchte, kann an einem nebligen Novemberabend aber auch einfach in der Bibel blättern, die sich streckenweise wie ein Thriller liest. Vor diesem Hintergrund ist jetzt im Bistum Eichstätt das Konzept für einen „Krimigottesdienst“ entstanden, an dem Interessierte bereits in Gunzenhausen, Postbauer-Heng und Thalmässing teilgenommen haben. In dem alttestamentlichen Drama von Kain und Abel konnten sie Bezüge zur Gegenwart und zu ihrem eigenen Leben erkennen. Am Ende wurde gemeinsam das Vaterunser gebetet.

Im modernen Gewand dargeboten, solle die Geschichte begreifbar machen, „wie schnell es geht, dass man sich aus einer Nichtigkeit heraus die Köpfe einschlägt“, erklärt Steffen-Marcel Bremmert. Der Referent an der katholischen Jugendstelle Schneemühle arbeitet mit in der „AG Innovation“ des Fachbereichs „Pastorale Konzeption und Innovation“ im Bistum Eichstätt, der „Krimi-Gottesdienst“ stammt aus seiner Feder. Wobei er eher von einer „inszenierten Bibelstunde“ sprechen will als von einem „Gottesdienst“. Ob dieser Begriff angebracht und zutreffend ist, „darüber haben wir auch intern in der Gruppe diskutiert“, berichtet Bremmert. 

Hetzjagden im Netz

Pastoralreferent Andreas Weiß, Leiter des Fachbereichs „Pastorale Konzeption und Innovation“, sieht das Angebot keinesfalls als Konkurrenz zu einem klassischen Vorabendgottesdienst, sondern als ein zusätzliches Angebot, bei dem Gott im täglichen Leben ins Spiel gebracht wird. „Laufen und Laudes“ im fränkischen Seenland gehe zum Beispiel in diese Richtung, oder die unlängst im Bistum vorgestellten „Kino-Gottesdienste“, meint Weiß. Dass vorm Altar Tattoos gestochen werden, wie jetzt aus Frankfurt berichtet, „das geht mir dann doch ein bisschen zu weit“. 

Die AG Innovation hat am Ablauf ihrer Krimi-Andacht monatelang gefeilt, überwiegend bei virtuellen Treffs. In Präsenz geprobt wurde nur zweimal. Zwischen den acht Spielszenen wurden kurze Predigtimpulse eingeplant, die die moderne Handlung mit dem Bibeltext aus dem Buch Genesis verbinden. Auch die ins Spiel eingestreute Musik baut eine Brücke zwischen den Ebenen. Populäre Stücke stehen neben klassischen Kirchenliedern. Daneben gibt es kurze Video-Szenen. Zum Beispiel verkörpert Pastoralreferent Georg Brigl einen Nachrichtensprecher, der im Fernsehen von der Straftat berichtet. Eine fiktive Schlagzeile in großen Lettern wird eingeblendet: „Die Bestie ist hinter Gittern“. Hetzjagden, Vorverurteilungen, Shitstorms und wilde Spekulationen in den sozialen Netzwerken werden thematisiert. 

Statt Kain und Abel heißen Täter und Opfer in der Andacht Kai und Axel. Es gibt außerdem eine Spurensicherung, einen Kommissar und eine (von Frauenseelsorge-Referentin Martha Gottschalk dargestellte) Passantin, die die Leiche findet und die fälschlicherweise zur Tatverdächtigen wird. Der echte Totschläger bereue seine Tat zutiefst, versetzt sich Bremmert in seine eigene Rolle hinein und findet es zugleich „krass“, wenn in der Bibel vom Kainsmal erzählt wird, das dem Sünder ermögliche, quasi unbehelligt weiterzuleben. 

Kunstblut in der Kirche? Oder: Darf Verkündigung mit solch spektakulären Mitteln arbeiten? „Ich finde, ja“, sagt Bremmert, und verneint zugleich die Frage, ob ein Gottesdienst heutzutage zwangsläufig Event-Charakter brauche:  „Aber man darf auch mal neue Wege gehen.“ Zumal Krimi-Gottesdienste mittlerweile in ganz Deutschland angeboten werden, von Bayreuth bis Winsen an der Luhe. 

Inhalte neu vermittelt

Auch Pfarrer Markus Fiedler aus Postbauer-Heng freut sich über Vielfalt in der liturgischen Landschaft. „Monokulturen sind auf Dauer zum Untergang verurteilt“, nimmt er Anleihen bei der Forstwissenschaft. Ein Gottesdienst dürfe nicht zur Show ausarten, „aber ohne Emotionen geht es gar nicht. Wir feiern ja nicht Irgendwas, sondern Tod und Auferstehung. Das ist existenziell, Dramatik pur!“

Aus der Pfarrei Postbauer-Heng kommt auch Christoph Härtl, der sich seit eineinhalb Jahren ehrenamtlich in der diözesanen AG Innovation engagiert. Sein Interesse an Krimis beschränke sich darauf, ab und zu den „Tatort“ einzuschalten, meint der junge Pfarrgemeinderat. Aber bei einem weiteren Projekt der etwa ein Dutzend haupt- und ehrenamtliche Mitglieder zählenden AG wäre er sofort wieder dabei, „weil’s einfach mal eine ganz andere Art ist, Inhalte zu vermitteln“. Durch die bistumsweite Zusammenarbeit ergäben sich neue Konstellationen und neue Ideen und von besonderen, thematisch gestalteten Gottesdiensten könnten auch kleine Pfarreien profitieren, in denen den wenigen Ehrenamtlichen gerade einmal Zeit für das Nötigste bleibt. „Da würde es Sinn machen, auf größerer Ebene zusammenzuarbeiten.“ Für die Krimi-Andacht brauche man nur eine Leinwand, einen Beamer und steuerbares Licht. 

Optimale äußere Bedingungen bot das Regionaljugendheim  „Bunker“ in der Pfarrei Thalmässing. Hans Seidl, Referent für Schulpastoral und Mitglied der AG Innovation, organisiert dort seit Jahren die überregional bekannten Thalmässinger Kurzfilmtage. Anders als im Kino oder Theater sollten die Interessierten bei der Krimi-Andacht aber nicht nur die Zuschauerrolle einnehmen. „Wir haben überlegt, wie wir die Leute mit einbeziehen können“, erzählt Seidl. Für diese, ergänzt er, sei die biblische Erzählung von Kain und Abel ja aus heutiger Sicht „eigentlich eine harte Zumutung“. Denn trotz eindeutiger Sachlage stehe Gott weiter hinter Kain, gebe ihm eine neue Chance. „Das entspricht nicht unbedingt unserem Gerechtigkeitsempfinden. Deshalb haben wir zwischendurch Kommentare eingefügt.“

Routinierte Leiche

Ganz ohne Worte auskommen musste Dekan Konrad Bayerle in seiner Rolle als Mordopfer Axel. Zwei Szenen lang, geschätzt acht Minuten, lag er reglos auf der Bühne. Bei der Darstellung einer Leiche „muss man gewaltig aufpassen, dass man tot ist“, beschreibt der Leiter des Dekanats Weißenburg-Wemding und Mitwirkende in der AG Innovation flapsig die Herausforderung, den Atem flach zu halten und die Augen nicht öffnen. Ganz unerfahren auf der Bühne ist der Weißenburger Seelsorger nicht, hat er doch als Jugendlicher in seinem Heimatort Otting jedes Jahr bei den Aufführungen des Theatervereins mitgewirkt. Noch heute sitzt er aus alter Verbundenheit in den Zuschauerrängen.

Die Frage, ob man liturgische Feiern generell „aufpeppen“sollte, beantwortet Bayerle mit einem klaren Nein, „weil ich der Überzeugung bin, dass wir unterschiedliche Erwartungshorizonte haben. An Weihnachten etwa, da wollen die Leute nichts Experimentelles“. 

Dennoch sei es der Überlegung wert, „wie wir die Botschaft der jeweiligen Gruppe am besten bringen können“. Als Religionslehrer unterrichtet Bayerle in der gymnasialen Oberstufe. Dabei erlebe er, dass die jungen Leute zwar explizit nichts über Religion hören wollen, dass sie aber darin vorkommende Themen wie Treue und Beziehung natürlich interessierten:“ Durch diese Hintertür, da gehen sie auch mit. Da merke ich, dass die Sensibilität für das Heilige durchaus noch da ist“. 

Gabi Gess

 


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