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13.04.2022

Auf Besuch im eigenen Leben

Spezielle Museumsführungen sollen dementen Menschen das Gefühl geben, willkommen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Foto: R. Meier

Vertrautes entdecken, die Erinnerung wachrufen. Für Menschen mit Demenz kann selbst ein modernes Kunstwerk lebendige Zugänge dafür eröffnen. „Durch ausgewählte Objekte kann an Alltag und Erlebnisse angedockt werden“, erklärt die Leiterin der Kunstvermittlung des Museums Lothar Fischer, Dr. Ingrid Moor. Das Kunstmuseum in Neumarkt in der Oberpfalz ist eines von jenen Museen in Bayern, die spezielle Museumsführungen anbieten. Viele klassische Kulturangebote können Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen nicht mehr wahrnehmen. Ihre gesellschaftliche Teilhabe möchten die Museen gerade deshalb unterstützen. 

Ganz individuell an die jeweiligen Bedürfnisse werden die niederschwelligen, barrierefreien Angebote angepasst. Steht bei einem Kunstwerk ein Bierkrug im Mittelpunkt, wird über Feste gesprochen. Es geht also nicht um Wissensvermittlung. Vielmehr sollen Gespräche entstehen. Davon profitieren auch jene, die sich nicht mehr aktiv beteiligen können. An ihrer Mimik sei das zu erkennen, so Moor. Doch noch immer seien kognitive Gedächtnisbeeinträchtigungen mit Scham besetzt. „Viele der Besucher möchten eigentlich nicht in der Öffentlichkeit zeigen, dass ein Familienmitglied betroffen ist.“ Gerade deshalb sollen ihnen gemeinsame angenehme und abwechslungsreiche Erlebnisse das Gefühl geben, im Museum willkommen und Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Aufatmen im Alltag

„Der Besuch soll ein Tag des Aufatmens sein“, erklärt auch Eva-Maria Papini vom Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim: „Wir wollen ein Museum für alle sein.“ Unter dem Motto „Vertrautes entdecken – Erinnerungen wecken“ gibt es dort und im Museum Kirche in Franken insgesamt sieben Themen-Rundgänge für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen – vom Erleben alten Dorfhandwerks, alter Bauernhäuser bis zum Kirchenbesuch. Eindrücke können mit allen Sinnen wahrgenommen werden, wie die Leiterin der Museumspädagogik erklärt: „Die Besucher können Blumen oder Kräutern pflücken und schnuppern, der Orgel in der Spitalkirche lauschen oder Schafe streicheln.“ Die zutraulichen Inklusionstiere helfen den Besuchern sich im Museum wohl zu fühlen. 

„Diese Angebote sind wertvolle Zeichen einer hohen, sozialen Entwicklung einer Gesellschaft“, findet Antje Jones. Sie ist Mitglied des Vorstands der Alzheimer-Gesellschaft Mittelfranken. „Die Teilnehmenden fühlen sich dabei angenommen und müssen nicht ihre Situation erklären.“ Jones ist zugleich Geschäftsführerin der Angehörigenberatung Nürnberg. Der Verein hat etwa die kulturpädagogischen Begleiter im Freiland-museum Bad Windsheim sowie in drei Nürnberger Museen geschult. Eines von ihnen ist das Museum Industriekultur. 

Bezug zur Lebenswelt

Spielerisch werden dort Menschen mit Demenz in ihre Kindheit und Jugend zurückversetzt. Auch Musik hilft dabei. Und so wird beim Bestaunen der historischen Fahrräder schon einmal der Schlager „Ja, mir san mit’m Radl da“ angestimmt. „Im historischen Klassenzimmer tauschen sich die Teilnehmer über ihre Schultüten aus oder riechen im Tante-Emma-Laden an Schuhcreme und Kaffee“, sagt Stephanie Oschmann. Die freiberufliche Kulturvermittlerin führt regelmäßig Besuchergruppen durch das Museum in der Tafelhalle. Ihr sei es wichtig, sich mit Geduld auf die Teilnehmenden einzulassen. „Am Anfang des Rundgangs weiß ich nie, wer Betroffener und Begleiter ist“, so Oschmann. Das sei gut, so könne sie alle einbeziehen. Der Bezug zur Lebenswelt der Museumsgäste ist dabei wichtig, damit der sprichwörtliche Knoten platzen kann und Erinnerungen aufblitzen. Auch im Germanischen Nationalmuseum und in der Kunstvilla können Menschen mit und ohne kognitive Gedächtnisbeeinträchtigungen die monatliche, von der Alzheimer-Gesellschaft Mittelfranken unterstützte und mitfinanzierte Veranstaltungsreihe „Hingeschaut und Mitgemacht“ erleben. „So können die Teilnehmenden Kunst und Kultur genießen und selbst kreativ werden, etwa beim Aquarellmalen“, erklärt die dafür verantwortliche Museumspädagogin des Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrums in Nürnberg Dr. Bianca Bocatius. In petto hat sie auch Angebote für all jene, die nicht ins Museum kommen können. Gerade plant sie Online-Gespräche über verschiedene Museumsobjekte, etwa für Kleingruppen in Seniorenheimen.

Heinrike Paulus


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Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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