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03.08.2022

Bauen nach „Einheimischen-Modell“

In Schernfeld wird gerade in generationenübergreifender Arbeit eine neue Kapelle errichtet

Die neue Kapelle entsteht nach einem der Entwürfe, die junge Leute aus der Pfarrei vorgelegt hatten. Foto: Gess

Die Baustelle am Ortseingang von Schernfeld bei Eichstätt ist nicht zu übersehen. Zwei Männer decken gerade ein Dach ein. Ganz traditionell mit Jurakalkplatten, die in fünf, sechs Schichten verlegt werden. Mehr als zwei Tonnen wird das Gebälk einmal tragen müssen, auch wenn die Dachfläche keine zehn Quadratmeter misst. Wie ein Schirm legt sie sich über den Innenraum der neu entstehenden Dreifaltigkeitskapelle. Diese ersetzt nicht nur die Vorgängerkapelle, die Straßenbauarbeiten weichen musste, sondern ist auch sichtbares Zeichen der Gemeinschaft unter den Einheimischen. Das kleine Gotteshaus ist ein Werk, zu dem viele Hände und Köpfe beitragen, an dessen Planung und Umsetzung generationenübergreifend viele Menschen mitwirken. Auch solche, die mit der Kirche eher fremdeln oder einer anderen Religion angehören. So wie Hakan Etli, der vor 20 Jahren mit seiner Familie in Schernfeld gebaut hat. „Wahrscheinlich ist das die einzige Kapellenbaustelle, auf der gerade ein Moslem ehrenamtlich hilft“, lacht Etli. Gerade kommt er mit einer Schubkarre voller Sonhofener Platten angefahren, die Konrad Sandner in die richtige Größe und Form gezwickt hat. Der 87-Jährige war früher nicht nur im Schernfelder Staatsforst beschäftigt, sondern arbeitete nebenbei auch in den Steinbrüchen der Umgebung, noch bis ins hohe Alter. 

Dort, wo er jetzt gerade routiniert mit einer großen Beißzange hantiert, befindet sich auch die Werkstatt von Bildhauer Raphael Graf, der beim Kapellenprojekt von Beginn an mit im Boot war. Mit jungen Leuten aus der Pfarrei erarbeitete er mehrere Entwürfe für den Neubau, über die der Gemeinderat abstimmte. So wie bereits die frühere Kapelle auf öffentlichem Grund lag und die Kommune die Baulast hatte, ist es auch beim zwei auf drei Meter großen Neubau, der schnell in die Höhe gewachsen ist. „Wenn das Dach fertig ist, kann das Gerüst weg und das Verputzen beginnen“, informiert der ehrenamtliche Bauleiter Josef Stößl. Bis zum Ruhestand hat er als Spengler gearbeitet und im Lauf seines Berufslebens auch zwei Kirchtürme mit Kupfer verblecht. Als Rentner engagiert er sich heute in einem Arbeitskreis, der Kreuze und Flurdenkmäler im Schernfelder Umkreis saniert. Momentan „schläft er mit dem Gedanken an die Kapelle ein und wacht damit auf“, lobt Pfarrgemeinderatsvorsitzender Eduard Breitenhuber Stößls Engagement. 

Während tagsüber Rentner die Maurerkelle schwingen, haben sich junge Leute bereiterklärt, die Metallrahmen für die Fenster und das Portal zu schweißen. Natürlich geht es nicht ganz ohne Fachfirmen, doch auch die sind ausschließlich in der Gemeinde ansässig. Auch das Material kommt aus der Gegend. Zum Beispiel der Wachenzeller Dolomit, ein frostsicherer Kalkstein, aus dem die Apsis gemauert worden ist. In wochenlanger ehrenamtlicher Arbeit waren die Blöcke zuvor per Hand in Form gehauen worden. „Bezahlen könnte man das gar nicht“, meint Graf respektvoll.

Sein Part ist momentan die künstlerische Ausgestaltung des Innenraums. Die Kosten dafür übernimmt die Pfarrei. Etwa 5.000 Euro seien bereits an Spenden eingegangen, informiert Breitenhuber. Die Feuerwehr leistete ebenso ihren Beitrag wie der Frauenbund und viele Privatleute. Und natürlich engagiere sich auch der Bildhauer selbst bei dem Projekt „weit über das hinaus, was seine Arbeit ist“.

So wie der Vorgängerbau, wird auch die neue Kapelle der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht, das war der allgemeine Wunsch. Dazu entsteht in Grafs Atelier ein Relief aus Keramik in Form dreier sich überschneidender Kreise. Dominiert wird der Raum aber von einer weiteren Darstellung, die auch Menschen ohne Kirchenbindung gleich begreifen: Ein Engel gibt einem Menschen Geleit. Beide Figuren, die demnächst in Kevelaer aus Bronze gegossen werden, sind drehbar gelagert, können aufeinander zu und voneinander weg bewegt werden, laden bewusst dazu ein, persönliches Empfinden auszudrücken.

Bis zum Herbst soll die Kapelle fertig sein. Für die Außenanlagen werden uralte Dolomitsteine verwendet, die beim Abriss der alten Kapelle zutage traten und die Bauleiter Stößl gleich sicherte. Das Kirchlein war in Zusammenhang mit einem Flurumgang 1887 erstmals erwähnt worden. Und auch die neue Kapelle soll bei der Fronleichnamsprozession eine der Stationen bilden. Zudem ist sie aus Sicht von Bürgermeister Stefan Bauer ein Bindeglied zwischen Ortskern und neuer Siedlung. Sein Vize Maximilian Nieberle nickt zustimmend vom Dachfirst aus. Er ist an diesem Tag als Handlanger dabei – ein echtes Gemeinschaftsprojekt eben. 

Gabi Gess

 


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