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06.10.2021

Beeindruckt vom gemeinsamen Ringen

Die KiZ fragte Eichstätter Delegierte, wie sie die Vollversammlung des Synodalen Wegs erlebten

Fotopause im Frankfurter Sitzungsmarathon: (v. l.) Dr. Christian Klenk, Svenja Stumpf, Dr. Bettina-Sophia Karwath, Bischof Gregor Maria Hanke, Christian Gärtner und Pfarrer Edwin Grötzner. Foto: vb

Die KiZ fragte Eichstätter Delegierte, wie sie die Vollversammlung des Synodalen Wegs erlebten

Konzentrierte Arbeit und kontroverse, aber auch konstruktive Diskussionen – das erwartete die Abgesandten aus dem Bistum Eichstätt bei der Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt (siehe auch S. 11). Wir fragten nach ihren Eindrücken.

„Ich war positiv überrascht“, bilanziert Diözesanratsvorsitzender Christian Gärtner. Sei es im Vorfeld kaum absehbar gewesen, „wie sich das entwickelt“, hätten die meisten Beschlussvorlagen überwältigende Mehrheiten gefunden. Insbesondere freut sich Gärtner über den breiten Zuspruch  für den Grundtext des Synodalforums „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“, in dem er selbst mitarbeitet. Was die bevorstehende Bischofssynode in Rom betrifft, so denkt Gärtner, „dass wir in Deutschland kein schlechtes Beispiel geben, wie es funktionieren kann“. Nach berührenden Momenten gefragt, nennt der Diözesanratsvorsitzende Unterhaltungen, die er in den Mittagspausen mit Mitgliedern des Beirats von Missbrauchs-Betroffenen führte: „Dass sie sich, trotz dem, was sie erlebt haben, noch so konstruktiv und mit so großem Engagement einbringen, das hat mich sehr tief beeindruckt.“ 

„Ein Zeitfenster“

Von einer konstruktiven Atmosphäre, bei der „einiges auf den Weg gebracht wurde“, spricht auch der Feuchter Pfarrer Edwin Grötzner und nennt etwa die Predigtmöglichkeiten für Laien. Die Aufbruchsstimmung jedenfalls, die er schon bei der ersten Vollversammlung gespürt habe, sei noch da. „Interessant fand ich die Tischgespräche“, beschreibt Grötzner lebendige Diskussionen bei Chili con Carne mit Beteiligten von Stralsund bis Regensburg. Zu seinen Tischnachbarn gehörte auch Professor Ulrich Hemel, der den Bund Katholischer Unternehmer vertrat und von einer „Sternstunde“ für die Kirche sprach. Etwas nüchterner kommentiert Grötzner: „Es ist halt so, dass momentan ein Zeitfenster da ist, in dem man etwas bewegen kann.“ 

Am Ende hatte mangels Teilnehmer keine Beschlussfähigkeit mehr geherrscht. Als Eklat, wie manche Medien schrieben, habe er das aber nicht empfunden, meint Grötzner. Zumal dadurch mehr Zeit geblieben sei, Thomas Sternberg und Karin Kortmann, die aus dem Präsidium des Synodalen Wegs ausscheiden, zu verabschieden. Sehr emotional sei das gewesen. 

„Spannungsgeladen“

Auch Bischof Gregor Maria Hanke antwortete der KiZ auf die Frage, was ihn persönlich berührt habe: „In den Pausen hatte ich einige Gespräche mit Mitgliedern des Synodalen Wegs, die theologisch ganz anders ticken als ich. (...) Wenn mir jemand, mit dem ich einen inhaltlichen Dissens habe, im Gespräch sagt, er hätte in den vergangenen Monaten nahezu täglich an mich gedacht, dann ist das ein kostbares Geschenk.“

„Schwierig für ein respektvolles Miteinander“ sei es hingegen, „rote Karten im Plenum zu zücken,wenn bestimmte Redner zu Wort kommen oder gar bei Redeinhalten, die einfach die kirchliche Lehre abzubilden versuchen“. Der Synodale Weg wirke auf ihn „spannungsgeladen“, meint Hanke und verknüpft den Erfolg des Prozesses unter anderem mit der Frage, „ob wir Wandel durch Umbau von Strukturen und Entscheidungsebenen in der Kirche gestalten wollen oder ob wir durch Umkehr, durch Vertiefung der Jüngerschaft (...) einem neuen Geist des Miteinanders Raum geben wollen, der dann Strukturen verwandelt und prägt.“ Bischof Hankes ganze Antwort gibt es unter www.kirchenzeitung-eichstaett.de/leseprobe/.

Breite Meinungs-Kluft

Dr. Bettina-Sophia Karwath, Fort- und Weiterbildungsleiterin im Bistum, kam zur Vollversammlung als Mitglied des Synodalforums „Priesterliche Existenz heute“. Gerade in dieser Gruppe gebe es „wirklich sehr weit auseinanderliegende Meinungen“, erklärt Karwath, warum der Grundtext nur mit Müh und Not die nächste Hürde nahm und weswegen sich die Forumsmitglieder in diesen Tagen bereits wieder treffen, um den Text zu überarbeiten. Karwath meint, der Gruppe, der zwölf Bischöfe oder Weihbischöfe angehören, täten mehr Stimmen aus der Gemeindeebene gut. 

Was für sie berührend war? „Das gemeinsame Ringen, dass sich Leute wirklich ernsthaft zusammensetzen und versuchen, einen Weg zu finden für unsere Kirche“, antwortet sie. Wobei die organisatorisch begründete Begrenzung der Wortmeldungen auf eine Minute schwierig sei, denn „da kann man einfach nix sagen“. Erstaunt gewesen sei sie „über den rüden Ton“ in manchen Debatten, meint die Theologin, die erstmals in Präsenz dabei war. 

Warum fehlen manche? 

Dr. Christian Klenk registriert dass in Sachen Synodaler Weg besonders in den Sozialen Medien „ein sehr rauer Tonfall herrscht und Andersdenkende auch persönlich diffamiert werden“. In Frankfurt wurde nach seiner Beobachtung überwiegend respektvoll diskutiert. „Aber es gab auch Momente, in denen die Stimmung gekippt ist.“ Gut fand Klenk, der beim Synodalen Weg die Gesellschaft katholischer Publizisten vertritt, dass die Sitzungen von spirituellen Einheiten unterbrochen wurden. Sehr nachdenklich habe ihn gestimmt, „dass nicht alle Synodalmitglieder bei der gemeinsamen Eucharistie mitgefeiert haben“. Unterm Strich aber fällt seine Bilanz positiv aus: „Ich bin mit einem unguten Gefühl nach Frankfurt gefahren. Zurückgefahren bin ich optimistischer.“ Das liege vor allem daran, dass schon 13 von 16 eingereichten Textvorlagen zur Abstimmung kamen und Mehrheiten fanden, auch wenn es noch keine finalen Beschlüsse seien. 

Motivation ist noch da 

„Überwiegend positiv“, lautet auch das Urteil von Svenja Stumpf über die Versammlung, auf der sie ihre eigene Wahrnehmung bestätigt sah: Dass sich der große Teil der Katholiken in Deutschland Veränderungen wünsche. Die Studentin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hofft zum Beispiel, dass bald überall theologisch ausgebildete Frauen in der Eucharistiefeier predigen dürfen. „Viele Bischöfe verändern sich gerade ein Stück weit“, meint sie, „auch in ihren Formulierungen“. Das motiviere sie, weiter mitzuarbeiten am Synodalen Weg, auf dem sie schon „eine krass lange Zeitspanne“ unterwegs ist: „Ich war im ersten Semester, als es losging. Jetzt komme ich ins siebte.“

Gabi Gess  

 

Das KiZ-Interview mit Bischof Gregor Maria Hanke im Wortlaut:

KiZ: Schwester Philippa Rath, die wie Sie dem Benediktinerorden angehört, appellierte zu Beginn der Beratungen und Abstimmungen an die Runde: "Wir können nicht alles in Harmonie voranbringen, aber in respektvollem Miteinander". Hat sich diese Hoffnung für Sie persönlich erfüllt? 
Bischof Gregor Maria Hanke: Diesem Appell sollten wir uns immer neu stellen. Jedenfalls erachte ich es als schwierig für ein respektvolles Miteinander, rote Karten im Plenum zu zücken, wenn bestimmte Redner zu Wort kommen oder gar bei Redeinhalten, die einfach die kirchliche Lehre abzubilden versuchen. Ich glaube, hier haben wir noch ein Lernfeld in der Synodalversammlung. In den Synodalforen hingegen ist der Umgang miteinander sachlich und respektvoll. 

Sehen Sie den Synodalen Weg weiter in eine konstruktive Richtung gehen? 
Bischof Hanke: Der synodale Prozess wirkt auf mich trotz der sich abzeichnenden Mehrheitsverhältnisse spannungsgeladen, ohne dass ich sagen könnte, wie sich die Spannungen auflösen lassen könnten. Es werden einerseits Erwartungen und Forderungen nach einem Wandel formuliert, die man nicht einfach übergehen kann, sondern deren Grundanliegen vielfach ernst zu nehmen ist. Hier denke ich etwa an verbesserte Formen der Partizipation der Gläubigen an kirchlichen Entscheidungsprozessen. Von den Konkretionen der Forderungskataloge bzw. der im Raum stehenden Handlungsoptionen kann ich hingegen vieles so nicht mittragen, da es von einem Konzept der Kirche ausgeht, das ich nicht mehr durch das II. Vatikanum abgedeckt sehe. So stellen die vom Forum Macht und Gewaltenteilung vorgelegten Konkretionen eine erhebliche Relativierung des Amtes in der Kirche dar, ja man kann den skizzierten Weg wohl sogar als Abschaffung des theologisch und geistlichen Konzepts des Amtes gemäß dem II. Vatikanum bezeichnen. Ich glaube, dieses erstes Spannungsfeld aus Anliegen und deren Konkretion verweist auf die Frage, ob wir Wandel durch Umbau von Strukturen und Entscheidungsebenen in der Kirche gestalten wollen oder ob wir durch Umkehr, durch Vertiefung der Jüngerschaft, d.h. Selbstevangelisierung und Evangelisierung einem neuen Geist des Miteinanders Raum geben wollen, der dann Strukturen verwandelt und prägt. Solche Aufbrüche gab es immer wieder in der Kirchengeschichte. Am heutigen 4. Oktober, dem Gedenktag des heiligen Franz von Assisi, denke ich an die Bewegung des heiligen Franziskus und seiner Gefährten, durch die sich viele Menschen in der Kirche und die Kirche in ihren Strukturen sich verändert haben. Ein weiteres Spannungsfeld sehe ich in dem, was der Synodale Weg an Handlungsoptionen möchte, und der Lehre und Praxis der katholischen Weltkirche. Das betrifft etwa die Frage der Zulassungsbedingungen zum Amt in der Kirche (Frauenordination, Zölibat) oder das Papier über gelebte Sexualität. Im Synodalen Weg sollten konstruktive Auseinandersetzungen in einem Raum des Hörens stattfinden, wie es uns Papst Franziskus ans Herz legt. Vielleicht kommen aus dem weltsynodalen Prozess Impulse in unseren Synodalen Weg.

Das Programm war sehr dicht. Laut katholisch.de meinten sogar Bischöfe, die zu beratenden Texte seien sehr komplex gewesen? Wie erschöpft sind Sie nach diesem Wochenende? 
Bischof Hanke: Ich habe nach den langen Sitzungen der Synodalversammlung bewusst einen Erntedankgottesdienst in einem unserer Pastoralräume übernommen, bei dem ein Mitbruder verhindert war. Nach der Messe fand vor der Kirche ein kleiner Stehempfang mit Wein, Wasser und Erntedankbrot statt, vor allem mit persönlichen Gesprächen. Diese Erfahrung hat mir wieder Frische geschenkt.

Gab es Aussagen, Statements, die Sie persönlich besonders berührt haben? 
Bischof Hanke: In den Pausen hatte ich einige Gespräche mit Mitgliedern des Synodalen Weges, die theologisch ganz anders ticken als ich. Es waren menschlich ganz feine Begegnungen, in einem Fall, trotz der unterschiedlichen Positionen sogar ein tiefer persönlicher und geistlicher Austausch. Wenn mir jemand, mit dem ich einen inhaltlichen Dissens habe, im Gespräch sagt, er hätte in den vergangenen Monaten nahezu täglich an mich gedacht, dann ist das ein kostbares Geschenk. Das hat mich angerührt.

Interview: Gabi Gess


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