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01.06.2022

Dankbar für die große Unterstützung

Orthodoxer Geistlicher aus Mariupol betreut ukrainische Flüchtlinge in Nürnberg

Serhii Taldonov (M.) freut sich über die Ikonen, die Jean-Claude Wildanger (l.) ihm aus dem Collegium Orientale mitgebracht hat. Foto: Pilz-Dertwinkel

Sie sind unversehrt aus Mariupol herausgekommen – der orthodoxe Pfarrer Serhii Taldonov, seine Frau und sein behinderter Sohn. Über Bekannte lief der Kontakt zu Marijka Ehrlein, einer in Nürnberg wohnenden katholischen Ukrainerin, die sich für ukrainische Flüchtlinge engagiert. Derzeit arbeiten beide gemeinsam daran, in Nürnberg eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde aufzubauen. 

Auch wenn der Blick nach vorne gerichtet ist, kommen die schrecklichen Erlebnisse wieder hoch, wenn Taldonov erzählt. Bis 2014 war der Geistliche in Donezk tätig. Als es dort brenzlig wurde, verließ er mit seiner Familie die Stadt und kam 2018 nach Mariupol. Dort wollte er eine ukrainisch-ortho-doxe Gemeinde aufbauen. Vorhanden war nichts, auch keine Kirche. Taldonov kaufte einen Bauwagen, richtete ihn als Gotteshaus ein und begann zu predigen. Die Leute kamen – erst wenige, dann immer mehr. Schließlich wurde ihm ein Grundstück zugesprochen, die Chancen standen gut, dass er irgendwann an eine Kirche würde denken können. 

Als die russischen Angriffe auf Mariupol einsetzten, war die Familie zunächst wenig beunruhigt. Man kannte derartige Scharmützel aus Donezk. „Wir vermuteten, dass sie es auf städtische Einrichtungen abgesehen hätten“, so Taldonov, mit Feindseligkeiten gegen Zivilisten habe niemand gerechnet. Bis die ersten Bomben auf Wohnhäuser fielen. Auch seine Bauwagen-Kirche wurde bombardiert und gezielt beschossen. Auf Fotos sind die Einschusslöcher zu sehen.

Sie suchten nach Angehörigen in der Stadt. Zum Glück war ihre Tochter in Sicherheit: Sie studiert in Litauen. Bald gab es in Mariupol weder Wasser noch Gas, das Radio war still, das Telefon ging nicht mehr. In der Wohnung hatte es sechs Grad. Vor den beschädigten Häusern schürten die Menschen mit Brettern von kaputten Möbeln Feuer, um etwas zu kochen. Mit Regenwasser hätten sie sich die Haare gewaschen, berichtet Taldonovs Frau. Vor dem Krieg habe sie nie daran gedacht, so etwas erleben zu müssen. Nach vier Tagen Bombardement war es nicht mehr möglich, aus der Stadt herauszukommen. Die Straßen waren vermint. Flugzeuge warfen Splitterbomben gezielt auf Wohngebiete ab. Schnell in den Schutzkeller zu kommen war mit dem auf den Rollstuhl angewiesenen Sohn schwierig.

Spontane Flucht

Der Entschluss zur Flucht wurde spontan gefasst. „Wir stellten Unruhe fest“, erzählt Taldonov, einige wollten ihr Glück versuchen, und die Familie schloss sich an. Mitnehmen konnten sie praktisch nichts, im Auto war Platz für die Familie und die Mutter, einen Nachttopf und einen Behelfswagen für den Sohn – der Rollstuhl passte nicht hinein. Sie starteten am 14. März. Die Ukrainer hatten die Minen freigegraben, so konnten sie herumfahren und gelangten sicher aus der Stadt. Russische Kontrollposten machten keine Probleme, der Geistliche trug kein Gewand –„sonst hätten sie uns nicht rausgelassen“. Für eine Distanz von drei Autostunden benötigten sie wegen der nächtlichen Ausgangssperre 24 Stunden. Bei einem befreundeten Pfarrer konnten sie verschnaufen. Über ihn kam Kontakt nach Deutschland zustande und schließlich landete die Familie im Ankerzentrum Regensburg. Dort erkrankte die Mutter und verstarb nach zwei Tagen. Für die Beerdigung galt es eine ukrainisch-orthodoxe Kirche ausfindig zu machen – eine russisch-orthodoxe kam nicht infrage, so Taldonov bestimmt. In München wurde man fündig.

Über Bekannte, die Hilfstransporte organisieren, erhielt Marijka Ehrlein aus Nürnberg Kontakt zu dem orthodoxen Priester. Dieser wusste aus München, dass für die große Anzahl ukrainischer Flüchtlinge viele Seelsorger gebraucht würden. Taldonov wollte sich zur Verfügung stellen. Praktische Unterstützung kam von Ehrlein, die gute Verbindungen zur ukrainisch-katholischen Gemeinde, zur Ukrainehilfe der Stadtkirche Nürnberg und zu entsprechenden kommunalen Stellen unterhält. 

Aufbau neuer Gemeinde

Auf Anfrage stellte Pfarrer Karsten Junk in Langwasser seine Kirche St. Maximilian Kolbe für einen Ostergottesdienst zur Verfügung. Ehrlein organisierte, und 700 ukrainisch-orthodoxe Christen feierten mit Taldonov Ostern. Auch in Regensburg und Passau hielt er Ostergottesdienste. Seither findet jeden Sonntag in Nürnberg ein ukrainisch-orthodoxer Gottesdienst in St. Maximilian Kolbe statt. Man arbeitet am Aufbau der Gemeinde. 

Für die Ausstattung wurde Geld gesammelt. Das Eichstätter Collegium Orientale ließ über den in Langwasser tätigen Priesteramtskandidaten Jean-Claude Wildanger zwei Ikonen überreichen. 

Ehrlein nutzt ihre langjährigen Beziehungen zu den Pfadfindern – sie war bis vor Kurzem in einer Leitungsposition –, um geflüchteten ukrainischen Kindern und Jugendlichen ein Sommerlager zu ermöglichen. „Sozialarbeit ist das A und O“, sagt sie überzeugt. Taldonov möchte gerne Landsleute besuchen, in Ankerzentren und Wohnheimen, dafür braucht er Genehmigungen.

Er ist voller Tatendrang und froh über die angebotene Hilfe. „Wir Ukrainer sind dem deutschen Volk sehr dankbar für die Aufnahme“, sagt er; eifrig lernt er Deutsch, um sich verständigen zu können. Woher nimmt er seine Kraft? „Von Gott und den Menschen, die mich brauchen“, so Taldonov, „ich hätte nicht so viel Kraft, wenn ich nicht so viel Unterstützung bekäme.“

Ulrike Pilz-Dertwinkel


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