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29.06.2022

Das gute Gefühl, mittendrin zu sein

Ob im Sport oder auf Reisen: Gut geplant und vorbereitet ist Inklusion machbar

Das Schönste in den Ferien: Fußball von morgens bis abends! Das findet nicht nur Christoph (3. v. l.), der im Ingolstädter Caritas- Zentrum St. Vinzenz zur Schule geht. Trotz Einschränkung war er mittendrin im inklusiven Trainingscamp. Foto: pr

Über Inklusion zu reden, ist das Eine. Sie in die Tat umzusetzen das Andere. Zwei ganz unterschiedliche, aber gleichermaßen positive Beispiele stellen wir auf dieser Doppelseite vor – und beginnen dabei mit einem überglücklichen jungen Fußballfan:

Der zwölfjährige Christoph, der im Caritas-Zentrum St. Vinzenz in Ingolstadt zur Schule geht, kickt für sein Leben gern. Daheim in Egweil bei Eichstätt, gibt es einen Fußballverein mit netten, offenen Trainern und Kindern, wie seine Mutter Esther Stölzle erzählt. Und doch sei der Versuch, dort Fuß zu fassen, für Christoph eine eher traurige Erfahrung gewesen. Denn seine Mitspieler, „die wollen ja gewinnen, was erreichen“, zeigt sie für solch sportlichen Ehrgeiz durchaus Verständnis. Und litt dennoch mit ihrem Buben, der kaum angespielt wurde, weil er weniger reaktionsschnell war, der sich wegen seiner Behinderung verbal nicht so fix äußern konnte wie die anderen, der aus Frust auch mal foulte – und dann erst recht als Außenseiter dastand. 

Seine Eltern hielten Ausschau nach einem integrativen Fußball-Trainingslager. Und hatten die Suche schon fast aufgegeben, als sie von genau solch einem Angebot in den Pfingstferien erfuhren, an dem auch noch das Caritas-Zentrum St. Vinzenz beteiligt war: dem ersten inklusiven Fußballcamp der Audi Schanzer Fussballschule – laut Homepage immerhin „Deutschlands größte Vereinsfußballschule“ – mit 60 teilnehmenden Mädchen und Jungen, davon zehn mit Einschränkungen. „Unser Christoph war diesmal wirklich mitten-drin statt nur dabei“, freut sich seine Mutter.

Dass Kinder mit Einschränkungen von Assistenten begleitet werden, um an einem Fußballcamp für Kinder ohne Einschränkungen teilzunehmen, das sei wohl „ziemlich einmalig in Deutschland“ gewesen, vermutet Sozialpädagogin Cornelia Eichlinger, die für die „Offenen Hilfen“ des Caritas-Zentrums St. Vinzenz verantwortlich ist und das Projekt mit angeregt hat. Aufgabe der „Offenen Hilfen“ war es, junge Begleiterinnen und Begleiter zu schulen, die den Kindern mit Handicap zur Seite stehen. Bei diesen Assistentinnen und Assistenten wiederum handelte es sich um Azubis und Trainees des Autobauers Audi, die für das Fußballcamp eine Woche lang freigestellt wurden. Zuvor hatten sie in St. Vinzenz einige Grundkenntnisse für ihre Betreuungsaufgaben vermittelt bekommen. „Nachdem wir mehr Anmeldungen hatten als Azubis, konnten wir noch zwei junge Ehrenamtliche gewinnen, die ebenfalls die Kinder begleiteten“ ergänzt Eichlinger. „Im Vorfeld hatten wir auch Kontakt zu den Eltern der Kinder mit Einschränkungen.“

Ein Gewinn für alle

Zu ihnen gehörten auch die Raschs aus Oberdolling, deren 15-jähriger Sohn Philipp in St. Vinzenz die 8. Klasse besucht. „Weil er den ganzen Tag in der Schule ist, hat er hier im Ort wenig Kontakt“, erzählt seine Mutter.  Auch in der Fußballmannschaft des Caritas-Zentrums, der er angehört, wurde zuletzt coronabedingt kaum gekickt. So blieb Philipp nur der große Garten in seinem Elternhaus, in dem sein Vater ein Fußballtor aufgestellt hat. 

Dass er jetzt eine Woche lang mit Dutzenden Gleichgesinnter seinem Lieblingssport nachgehen konnte, „hat ihm auf jeden Fall großen Spaß gemacht“, berichtet seine Mutter. „Er fragt jetzt schon, wann er da wieder hingehen kann“. Andreas Buchner, ehemaliger Fußballprofi und heute einer der Verantwortlichen der Fußballschule, ist sicher, dass das Inklusionscamp eine Fortsetzung findet. „Es braucht dafür halt mehr Vorlauf und Planung“. Dazu sei in den Pfingstferien mehr Zeit gewesen als in der Hochsaison in den Großen Ferien. Weil das Pilotprojekt „super funktioniert“ habe, kann sich Buchner eine Ausweitung des inklusiven Angebots gut vorstellen. Denn ein Gewinn sei es für alle Seiten.

Bei Fußballturnieren des kirchlichen Sportverbands DJK, der sich das Motto „Sport um der Menschen willen“ auf seine Fahnen geschrieben hat, haben wiederholt erwachsene Bewohnerinnen und Bewohner der Regens-Wagner- Einrichtung Absberg mitgekickt. Für Kinder und Jugendliche mit Einschränkungen gebe es bislang keine inklusiven Fußball-Angebote, hieß es auf Nachfrage in der DJK-Diözesangeschäftsstelle. Aber der Verband, der soeben eine Inklusionsreise für Erwachsene mit Behinderung in die Toskana durchgeführt hat, greife entsprechende Anregungen und Ideen gerne auf.

Abseits und verborgen

So wie Christoph, Philipp und viele andere Fußballfans ihr Trainingscamp genossen, so freuten sich rund 30 Frauen und Männer aus ganz Bayern und darüber hinaus über acht Tage, an denen sie gemeinsam das Altmühltal erkundeten. Dass sie diese Möglichkeit bekamen, war alles andere als selbstverständlich. Gehören sie doch zur Gruppe der Taubblinden und Hörsehbehinderten, von denen es im Freistaat immerhin etwa 10.000 gibt. „Aber „man nimmt sie nicht wahr, weil sie oft ohne Begleitung und Assistenz gar nicht rauskommen“, erklärt Pfarrer Alfred Grimm, Diözesanverantwortlicher für die Behindertenpastoral im Bistum Eichstätt. Der 64-jährige Seelsorger, der auch Geistlicher Beirat des Deutschen Katholischen Blindenwerks (DKBW) und Landespräses des Katholisches Blinden- und Sehbehindertenwerks Bayern ist, hat die Freizeit organisiert und seelsorglich begleitet. Die Leitung hatte Eva-Maria Müller vom Taubblindenreferat des DKBW.

Was Taubblindheit angeht, sei in der Bevölkerung „ein breites Nichtwissen“ vorhanden, sagt Grimm. Obwohl Taubblinden gleich zwei Sinne fehlen oder nur noch schwach vorhanden sind, leben die Betroffenen gewöhnlich noch in der eigenen Wohnung. Unfähig jedoch, am Arbeitsleben teilzunehmen oder auch nur zum Einkaufen oder ins Schwimmbad zu gehen. Je nachdem, ob sie zuerst ihr Gehör oder ihr Augenlicht verloren haben, verständigen sie sich entweder durch Taktiles Gebärden oder durch Lormen. Bei der Taktilen Gebärdensprache hält der Empfänger die Hände an die des Gebärdenden und fühlt die Gebärden ab. Das Lorm-Alphabet ist ein Tast-Alphabet für Taubblinde. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts von dem Schriftsteller und Journalisten Hieronymus Lorm entwickelt. Er hatte mit 16 Jahren sein Gehör verloren, war mit 60 Jahren auch noch erblindet. 

Nur durch intensive Begleitung erschließt sich Taubblinden die Außenwelt. Dazu brauchen sie eine feste Assistenz-Person, die sie sich aber oft schwer erkämpfen müssen, wie Grimm immer wieder mitbekommt. „Diese Menschen haben schon so oft erfahren, sie kämen zu teuer, sie seien eine Last. Die trauen sich oft gar nicht mehr, Leistungen zu beanspruchen.“ Auch die jetzt stattgefundene Freizeit „Bistum Eichstätt – Perle des Altmühltals“ wäre rein aus diözesanen Mitteln nicht finanzierbar gewesen, weiß der Behindertenseelsorger. Schließlich kann ein Assistent oder eine Assistentin jeweils höchstens für drei taubblinde Menschen die Rundumbetreuung übernehmen. Solche Fachkräfte, wie es sie vereinzelt auch im Bistum Eichstätt gibt, seien rar, informiert Grimm. Aber ohne sie könnte eine mehrtägige Urlaubsfahrt mit Besichtigungsprogramm gar nicht erst stattfinden. Der Behindertenseelsorger ist deshalb froh über Zuschüsse vom DKBW oder von „Aktion Mensch“.

Tasten und riechen

Für Grimm, der bereits mehrere solcher Freizeitmaßnahmen organisiert hat, ist die wichtigste Frage beim Zusammenstellen des Ausflugsprogramm: „Gibt es etwas zu tasten und zu riechen?“ Denn diese Sinne sind bei Taubblinden überragend geschult. Bei einer Schifffahrt durch den Donaudurchbruch drückte ihnen der Pfarrer etwa kleine Schiffsmodelle in die Hand, als er bei einer Andacht auf dem Deck über das Wunder auf dem See Gennesaret sprach. „Man muss da etwas erfinderisch sein“, weiß er. Im Klöppelmuseum in Abenberg war es eine Garnspule, die den taubblinden Gästen helfen sollte, mehr über ein traditionelles Handwerk zu erfahren.

Sehr froh zeigt sich Grimm, „dass wir im Eichstätter Dom, wenn er nach der Sanierung wieder
geöffnet ist, wahrscheinlich ein Modell bekommen. Menschen, bei denen alle Sinne funktionieren,
könnten sich nicht vorstellen, wie es Leuten ergeht, bei denen das nicht so ist. Ich erleb’s halt hautnäher. Und ich stelle fest, dass es für diese Leute einfach lebensnotwendig ist. Es ist wichtig, dass sie Reliefs tasten dürfen in Kirchenräumen, Epitaphe anfassen.“ Hygienische Bedenken und Berührungsängste in Pandemie-Zeiten zerstreut Grimm lachend und klopft dabei auf Holz: „Trotz meines Jobs hab’ ich noch nie  Corona gehabt.“

Während der Bildungs- und Begegnungsfreizeit war die Gruppe im Tagungshaus Schloss Hirschberg der Diözese Eichstätt untergebracht und unternahm von dort aus Ausflüge in die ganze Region. Dem Römerkastell in Pfünz galt ebenso ein Besuch wie dem Technikmuseum in der Kratzmühle bei Beilngries. Auf dem Alten Ludwigskanal bei Mühlhausen in der Oberpfalz stand eine Treidelfahrt auf dem Programm, in Abenberg der Besuch einer Kürbiskernmühle. Nicht zu vergessen natürlich ein Bummel durchs barocke Eichstätt mit anschließender Weiterfahrt in den Plattenkalk-Hobbysteinbruch nach Solnhofen.

„Ich rieche den Alfred“

Die gute Stimmung in der Gruppe, die Vertrautheit, die wieder ein Stück gewachsen ist, war für Grimm Lohn für viele Stunden Planung. Als Beispiel erzählt er von dem taubblinden Mann, der seiner Assistentin in die Hand lormte: „Ich rieche hier den Alfred!“ und der dann gleich auf den Behindertenseelsorger zusteuerte. „Ich weiß schon, der Tabak“, lacht Pfeifenraucher Grimm, der mit seiner Gruppe zwei Heilige Messen auf Schloss Hirschberg feierte – und dabei die nicht gerade leichte Aufgabe hatte, Taubblinden die Botschaft des Dreifaltigkeitssonntags im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen.

Dass er Übung darin hat, Menschen mit so gravierenden Sinneseinschränkungen das Evangelium zu vermitteln, hilft Grimm auch, wenn er Vertretungen in Pfarreien übernimmt. Bei der Erstkommunionvorbereitung zum Beispiel habe er, um den Kindern schwer Begreifbares anschaulich zu vermitteln, „immer ein entsprechendes Trumm’ dabei“, lacht er.             

Gabi Gess


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Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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