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26.10.2021

Ein Gang durch stille Gärten

Orte der Begegnung zwischen Tod und Leben / Berühmte europäische Friedhöfe

„Alle Toten Wiens leben auf dem Wiener Zentralfriedhof“, erklärt ein Mann in einer Geschichte Christine Nöstlingers einem ausländischen Touristen. Foto: Lauerer

Orte der Begegnung zwischen Tod und Leben / Berühmte europäische Friedhöfe

Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten“, singt der österreichische Liedermacher Wolfgang Ambros 1975 mit echtem Wiener Schmäh. Er setzte damit einem der größten Friedhöfe Europas ein musikalisches Denkmal und verewigte die besondere Atmosphäre, die Besucher des Wiener Zentralfriedhofs empfängt. 

Wer an einem sonnigen Herbsttag diese ganz eigene Attraktion der österreichischen Hauptstadt besuchen möchte, kann selbst entscheiden, ob er dies zu Fuß tut oder gar eine Rundfahrt mit dem Bus über den Friedhof antritt –  das Tor des Zentralfriedhofs öffnet sich für beides. Er empfängt die Lebenden wie die Toten und ist ein Ort kultureller wie interkultureller Begegnung. Ehrengräber berühmter Persönlichkeiten und Künstler finden sich dort ebenso wie normale Familiengräber, Kunst und Kitsch vereinen sich in Grabsteinen und Denkmälern zu einem imposanten Sammelsurium. Einen alten jüdischen Friedhofsteil gibt es genauso wie buddhistische Bestattungsstätten. Längst verwitterte Grabsteine, auf denen kaum noch Namen zu lesen sind, reihen sich an liebevoll gepflegte Stätten der Erinnerung. 

Manchmal kann man picknickende Familien neben dem Grab eines teuren Verstorbenen entdecken, lächelnd vereint inmitten von Gemeinschaft und Erinnerungen. Die Lebenden und die Toten in friedlicher, fast schon fröhlicher Eintracht: ein Kennzeichen des leicht morbiden österreichischen Charmes. Und vielleicht auch ein anderer Blickwinkel, den es sich in den kommenden tristen Novembertagen einzunehmen lohnt.

Museen der Erinnerung

Stille Gärten sind es, durch die Friedhofsbesucher flanieren, Orte der Ruhe und des Gedenkens. Museen der Erinnerung, sowohl der privaten wie auch der kulturellen. Einen Friedhof zu betreten ist wie ein Buch aufzuschlagen: jeder Grabstein ein Kapitel für sich. Oft findet man nur einen Namen und Lebensdaten. Und doch, so vieles passt in den schmalen Strich zwischen Geburts- und Todestag. Ein ganzes Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, seinen Licht- und Schattenseiten, seinen hellen und dunklen Stunden, seinen Kämpfen, seinen Glücksmomenten. All das mag der Friedhofsbesucher vielleicht nur erahnen, wenn er durch diese Gassen des Gestern läuft, seine Blicke und seine Gedanken schweifen lässt. Aber dennoch sprechen die Steine zu ihm, erzählen ihre ganz eigenen Geschichten. Vieles lässt sich herauslesen aus den liebevollen Details, die so manches Grab auf dem Friedhof zieren. Oft verraten besonders geformte Grabsteine etwas über das Leben der Verstorbenen, etwa ihre Berufe oder ihre Berufung. 

Häufig sind es auch die Besucher, die besondere Andenken hinterlassen. Beredtes Zeugnis davon legt ein weiterer berühmter Friedhof ab: Père Lachaise in Paris. Es ist fast schon ein eigener Stadtteil des Todes, der den Besucher hier empfängt: Eine eigene Karte zeigt Touristen, Schulklassen und Flaneuren, welche kleinen und großen Berühmtheiten hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben und wo sie zu finden sind. Was dennoch dafür sorgen kann, dass man sich zwischen alten Mausoleen, Einzelgräbern, Familien-gedenkstätten, Grabskulpturen und unzähligen Gässchen und Treppen verläuft. Etwa auf der Suche nach dem Grab des jung verstorbenen „Doors“-Sängers Jim Morrison, dessen Grab zur so stark frequentierten Pilgerstätte für Fans geworden ist, dass man es schließlich einzäunen musste. 

Ähnlich ergeht es einem weiteren berühmten Toten, der auf dem Pariser Friedhof wohl wenig Ruhe findet: Der irische Schriftsteller Oscar Wilde, einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Romanciers des viktorianischen Englands, starb im Alter von 46 Jahren verarmt in Paris. Sein Grabmal, das angeblich von einer unbekannten Dame gestiftet wurde, ist mit bunten Lippenstiftabdrücken und gekritzelten Inschriften in verschiedensten Sprachen übersät. Daran zeigt sich, was man beim Gedanken an Friedhöfe und Begräbnisstätten oft vergisst: wie lebendig Erinnerungskultur sein kann.

Obwohl die etymologische Wurzel von „Friedhof“ einen anderen Hintergrund hat, sind es Orte des Friedens, die man vorfindet. Oasen der Stille und der Ruhe, die einladen zu Sammlung und Kontemplation, zum stillen Zwiegespräch mit sich selbst, den Verstorbenen, mit Gott. Aber auch zur Begegnung mit anderen. In vielen Orten sind die Friedhöfe zentrale Stätten der Kommunikation. Kinder spielen dort, Menschen treffen zusammen bei der Pflege ihrer Gräber, beim Gießen, beim Spaziergang, beim Weihwasserholen. Man begegnet und grüßt einander, tauscht ein paar Worte, ein paar Neuigkeiten, ein paar Gedanken aus, geht wieder seiner Wege. Der Friedhof ist ebenso ein Ort der Lebenden, wie er ein Hort der Toten ist. 

Und er erzählt viele Geschichten. Das nimmt etwa der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler zum Anlass für seinen 2018 erschienenen Roman „Das Feld“. Dort sitzt ein alter Mann täglich auf der Bank des Friedhofs einer kleinen Stadt: angelegt auf einem brachliegenden Feld, das dem Landwirt keinen Ertrag versprach und deswegen zum Gottesacker umfunktioniert wurde. Was die dort Ruhenden ihm zu erzählen hätten, beschäftigt den alten Mann. Die kurzen Romankapitel schließlich lassen die Toten zu Wort kommen. Die von ihrem Leben erzählen, ihrem Lieben, ihrem Sterben. Ihre letzten Momente Revue passieren lassen, aber auch Augenblicke des Glücks. In leisen, zärtlichen Tönen erschafft Seethaler ein vielstimmiges Portrait einer Stadt, Mosaikstücke einzelner Biografien, die sich nach und nach ineinander verweben und ein Ganzes ergeben. Ein ganzes Leben.

Steinerne Biografien

Friedhöfe sind in Stein gemeißelte Biografien. Sie drängen ihre Leser nicht, denn sie sind aus der Zeit gefallene Anders-Orte. Gegenwelten zum hektischen Alltag, zum straffen Terminplan, zum Keine-Zeit-Haben. Schließt man das Tor hinter sich und betritt den Friedhof, fühlt man sich, selbst mitten in einer Stadt, plötzlich von Ruhe umgeben. Findet zu sich, findet Zeit. Findet eine Stätte der Trauer, die dennoch so prall von Leben und Liebe ist. Sorgsam gehegte Gräber, liebevoll gepflanzte Blumen, kunstvoll gewundene Kränze. Kleine Figuren, Spielzeuge, Handarbeiten, Kerzen. Jedes Grab spricht von eigenen Vorlieben und Erinnerungen.

Zahlreiche europäische Friedhöfe haben mittlerweile ihren festen Platz in diversen Stadtführungen und auf den To-do-Listen vieler Touristen. So verlässt kaum ein Besucher Prags die Goldene Stadt, ohne das Grab Rabbi Löws auf dem Alten Jüdischen Friedhof gesehen zu haben. Der Legende nach schuf Löw den hünenhaften Golem aus Lehm. 

Auch Deutschland hat sehenswerte Friedhöfe vorzuweisen: So gilt der Hamburger Friedhof Ohlsdorf als größter Parkfriedhof weltweit. Viel besucht wird auch der Leipziger Südfriedhof, dessen imposante Kapellenanlage man vom benachbarten Völkerschlachtdenkmal aus bewundern kann.

Man trifft auf ganz unterschiedliche Besucher und Bewohner: So streifen über die Friedhöfe in Paris mit Vorliebe Katzen, die sich etwa am Grab Edith Piafs in der Sonne räkeln oder sich zärtlich an die Grabstätte Frédéric Chopins auf dem Cimetière Montmartre, schmiegen. Dort, auf dem Friedhof mitten im Pariser Künstlerviertel, findet der Besucher aus Deutschland auch einen vertrauten Namen: den des Dichters Heinrich Heine, der im 19. Jahrhundert aus politischen Gründen ins Pariser Exil ging, dort viele Jahre krank in seiner – von ihm selbst so benannten – Matratzengruft verbrachte, bevor er schließlich starb. 

Die Grabinschrift enthält Heines eigene Verse, sein Gedicht „Wo?“, in dem sich der rheinische Dichter 
ahnungsvoll mit der ungewissen Frage nach der letzten Heimat auseinandersetzt:

 

„Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte seyn?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?
Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?
Immerhin mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als Todtenlampen schweben
Nachts die Sterne 
über mir.“

 

Verena Lauerer


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