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08.09.2021

Ein Ranzen für die ganze Schulzeit 95-Jähriger erinnert sich / Zwischen frommen Bildchen und Horst Wessel-Lied / Frage des Monats

Am Dienstag beginnt in Bayern das neue Schuljahr. Leser blicken in alten Erinnerungen zu kramen und in eine Zeit zurück

Im Schuljahr 1935/1936 entstand diese Aufnahme. Sie zeigt die damaligen Schülerinnen und Schüler der Volksschule Ernersdorf bei Berching. Unter ihnen ist der heute 95-jährige Ernst Deß, der seine Erinnerungen aufgeschrieben hat. Foto: pr

Am Dienstag beginnt in Bayern das neue Schuljahr. Aus diesem Anlass bat die KiZ ihre Leserinnen und Leser, in alten Erinnerungen zu kramen und in eine Zeit zurückzublicken, die manche Probleme heutiger Schüler noch nicht kannte. Kein Mobbing in sozialen Netzwerken, keine „Helikopter-Eltern“, keine Fixierung aufs Gymnasium. Dafür aber weite Schulwege und alte Schuhe, oft von den Geschwistern geerbt. 

Ohne Schultüte

KiZ-Leser Ernst Deß aus Nürnberg hat seine Schul- und Kinderzeit längst für seine Nachfahren festgehalten. Der heute 95-jährige pensionierte Technische Postbetriebsinspektor schickte der Redaktion einen Auszug aus den gedruckten Erinnerungen an sein Leben, das unter seinerzeit nicht gerade einfachen Vorzeichen in der Oberpfalz begann: „Ich bin als lediges Kind bei meinen Großeltern in Rappersdorf aufgewachsen“, erzählt Deß. Von 1932-39 besuchte er die Volksschule in Ernersdorf. „An meinen ersten Schultag kann ich mich nicht mehr genau erinnern“, schreibt er. „Wahrscheinlich war er auch gar nicht aufregend, denn Schultüten oder andere Kleinigkeiten gab es nicht. Aber an meinen Schulranzen, den ich acht Jahre getragen habe, kann ich mich auch heute noch erinnern. Er war aus braunem Leder und am Deckel war ein Pferd eingeprägt, worauf ich sehr stolz war.“ Im Schulranzen befand sich die Schiefertafel, die die gesamte Schulzeit über genutzt wurde. „Auf der glatten Seite wurden die Rechenaufgaben gemacht, die andere Seite war für Aufsätze, Rechtschreiben und dergleichen vorgesehen. Für die unteren Klassen waren zum Beginn eines neuen Schuljahres immer wieder andere Zeilen vorgesehen, sodass eine neue Tafel fällig wurde, was sich manche Eltern nicht leisten konnten. Dann wurden die alten Zeilen mit einem Bimsstein, den der Lehrer zur Verfügung stellte, abgeschliffen und neue Linien vom Lehrer aufgezogen.“

Über seinen einstigen Schulweg teilt Deß mit: „Wir brauchten eine gute halbe Stunde die zweieinhalb Kilometer den Berg hinauf zur Schule, denn eilig hatten wir es nie. Am Ortsrand sammelten wir uns.“ Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein „ging ich barfuß zur Schule, um Schuhwerk und Strümpfe zu sparen“. Im Winter kamen auch Schlitten zum Einsatz. Bei den Wettrennen, „war ich nie einer von den ersten“, erinnert sich Deß, „mein Schlitten war viel zu schwer, es war ein Eigenbau vom Großvater“. Wofür er seinem Opa aber zeitlebens dankbar war, war der Kauf eines naturwissenschaftlichen Fachbuchs, für das in der fünften Klasse geworben wurde. Mangels Taschengeld konnte er sich das Buch nicht selbst anschaffen und bettelte bei seinem Großvater so lange, bis er es ihm kaufte. „Dieses Buch“, erzählt er, „war nicht nur ein treuer Begleiter durch meine Schulzeit, sondern später auch ein hilfreiches Nachschlagewerk in meiner Lehrzeit und für die Berufsschule. Ich habe überhaupt gerne gelesen und im Winter Bücher aus der Pfarrbibliothek in Berching ausgeliehen“. 

Hungrig in der Pause

Der Kaplan sei freitags nach Ernersdorf gekommen und habe in der St. Ägidius-Kirche die Schulmesse gehalten, erzählt Deß. „Der Lehrer spielte dabei die Orgel und hatte so von der Empore aus eine gute Übersicht, ob auch alle Schüler anwesend sind. Anschließend hielt der Kaplan den Religionsunterricht in der Schule. Die Fragen aus dem Katechismus mussten natürlich auswendig gelernt und aufgesagt werden. Wer besonders fleißig war, bekam ein sogenanntes Hauchbildchen mit einem heiligen Motiv, das sich verformte wenn man es anhauchte“. 

Ein Absatz in den Lebenserinnerungen des 95-Jährigen zeigt, dass die Ganztagsschule keine Erfindung unserer Tage ist: „In den Wintermonaten von Herbst bis Ostern hatten wir Schule von acht Uhr morgens bis Nachmittag 14 oder 15 Uhr, mit einer Mittagspause von einer Stunde. Die Kinder von Ernersdorf konnten zum Essen nach Hause gehen, aber die Auswärtigen hatten diese Möglichkeit nicht. Wir vertrieben uns diese Zeit mit Herumbalgen und Fußballspielen auf der Straße. Als Pausenbrot bekam ich ein paar Scheiben trockenes Brot mit zur Schule und im Herbst meist noch einen Apfel dazu. Zum Satt werden reichte das aber bei weitem nicht. Oft warf ich meinen Kameraden aus Winterzhofen, die von größeren Bauern stammten, einen sehnsuchtsvollen Blick zu, wenn sie ihr Pausenbrot aßen. Manchmal bekam ich auch ein Butter- oder Margarinebrot von ihnen geschenkt.“

Sein erster Lehrer in Ernersdorf habe es nicht leicht gehabt, erinnert sich Deß. Musste er doch sieben Jahrgangsstufen parallel in einem einzigen Klassenzimmer unterrichten. Bei schönem Wetter trieben die Buben Sport im Garten, die Mädchen wurden unterdessen von der Frau des Lehrers in Handarbeit unterrichtet. Jener Pädagoge, der bis 1936 in Ernersdorf im Einsatz war, sei „dem Nationalsozialismus nicht abgeneigt gewesen“, berichtet Deß. Er habe die Buben der oberen Klassen aufgefordert, ins Braunhemd zu schlüpfen und im Berchinger Kino, das sich im Saal einer Brauerei befand, Propagandafilme anzusehen. Einmal habe der Lehrer montags gefragt, wer den entsprechenden Film am Wochenende angeschaut habe. Dass sich keiner meldete, „hat ihn so in Rage gebracht, dass er die ganzen oberen Klassen der Buben mit dem Rohrstock bestrafte“.  Als 1937 ein neuer Lehrer kam, sei es besser geworden: „Statt des Horst Wessel-Lieds wurden wieder Volkslieder eingeübt.“

Schon als Kind interessierte sich Deß für Technik und träumte von einer Lehre als Autoschlosser. Dafür brauchte er aber den Abschluss der achten Klasse. Weil die Ernersdorfer Schule nur siebenklassig war, zog der Teenager zu Mutter und Stiefvater in das Haus, das sie in der damaligen Julius Streicher-Siedlung in Nürnberg-Moorenbrunn gebaut hatten. Anfangs wegen seines Oberpfälzer Dialekts belächelt, zeigte der neue Schüler schnell, was in ihm steckte. Er machte später tatsächlich eine Ausbildung als Schlosser, wurde aber als 18-jähriger an die Front geschickt und kam erst 1948 aus englischer Kriegsgefangenschaft heim. Schnell arbeitete er sich beruflich hoch, engagierte sich auch ehrenamtlich als Kirchenpfleger und Pfarrgemeinderat in Moorenbrunn. 1950 heiratete er, „und seitdem haben wir auch die Kirchenzeitung“. 

pr/Gaby Gess


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