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20.10.2021

„Große weite Welt“ ins Dorf gebracht

„Große weite Welt“ ins Dorf gebracht / Ordensleute in Übersee auf Heimaturlaub

Sie sahen einander nur bei parallel geplanten Heimaturlauben: Die Geschwister Barbara (Maria Severina) und Ludwig Kästel aus Mannholz bei Pleinfeld. Sie wirkte in Brasilien und den USA, er in Peru. Nichte Theresia Harrer schickte dieses Foto von Onkel und Tante, die beide bereits verstorben sind. Foto: pr

Ordensleute in Übersee auf Heimaturlaub / „Frage des Monats“ zum Weltmissionssonntag

Nach Verwandten in der Mission erkundigten wir uns vor vier Wochen im Rahmen der „Frage des Monats“ – und bekamen Antwort. So erzählt Theresia Harrer aus Nürnberg: 

„Meine Mutter, Franziska Harrer, geborene Kästel aus Mannholz (Gemeinde Pleinfeld), hatte zehn Geschwister. Zwei gingen in die ‚Missionen‘: Mein Onkel Ludwig und meine Tante Barbara, von uns genannt Tante Babett, die im Kloster den Namen Maria Severina bekam. Onkel Ludwig ging 1930 mit 16 Jahren nach Ellwangen/Josefstal und wurde Comboni-Missionar. 22 Jahre arbeitete er in Huánuco und Lima in Peru. 2007 ist er im Alter von 93 Jahren in Ellwangen gestorben. 

Tante Babett trat 1932 im Alter von 20 Jahren bei den Abenberger Schwestern ein und wurde 1936 nach Milwaukee, Wisconsin, in den USA geschickt. Sie arbeitete nach Ihrer Ausbildung als Chemielaborantin in Truth-or-Consequences im Staat New Mexico. Mit 63 Jahren meldete sie sich freiwillig für die Brasilien-Mission der Abenberger Schwestern, lernte Portugiesisch und Autofahren und arbeitete 15 Jahre in Goiania, Brasilien. Ihren Lebensabend verbrachte sie wieder in den USA. Zuerst in Broken Arrow, Oklahoma, dann in Oshkosh, Wisconsin, wo sie im Mai 2012 im Alter von 97 Jahren starb.

Die meiste Zeit ihrer Heimaturlaube verbrachten beide am liebsten bei uns in Mannholz. Auch wir, die Familie von Fanni (Franziska) Harrer waren eine große Familie mit sechs Kindern. Wir freuten uns immer sehr über die Gäste aus Amerika. Unsere Mutter, überglücklich, bot zur Begrüßung, auch für die Begleiter, alles auf, was Haus und Hof hergab. Das heißt, es gab ein Festtagsessen. Alle Besucher schätzten die gastfreundliche Fanni.

Onkel Ludwig und Tante Babett hatten eher eine ruhige und zurückhaltende Art, machten wenig Aufsehen um ihre Person. Wir alle lauschten gerne ihren Geschichten aus USA, Brasilien und Peru. Beide brachten die große weite Welt in unser kleines beschauliches Dorf.

Als ich meine Tante Babett zum ersten Mal sah, trug sie noch strenge schwarze Klosterkleidung, man sah nicht ein Haarsträhnchen. Mit der Zeit änderte sich das sehr, die Kleider wurden kürzer, langsam wurden gedeckte, dezente Farben möglich, der Schleier ließ die Haare hervorblitzen und das Gesicht nicht mehr so streng erscheinen. Ich erinnere mich gerne daran, wenn Post aus „Amerika“ kam. Wie sehr sich unsere Mutter freute, sich Zeit nahm den Brief sorgfältig zu öffnen und zu lesen.

Eine jüngere Schwester von Tante Babett überlegte auch, eventuell in ein Kloster einzutreten und fragte um einen Rat. Tante Babett antwortete im Sinne von: Man kann auch draußen ein gutes und gottgefälliges Leben führen. Die Schwester entschied sich dann doch, eine Familie zu gründen.

Im Herbst 2006, nach dem Tod meiner Mutter, feierte Tante Babett in Broken Arrow, Oklahoma ihr 70-jähriges Professjubiläum. Dies war das einzige Mal, dass Tante Babett von ihrer Familie Besuch bekam. Meine Cousine Anni Holzschuh, ihr Mann Wolfgang und ich entschlossen uns für zwei Wochen in die USA zu fliegen. Wir wohnten mit im Kloster und lernten durch die katholische Community um die Gemeinschaft der Schwestern dort viele gastfreundliche Amerikaner kennen und erlebten eine spannende Reise bei und mit unserer Tante. Mittlerweile sind alle Geschwister der Familie Kästel verstorben.“

„Amerika ist am Telefon“

Auch Inge Mark aus Neumarkt hat in ihren Erinnerungen gekramt und an die KiZ geschrieben: „Meine Mama hatte drei leibliche Schwestern, die im Kloster waren. Die jüngste in St. Walburg in Eichstätt, die nächste als Arme Schulschwester, davon 30 Jahre in Ornbau und die älteste bei den Abenberger Schwestern. Tante Aurelia wurde 1926 mit 19 Jahren als Krankenschwester vom Orden nach Denville in New Jersey ausgesandt und verbrachte dort ihr ganzes Leben. 

Nach dem Krieg, wir hatten bereits in den 1950er-Jahren ein Telefon, bekamen wir von ihr einen Anruf. Ich war noch ein Kind, durfte aber bereits an den Apparat. Total aufgeregt rief ich meine Mama: ‚Amerika ist am Telefon!‘ In guter Erinnerung sind mir auch die Care-Pakete, die wir regelmäßig in der Nachkriegszeit erhielten, vor allem die Riesentafeln Blockschokolade. 

Erst in den 1970er-Jahren durften wir unsere Tante Aurelia persönlich kennenlernen, sie hatte nach 50 Jahren den ersten Heimaturlaub und besuchte alle ihre Neffen und Nichten.“

Noch heute muss Mark lachen, wenn sie an die Episode mit dem gefährlich aussehenden Familienhund denkt, den Tante Aurelia in amerikanisch-bayerischem Slang vertrieben habe: „Madonna, heilige Maria hilf, Hundskrippl‘ verschwinde.“ Der Tante habe es in der alten Heimat so gut gefallen, dass sie am liebsten dort geblieben wäre. „Der Orden gewährte ihr noch einige Tage und auf gutes Zureden ihres Bruders trat sie schweren Herzens den Rückflug an. Sie hatte zu dieser Zeit den Posten der Oberin inne. Wieder in Denville angekommen, hatte man sie abgesetzt, weil sie die Ordensregel des Gehorsams missachtet hatte. In ihren letzten Lebensjahren begleitete sie Schwerkranke beim Sterben.“ 

Sehr gefragt seien bei ihrer Tante Hummelfiguren aus Germany gewesen, erinnert sich Mark. Sie seien dann „bei einer Art Oktoberfest“ zum Kauf angeboten und der Erlös für Bedürftige verwendet worden. Jahrelang schickte Mark auch zu Weihnachten ein Paket mit geräucherten Bratwürsten in den Konvent nach Denville. 

„Tante Aurelia verstarb am 28. November 1987 mit 80 Jahren“, schließt Mark. „Wir waren und sind heute noch stolz auf sie.“ 

pr/gg


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