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23.02.2022

Humanitäre Katastrophe in der Pflege?

. Fachtagung zum Welttag der Kranken in Eichstätt

Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs wurden in einer digitalen Podiumsrunde diskutiert. Foto: Lauerer

Damit das Feuer nicht erlischt – Wege aus dem Pflegenotstand“: Unter diesem Motto stand eine Fachtagung zum Welttag der Kranken in Eichstätt, die am 18. Februar online stattfand. Verantwortlich dafür zeichneten der Fachbereich Klinikseelsorge der Diözese Eichstätt und das Diözesanbildungswerk in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Nürnberg und dem Katholischen Pflegeverband.

In den Blick genommen wurden dabei die Pflegenden und die Möglichkeiten und Wege, deren Situation zu verbessern. Zwei Vorträge, Workshops und eine abschließende Podiumsdiskussion, an der auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek teilnahm, befassten sich mit diesem Thema.

Einführende Begrüßungsworte an die etwa 110 Anwesenden richteten Prof. Dr. Barbara Städtler-Mach, Präsidentin der Evangelischen Hochschule Nürnberg, Thomas Schrollinger, Leiter der Hauptabteilung „Pastorale Dienste“ im Bistum Eichstätt, und Stefan Schönstein, Vorsitzender des Katholischen Pflegeverbands Bayern. Schrollinger überbrachte in seinem Grußwort ein wertschätzendes Dankeschön von Bischof Gregor Maria Hanke. Als Moderatorin führte Pastoralreferentin Claudia Wilk durch die Tagung, stimmungsvoll musikalisch umrahmt wurde das Event durch eingespielte Videos von Schülerinnen und Schülern des Eichstätter Gabrieli-Gymnasiums. 

Weg aus der Resignation

„Ich pflege gern“ – so habe ich angefangen. „Jetzt bin ich oft nur müde“ – unter dieses Motto hatte der Diplom-Theologe Dr. Stephan Abt, Leiter des Sigmund-Faber-Heims in Hersbruck, seinen Eröffnungsvortrag gestellt. Zu Wort kommen ließ Abt eingangs in einem Filmbeitrag diejenigen, die dieses eigene Erleben am besten formulieren können: Pflegekräfte aus der Diakonie Neuendettelsau. Gezeigt wurden Videobeiträge von Pflegerinnen zum Thema „Ich pflege gern“, in denen die Fachkräfte sich über ihre Motivation 

und ihr Selbstverständnis im Beruf äußerten. Die Frauen sprachen über die Dankbarkeit, die sie zurückbekämen, die Sinnhaftigkeit, die sie in ihrem Tun erführen sowie über das Gleichgewicht, das im Geben und Nehmen entstünde. „Mit meinen Händen kann ich behutsam Grenzen überwinden“, erklärte eine Fachkraft ihre berufliche Motivation. Und sie könne „das Unbegreifliche begreifen: die Liebe und den Tod“. An diese beeindruckenden Zeugnisse des „Feuers“, um das es in der Tagung ging, schloss Abt seine Überlegungen an, wie es zur Ernüchterung der Anfangsideale kommen könne. Er brachte sowohl die Innensicht der Institution als auch diejenige der Pflegepersonen ins Spiel. Aus seinen Erfahrungswerten heraus zählte der Referent Gründe wie Misstrauen gegenüber dem Pflegepersonal durch Angehörige, ethische Überfrachtung aufgrund der hohen Vorgaben der Leitlinien, Unglaubwürdigkeit des Trägers oder auch die Zurückstellung eigener Bedürfnisse und das Nichtannehmen von Hilfestellungen auf.

Anschließend versuchte Abt, Wege aus der Resignation aufzuzeigen. Er befasste sich in seinen mit theologischen und spirituellen Bezügen angereichteren Ausführungen mit Arbeits- und Psychohygiene, Motivation sowie christlichen Aspekten des Pflegeberufs.

Wandel und Aufgaben

Im direkten Anschluss referierte Städtler-Mach, die Abts Einblicke mit der Außenperspektive ergänzte. Sie sprach über die Überlastung der professionellen Pflege und kreative Möglichkeiten, diesen Notstand zu überwinden. Dabei berief sie sich auch auf aktuelle Zahlen des Barmer-Pflegereports, dem zufolge im Jahr 2030 allein in Bayern 4.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt würden. 

Aus den Beispielen, wie Pflegende und Einrichtungen kreativ mit den Herausforderungen umgehen, leitete sie vier konkrete Thesen ab, wie weiter mit der Thematik umgegangen werden müsse. Erstens gebe es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, Veränderungen müssten von allen mitgedacht werden. Zweitens könnten die Veränderungen, die der demografische Wandel mit sich bringe, nicht auf Pflegekräfte abgeschoben werden. Sie mahnte drittens, dass gesetzgebende Organe für die Gestaltung der Rahmenbedingungen zuständig seien, nicht die Pflegekräfte selbst. Zuletzt sprach Städtler-Mach die Bezahlung an, die angepasst werden müsse: Darin zeigten sich die soziale Qualität eines Staates sowie die Glaubwürdigkeit der Kirche. 

In vertiefenden Workshops konzentrierte man sich am Nachmittag in Einzelgruppen je nach Interessen- lage auf bestimmte Aspekte der Pflege. Expertinnen und Experten boten unter anderem ihre Erfahrungen zu Aspekten wie „Versorgung in der häuslichen Umgebung durch Betreuungskräfte aus Osteuropa“ (Markus Bünemann) an, sprachen über das „Miteinander im multiprofessionellen Team“ (Karin Deseive) oder befassten sich mit Themen wie Burnout-Prophylaxe (Wolfgang Kopp). 

Schlafen Sie noch ruhig?

An der abschließenden Podiumsdiskussion nahmen neben Gesundheitsminister Holetschek Landes-Caritasdirektor Prälat Bernhard Piendl, Prof. Dr. Barbara Städtler-Mach sowie für den Katholischen Pflegeverband Gertraud Mayer teil, die seit 30 Jahren in Pflege und Pflegepädagogik tätig ist.

Dr. Peter Stockmann, Büroleitung des Generalvikars und Moderator der Podiumsdiskussion, bat die Teilnehmenden um Eingangsstatements. Holetschek bezeichnete Pflege als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ und sprach sich für eine Verbesserung der Rahmenbedingung und des Gehalts im Pflegeberuf sowie für dessen Akademisierung aus. Mayer, die aus der direkten Praxis heraus sprach, bezeichnete ihr Anliegen als Herzensthema und den Pflegenotstand als Dauerzustand. In ihrem Statement empfahl sie eine neue Sichtweise auf Pflege als Wirtschaftszweig: „Pflege erwirtschaftet Wohlbefinden für Menschen.“ Prälat Piendl betonte die große, mittlerweile fast vergessene Rolle der Kirche in der Pflege: „Menschen zu pflegen kommt aus der Mitte der kirchlichen Tradition.“ Er empfahl, den Welttag der Kranken stärker zu etablieren und zu diesem Anlass Pflegerinnen und Pfleger in die Gottesdienste und zum Austausch einzuladen. Auch müsste das Pflegepersonal selbst zur Gestaltung aufgerufen sein: Er votierte für eine Pflegekammer. Städtler-Mach griff die Thesen ihres Vortrags vom Vormittag in ihrem Statement noch einmal auf und arbeitete so pointiert heraus, an welchen Stellschrauben gedreht werden könne, um dem Pflegenotstand entgegenzuwirken. 

In der anschließenden Diskussion, die auch Fragen aus dem Publikum aufgriff, wurden konkrete Möglichkeiten zur Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufs erörtert. Holetschek stellte eine Verdoppelung des Gehalts in der Intensivpflege in Aussicht, mahnte aber auch an, dass sich der Bund an einer Pflegereform beteiligen müsse. Städtler-Mach verwies noch einmal auf die Zahlen des Pflegereports: „Eigentlich darf da keiner mehrruhig schlafen!“ Diese Frage wurde auch dem bayerischen Gesundheitsminister gestellt, ob er angesichts solcher Zahlen noch ruhig schlafen könne. Insgesamt herrschte vor allem Konsens bezüglich der Dringlichkeit des Problems: Pflege und Gesundheitsversorgung seien „die soziale Frage des 21. Jahrhunderts“, so Städtler-Mach. 

Diese gelte es unmittelbar mit mutigen Schritten anzugehen, darin waren sich zum Abschluss der Fachtagung alle einig. Trotz verschiedener Positionen hätten alle ein gemeinsames Ziel vor Augen: eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. 

Verena Lauerer


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Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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