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16.09.2016

„Ich gehe da oft sehr glücklich raus“

Wer Sterbenden beisteht, muss nicht zum Trauerkloß werden. Unser Bild zeigt eine fröhliche Ehrenamtlichen-Gruppe in Eichstätt. Foto: Gess

Wer Sterbenden beisteht, muss nicht zum Trauerkloß werden. Unser Bild zeigt eine fröhliche Ehrenamtlichen-Gruppe in Eichstätt. Foto: Gess

Hospizbegleiter des Malteser-Hilfsdienstes erweitern in der Begegnung mit Sterbenden den eigenen Horizont.

"Gehn wir allein oder Hand in Hand?" tönt es mehrstimmig aus dem Versammlungsraum des Malteser-Hilfsdienstes im Eichstätter Heilig Geist-Spital. Ein Dutzend Frauen und ein Mann studieren gerade einen musikalischen Beitrag für das Jubiläum einer Gruppe ein, der sie selbst angehören: dem ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst der Malteser im Bistum Eichstätt, der vor genau 20 Jahren gegründet worden ist (siehe unten). Die KiZ wollte in einem Rundgespräch von den Mitgliedern wissen, warum sie sich gerade dieses, ganz bestimmt nicht leichte Ehrenamt ausgesucht haben und welche Erfahrungen sie dabei machen.

„Das hat mich damals einfach gleich angesprochen, als ich den Aufruf in der Zeitung gelesen habe“, erinnert sich eine Frau, die seit zehn Jahren dabei ist. Ihre anfängliche Befürchtung, als „Nur-Hausfrau“ zwischen Akademikern und Studenten im Ausbildungskurs nicht bestehen zu können, erwies sich als unbegründet. Denn das Entscheidende, das weiß sie heute, ist, „es mit Herz und  Seele zu machen“.

Eine andere Ehrenamtliche berichtet, wie dankbar sie selbst beim Abschied von einem nahen Angehörigen über den Beistand der Malteser-Hospizhilfe war. „Wenn man noch nie bei einem Sterbenden war, weiß man nicht, was auf einen zukommt“, sagt sie. „Deshalb hab ich mir damals Hilfe geholt– und das war sehr wichtig, weil da jemand war, mit dem ich reden konnte.“

Leben im Zeitraffer

Den einzigen Mann in der Runde haben seine Erfahrungen als Leiter einer Schule für junge Menschen mit Behinderung zum Einstieg in die Hospizarbeit bewogen. „An unserer Schule wurde auch gestorben“, erzählt er nüchtern. Mindestens einmal im Jahr habe er als Schulleiter eine Traueransprache bei der Beerdigung eines Schülers halten müssen. „Als dann meine Pensionierung absehbar war, habe ich mich hier angeschlossen.“ Obwohl er viel Zeit in die Ausbildung gesteckt hat und auch jetzt regelmäßig Einsätze als Hospizbegleiter leistet, sieht er sich unterm Strich als Beschenkter: „Ich gehe da oft sehr glücklich raus: Mir werden ganze Lebens-Stories erzählt, da werden die Leute nochmal richtig jung.“

Natürlich sind nicht alle Sterbenden versöhnt mit ihrer eigenen Geschichte. Da sind zum Beispiel unheilbar Krebskranke, die noch jung sind und nicht begreifen, warum ausgerechnet ihre Lebenszeit so knapp bemessen ist. Diesen Hader können und wollen die Hospizbegleiter nicht in Zweifel ziehen. „Das muss man so stehen lassen“, meint eine der Ehrenamtlichen.

Manchmal haben diese gar nicht mehr die Zeit, lange Gespräche am Krankenbett zu führen, weil sie erst in der akuten Sterbephase von den Angehörigen oder vom Klinikpersonal verständigt werden. Dann geht es nicht um Worte, sondern nur ums Dasein: Blickkontakt, Händedruck, entspannende Musik, kleine, lindernde Handreichungen. Gut und schmerzfrei liegen zu können, das ist oft der einzige Wunsch, den Sterbende noch haben. Die Welt um sie herum rückt beiseite. „Kein Radio mehr, kein Fernseher“, beschreibt eine Helferin diese Phase, „nur ganz bei sich selbst sein“.

Auf sich selbst zu achten, dieser Grundsatz wird auch den Hospizbegleitern bereits in der Ausbildung vermittelt. Den Aktiven helfen Supervisionen und regelmäßiger Austausch in der gesamten Gruppe, die Begegnungen mit Sterbenden und deren Angehörigen zu verarbeiten. „Ich finde, wir haben ein gutes Netz, von dem man sich getragen fühlt“, bringt es eine Frau auf den Punkt.

Nichts wegschieben

Zustimmendes Nicken in der Runde findet auch die Aussage einer jungen Teamkollegin: „Manchmal, wenn ich nach Hause fahre vom Hospizdienst, dann denke ich: Mensch, wie geil ist das, dass ich gesund bin und dass es meinen Angehörigen gut geht. Oder wenn man in eine Familie kommt, die zerstritten ist: Dann wird einem klar, wie wichtig es ist, den Anfang zur Versöhnung zu machen, ehe es zu spät ist. Wir schieben so viele Themen in unserem Leben weg, statt sie aktiv anzugehen.“

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 38 vom 18. September 2016

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