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31.01.2024

Mit Peitschenknall und Bonbonregen

In Hilpoltstein vertreiben die Flecklasmänner den Winter

Zwischen Schrecken und Entzücken: Die Hilpoltsteiner Flecklasmänner mit dem Strohbären Löll (M.) - Foto: vb

Mit lautem Peitschenknall sind sie am Unsinnigen Donnerstag in Hilpoltstein unterwegs, um dem Winter ‚Servus‘ zu sagen: die Flecklasmänner. Das alte Brauchtum wurde vom 2007 gegründeten Verein
„Hilpoltsteiner Flecklasmänner“ wiederbelebt. Die Vereinsvorsitzende Katrin Schade befasst sich bereits seit Jahrzehnten intensiv mit dem närrischen Treiben, das in den Wintermonaten vom Dreikönigstag bis zum Aschermittwoch Saison hat. Als Flecklasmänner sind Frauen und Männer in der Stadt im Landkreis Roth unterwegs. Getragen wird ein buntes selbstgenähtes Gewand mit 200 roten Stoffrauten. „Daher auch der Name Flecklasmann.“ Die Rauten werden einzeln ausgeschnitten und aufgenäht. „Rot steht für den Neuanfang, die Raute war früher ein Frühlingssymbol.“ Handgeknüpft ist auch die hellbraune Wollborde um Jacke und Gewand, für dessen Herstellung insgesamt ungefähr 60-65 Stunden benötigt werden. Geschnitzt und bemalt wird dann noch die Larve, wie die Maske eigentlich genannt wird. Diese arbeitet Schade Stück für Stück aus einem Klotz Lindenholz heraus. „Ungefähr 25 Stunden braucht es wiederum, bis sie fertig ist“, erzählt Schade, die diese Fertigkeit vor rund 20 Jahren von ihrem Vater erlernt hat. Merkmale der Larve sind ihr weißes Gesicht, rote Augen, schwarze Haare und Schnurrbart. Ähnliche Gestalten wie die Flecklasmänner gibt es in Franken etwa in Spalt, Effeltrich, Kipfenberg, Pleinfeld oder Allersberg.

Jeder kann diesen Brauch pflegen und somit seine eigene Larve schnitzen oder das originalgetreue Kostüm selbst nähen. So gewandet kann sich jeder am Faschingswochenende und dem Donnerstag davor, dem Unsinnigen Donnerstag, den Flecklasmännern anschließen. Begleitet werden sie von der Bevölkerung mit dem Spruch: „Flecklasmo, hast Klamperla dro, hast all derfrorn, bist bucklert worn. /Gänskrong, Saumogn, derf ma nimmer song.“

Von Gasthaus zu Gasthaus ziehen die Flecklasmänner, um ihren Lohn für das Winteraustreiben und ihre Tapferkeit in Form von Essen und Trinken einzuforden. Auch hier wird auf jedes Detail geachtet, wie Schade erklärt: „Wird die Maske für Essen und Trinken abgenommen, wird die Larve in das Kopftuch eingewickelt, damit das Böse einen nicht erkennt.“

Was die Kirche dazu sagte

Bis ins 18. Jahrhundert vertrieben die Flecklasmänner als Frühlingsfiguren den „Löll“, einen Strohbär, der den Winter symbolisiert. Seinen Namen bekam er, weil er lallte. „Entweder weil er vom Bösen nicht erkannt werden wollte oder weil er ein Bier zu viel hatte,“ so Schade.

Weil es oft zu Ausschreitungen kam, verbot das Bistum Eichstätt 1793 die Strohpuppen. Nach 222 Jahren gab es 2015 in Hilpoltstein erstmals wieder einen Löll in der Region. Anzutreffen ist er aber nur bei Brauchtumsumzügen.

Bis heute prägt die Kirche das Brauchtum. So ist jeder am Unsinnigen Donnerstag auf den Kirchentreppen Hilpoltsteins vor den Flecklasmännern sicher. „Das Kirchengelände ist verboten, weil es ein heidnischer Brauch ist.“

Gleichzeitig ist dieser offen für alle – unabhängig von Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung. Der derzeit 20 Mitglieder zählende Verein versteht sich als Botschafter für Inklusion und setzt sich für den Abbau von Barrieren ein. Vergangenes Jahr erhielt er den mit 5.000 Euro dotierten Inklusionspreis des Bezirks Mittelfranken für den im Januar 2023 durchgeführten barrierefreien und inklusiven Brauchtumsumzug im Stadtzentrum. Auf das Expertenwissen von Vereinsmitgliedern mit Behinderung wurde dabei zurückgegriffen. An Parkplätze oder eine Gebärdendolmetscherin auf der Bühne wurde gedacht. Nicht nur in Hilpoltstein sondern auch in der Region möchte der Verein bei Veranstaltern von Faschingsumzügen ein Bewusstsein für Barrierefreiheit schaffen. Anzutreffen ist ein „Flecklasmo“ in Hilpoltstein übrigens auch unterm Jahr, auf dem Familien-Erlebnispfad. Dort ist ihm eine eigene Station mit Balancierpfad gewidmet.

Fasching in der Schule

Das Wissen um das Brauchtum möchte Katrin Schade zusammen mit dem Verein an die nächsten Generationen weitergeben. Sie selbst ist in Spalt aufgewachsen und als Kind damit in Berührung gekommen. Regelmäßig besucht sie in der Faschingszeit seit 2010 neben Seniorenheimen auch die örtlichen Schulen. Dann können Kinder die Larven aus nächster Nähe betrachten oder selbst einmal aufsetzen. „Wir stellen dabei nicht nur unseren Hilpoltsteiner Flecklasmo vor, sondern auch viele Brauchtumsgruppen um uns herum. Das Angebot ist mittlerweile fester Bestandteil im Heimat- und Sachkundeunterricht.“ In der Corona-Zeit entstnd ein eigener Unterrichtsfilm. „Wir finden dieses Brauchtum wichtig“, betont auch die Rektorin der Hilpoltsteiner Grundschule, Ute Stengel-Freund, „wir wollen es vermitteln und weiterpflegen.“ Am Unsinnigen Donnerstag ist die Grundschule fest in der Hand der Flecklasmänner. Dann verkleiden sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrkräfte. Alle feiern dann gemeinsam in der Turnhalle und die Flecklasmänner lassen Bonbons regnen. „Dann ist Halligalli“, so Stengel-Freund.

Heinrike Paulus


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