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27.04.2022

Nach dem Pfarrvikar kamen Geflohene

Nach dem Pfarrvikar kamen Geflohene, Platz in Ordenshäusern und Pfarrhöfen

Optimistisches Lächeln trotz unsicherer Zukunft. Diese Familie hatte sich im Nordosten der Ukraine eine Existenz aufgebaut. Nun lebt sie in einer Dienstwohnung der Pfarrei Gunzenhausen. Foto: pf/Witczak

Hundegebell und Babygeschrei: Aus der bisherigen Gunzenhausener Kaplanswohnung dringen neuerdings ungewohnte Laute. Eine Drei-Generationen-Familie aus der Ukraine ist eingezogen, das jüngste Mitglied erst wenige Wochen alt, geboren in Polen während der Flucht. Und jetzt untergekommen in der Pfarrei Mariä Unbefleckte Empfängnis. Pfarrer Christoph Witczak hilft den neuen Bewohnern bei der Neuorientierung, wo er kann. Und freut sich jedes Mal wenn er sieht, „wie sie mit ihrem Hund spazierengehen und hier ganz einfach in Sicherheit sind“. Als Putins Armee ihren Einmarsch in die Ukraine begann, überlegten Witczak und sein Pfarrteam gerade, was mit der Dienstwohnung geschehen sollte, aus der der Pfarrvikar ausgezogen war. Die Räumlichkeiten, in denen früher Ordensfrauen wohnten, befinden sich direkt über dem Kindergarten. Während noch Überlegungen im Gang waren, dort eine weitere Kita- oder Hortgruppe einzurichten, „kam der Krieg und uns war klar, dass Flüchtlinge nach Bayern kommen“, erzählt Witczak. In Abstimmung mit der Kirchenverwaltung wies er den örtlichen Flüchtlingshilfe-Verein eine Woche nach Kriegsbeginn auf die freistehende Wohnung hin: Vier Zimmer, zwei Bäder mit Toiletten, eine Küche. Und dann ging alles ganz schnell:  „Um 15 Uhr habe ich erfahren, dass um 18 Uhr eine Familie ankommt“, lacht Witczak, „wir hatten aber noch gar keine Möbel“. Spontan schleppte er aus dem Gästezimmer seiner eigenen Wohnung Matratzen an. „Ich zieh ja eh’ um, meint der Pfarrer, der bald eine neue Stelle in der Militärseelsorge antritt. Er plünderte sein Handtuchregal und organisierte Geschirr aus dem Pfarrheim, „damit sie am nächsten Tag beim Frühstück Besteck, Gläser und Tassen hatten“. Was sonst noch kurzfristig benötigt wurde – vom Kühlschrank über den Wasserkocher bis zum Kinderwagen – steuerten Leute aus der Pfarrei bei. Aus der Zeit im Corona-Lockdown, als eine Anmeldung zu den Gottesdiensten erforderlich war, hat Witckzak noch viele Kontaktadressen auf dem Handy. Wie spontan viele halfen, habe ihn sehr gefreut, meint der Pfarrer. 

Als die ukrainische Familie eintraf, stellte Witczak gleich fest, dass er sich mit dem Sohn in seiner Muttersprache Polnisch unterhalten kann. Ansonsten habe ihm die Übersetzungs-App auf seinem Handy gute Dienste geleistet. Inzwischen weiß er viel über die Neu-Gunzenhausener: Sie kommen aus der Nordost-Ukraine und haben ihr Land schon früh verlassen, während sich die russischen Kräfte noch sammelten. Der Großvater reparierte in seiner eigenen Werkstatt Geigen, einer der Söhne besaß ein Fahrradgeschäft. Er arbeitet inzwischen auf Vermittlung Witczaks im Gunzenhausener Fahrradladen. Für eine weitere Tochter war Gunzenhausen nur Zwischenstation, sie ist mit Familie inzwischen in die USA weitergereist. Dafür traf zwischenzeitlich noch ein Sohn mit Frau und zwei Kindern, darunter dem Neugeborenen, ein. Für Gunzenhausen habe sich die Familie entschieden, weil dort bereits Landsleute leben, die „nach der Krim-Geschichte“ 2014 die Ukraine verlassen hatten.

Witczaks neue Nachbarn sind Baptisten. In der Osternacht kamen sie, „obwohl ich nichts gesagt habe“, zu ihm in den Gottesdienst. Und hörten, wie der Pfarrer in vielen Sprachen „Frohe Ostern“ wünschte, auch auf Ukrainisch.

Alle packen mit an

Auch in Ingolstadt/St. Pius lebt seit kurzem eine ukrainische Familie in einer freien Dienstwohnung der Pfarrei, zwei Frauen, Mutter und Tochter, mit zwei Kindern im Schulalter. Für Pfarrer Martin Geistbeck kein Grund, besonderes Aufhebens zu machen, „wo wir doch als Kirche eh mit dem Thema Flucht unterwegs sind“. Schon länger lebe zum Beispiel eine Familie aus Uganda in einer Wohnung seiner Pfarrei. 

Die ukrainische Familie hatte sich zuvor ein Zimmer geteilt, das eine Familie zur Verfügung gestellt hatte. Die Wohnung, die sie jetzt beziehen konnte, hat Geistbeck mit Mitgliedern von Pfarrgemeinderat und Kirchenverwaltung kurzfristig auf Vordermann gebracht. Im Gottesdienst fragte er nach Leuten, die dolmetschen können. Mit Erfolg: Die Waschmaschinen-Bedienungsanleitung liegt schon auf Ukrainisch vor. 

In der Neumarkter Hofpfarrei seien zwei Wohnungen innerhalb weniger Tage bezugsbereit gemacht worden, informiert Pfarrsekretärin Sonja Dotzler. Sie hat selbst mit angepackt, so wie auch Pfarrer Stefan Wingen und dessen Haushälterin. Eine der Wohnungen stand leer, weil eine Generalsanierung vorgesehen war. In der anderen hatte sich zuletzt die Caritas-Flüchtlingsberatung befunden, die vor kurzem neue Räume bezog. Froh war Dotzler, dass mit einer russischstämmigen ehemaligen Kindergarten-Mitarbeiterin auch eine Übersetzerin zur Verfügung stand.

Warten aufs Startsignal

Vielerorts im Bistum besteht Bereitschaft, Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, ergab die Nachfrage der KiZ. Zu den Ordensniederlassungen, die beim zuständigen Landratsamt freie Wohnräume gemeldet haben, gehört zum Beispiel das Salesianum Rosental in Eichstätt. „Wir haben mehrere Gästezimmer im Verbindungstrakt vom Altbau zum ehemaligen Studentenheim“, erklärt Rektor Pater Josef Prinz. „Dort sind bei Tagungen Gäste untergebracht“. Gerade sei ein Vertreter des Landratsamts da gewesen, „das kann jetzt schnell gehen“.

Auf Nachricht vom Landratsamt warte derzeit auch die Kirchenstiftung in der Berchinger Filialgemeinde Erasbach, teilt der Verantwortliche Albert Schweiger mit. Nach der konstituierenden Sitzung des Pfarrgemeinderats sei man noch zusammengesessen und habe über den Ukraine-Krieg gesprochen. Dabei sei der Vorschlag laut geworden, den alten Pfarrhof als Quartier für Flüchtlinge anzubieten. Momentan werde er von örtlichen Vereinen und Gruppen genutzt, aber auch von einer Ballettschule, die dort einen Raum gemietet hat. Damit eine Flüchtlingsfamilie einziehen könnte, müssten  noch Trockenwände eingezogen und Duschgelegenheiten geschaffen werden. Ehrenamtliche, die dabei anpacken, stünden bereit, signalisiert Schweiger.

„Das Landratsamt ist halt so eine Schnittstelle, um die man nicht herumkommt“, weiß auch Susanne Holzner, ehemalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende in Gaimersheim.  Auch sie hat eine Wohngelegenheit gemeldet – die Einliegerwohnung in ihrem Haus, in dem früher ihre Mutter lebte. Sie habe dabei „überhaupt nicht auf einen festen Mietvertrag geschielt“, sondern einfach schnell helfen wollen. Bisher wurde ihr Angebot noch nicht angenommen, „aber es steht“. Denn auch wenn die öffentliche Aufmerksamkeit für den Ukraine-Krieg nach Holzners Empfinden schon wieder zurückgeht, so ist doch noch mit vielen weiteren Flüchtlingen zu rechnen. 

Gabi Gess


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