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06.07.2022

Noch lange nicht wieder „heile Welt“

Vom Ahrtal bestehen noch Brücken ins Bistum Eichstätt

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Die Familie aus der Gemeinde Bad Münstereifel, von der diese Bilder stammen, wurde von der Pfarrei Heldmannsberg unterstützt. Der Kontakt hält an. Foto: pr

In den Nachrichten wurde sie längst von anderen schlimmen Nachrichten verdrängt, für die Betroffenen ist sie aber bei Weitem nicht ausgestanden: die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, die sich in der Nacht vom 14. auf 15. Juli zum ersten Mal jährt. Nach dem verheerenden Hochwasser, das Existenzen und Menschenleben mit sich riss, entstanden Brücken der Hilfsbereitschaft, die auch ins Bistum Eichstätt reichten. Manche Kontakte bestehen noch immer.

Die Flut, die als heftigste Naturkatastrophe in Deutschland seit der Hamburger Sturmflut von 1962 gilt, hatte sich aufgrund extremer Regenfälle in Teilen Westeuropas aufgebaut. In Deutschland starben mehr als 180 Menschen. Allein an der Ahr, einem Nebenfluss des Rheins, waren 134 Todesopfer zu beklagen. 800 Menschen wurden teils schwer verletzt. Die materiellen Schäden lagen im zweistelligen Milliardenbereich. Kirchliche Organisationen und Verbände riefen zu Spenden für die Betroffenen auf, die in den Diözesen Trier, Aachen, Essen, Köln und Paderborn leben. Im Bistum Eichstätt warb die Caritas ebenso um Unterstützung wie die Diözesanverbände von Kolping, Frauenbund oder Katholischer Arbeitnehmerbewegung. Auch Malteser aus dem Bistum leisteten als Teil eines Eichstätter Kriseninterventionsteams Hilfe: Mit Einsatzkräften aus zwölf Bundesländern waren sie in Sachen Psychosoziale Notfallversorgung im Ahrtal im Einsatz. 

Kontakt übers Pfarramt

Unter dem Motto „Hilfe für Flutopfer“ stand 2021 auch so manche Kräuterbüschel-Verkaufsaktion im Bistum Eichstätt, zum Beispiel in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Heldmannsberg. Der Zufall wollte es, dass im Patroziniumsgottesdienst auch eine Urlauberin aus Rheinland-Pfalz anwesend war. Sie hatte die Hochwasserkatastrophe zwar selbst glimpflich überstanden, Pfarrer Roland Klein berichtete aber von vielen Leuten, die es weit härter getroffen hatte. So entstand die Idee, über das Pfarramt in Bad Münstereifel gezielt nach einer Familie zu fragen, die besonderen Unterstützungsbedarf hat. „Dort habe ich die Adresse von Patricia Stork bekommen“, berichtet Klein, „und sie hat mir dann ihre Geschichte erzählt.“

Die 42-Jährige berichtete dem Oberpfälzer Pfarrer davon, wie sie mit ihrem Mann, einem Berufs-
soldaten, und drei Kindern vor acht Jahren aus beruflichen Gründen von Wuppertal in die Eifel zog, sich dort schnell heimisch fühlte und beschloss, in der Gegend zu bleiben. So kaufte die Familie, zu der inzwischen noch die heute fünfjährigen Zwillinge gekommen waren, ein Haus im Ort Iversheim. Trotz der fünf Kinder brachte die Mutter noch die Energie auf, die Meisterschule im Friseur-Handwerk zu besuchen. 

Seit der Flut aber brauchen die Storks all ihre Kräfte, um ihr Heim  wieder instandzusetzen. „Sie haben alles verloren“, sagt Pfarrer Klein. Nicht nur der gesamte Hausrat im Erdgeschoss wurde zerstört. An den Wänden musste der Putz abgeschlagen und der Estrich entfernt werden. Bis heute kann die siebenköpfige Familie nur das Obergeschoss ihres Hauses bewohnen. 

An der Familie Stork imponiert dem Geistlichen nicht nur ihre Tatkraft, sondern auch ihr unverdrossener Optimismus. „Natürlich haben wir sehr viele Erinnerungen verloren“, schrieb ihm Patricia Stork. Durch die Katastrophe seien aber auch neue Freundschaften entstanden. Dass die Storks die 1.000-Euro-Spende der Pfarrei Heldmannsberg zum Teil für ein Helferfest in Iversheim weitergaben, ist ganz in Kleins Sinn. Er hatte auch selbst eine Einladung zu der Feier bekommen, die vor vier Wochen stattfand. „Aber da war ich auf Fußwallfahrt in Flüeli“, erzählt der Diözesanpräses der Katholischen Landvolkbewegung. Hinfahren wolle er aber auf jeden Fall: „Oder wir machen eine Pfarrwallfahrt.“ Ironie des Schicksals: Bereits die letzte Wallfahrt vor Corona hatten die Gläubigen aus Heldmannsberg just in den Raum Aachen/Köln unternommen, inklusive Eifelrundfahrt. „Wir sind in die betroffenen Orte gekommen“, erinnert sich Klein an blühende, malerische Städtchen.

„Ein Schreckgespenst“

Zur besonders hart getroffenen Gemeinde Schuld im Ahrtal hält Erna Dirschinger aus Buchdorf bei Monheim seit der Flut Kontakt. Die Vollblutsängerin und -musikerin, die regelmäßig Mariensingen oder Kirchenkonzerte veranstaltet, hat mit beteiligten Chören und Ensembles bereits 36.000 Euro an Spenden gesammelt und persönlich im Ahrtal abgegeben. „Und wir machen weiter“, zeigt sie sich auch ein Jahr nach der Flut entschlossen. Versprochene Gelder, so klagt sie, kämen immer noch nicht bei den Betroffenen an: „Wir geben alles, was eingeht, sofort persönlich an den Ortsbürgermeister von Schuld weiter.“ Gemeinde-
oberhaupt Helmut Lussi, bei dem kurz nach der Flut auch die Bundeskanzlerin vorbeischaute, wird vom 6.-12. August auf Besuch ins Schwäbische kommen und bei Benefizkonzerten in Buchdorf und Kaisheim dabei sein. Noch im Juli steht ein Benefizabend in Monheim an. „Da werde ich auch vom Katholischen Frauenbund unterstützt“, erzählt Dirschinger 

Ihr großes Engagement begründet die 66-Jährige damit, „dass Hochwasser für mich persönlich ein Schreckgespenst ist“. Vor Jahren wurde der Keller ihres Hauses überflutet. Kein Vergleich sei das gewesen zu dem, was die Betroffenen im Ahrtal erlebten. Aber sie habe die Verzweiflung gespürt, „wenn das Wasser hereindrückt und du kannst nichts machen“. Deshalb sammelte sie nach dem Donauhochwasser 2002 ebenso wie nach dem Tsunami an Weihnachten 2004 oder – noch gar nicht so lange her – nach dem Hochwasser, das 2017 in Otting (Pfarrverband Jura Nordschwaben) das ganze Dorf samt Kirche und Friedhof mit einer Schlammschicht überzog. 

Gabi Gess


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Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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