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25.05.2022

Pendeln zwischen zwei „Lebenszelten“

Andrea Krebs aus Wolkersdorf ist Oblatin des Klosters Tabgha am See Gennesaret

Daheim – das ist für Andrea Krebs (im gelben Mantel, mit einem Teil ihrer Familie) Deutschland und Israel. Foto: pr

Fünf Jahre ist es her, dass Andrea Krebs, Religionslehrerin in Schwabach, sich einer Klostergemeinschaft im HeiligenLand anschloss. Im Mai 2017 wurde sie in die Oblatengemeinschaft der Dormitio-Abtei in Israel, in der sie bereits einige Jahre verbracht hatte, aufgenommen. Sie habe „zwei Lebenszelte“, sagt die 64-jährige Witwe. Einen Teil des Jahres verbringt sie in Tabgha am See Gennesaret. Die restliche Zeit widmet sie ihrer Familie in Deutschland, besucht Kinder und Enkel, die in Berlin, München und Nürnberg leben. Fester Stützpunkt für die ganze Familie: ihr Haus in Wolkersdorf (Dekanat Nürnberg-Süd).

Sechs Kinder zog das Religionslehrer-Ehepaar Krebs dort groß. Trotz turbulenten Familienalltags und doppelter Berufstätigkeit nahmen sie sich bewusst Zeit für den Glauben, öffneten ihr Haus für Gesprächs- und Gebetskreise. Als die Jüngste vier war, reiste die gesamte Familie ins Heilige Land. Andrea Krebs ahnte nicht, dass sie dort einmal einen Neuanfang wagen würde. Aber dann verstarb nach 30 Jahren Ehe ihr Mann nach langer Krankheit. Sie war 53 Jahre alt, die Kinder erwachsen. So entschloss sie sich zu einer dreimonatigen Auszeit am See Gennesaret. Wichtigstes Handgepäck im Flugzeug war ihre Nähmaschine. Schon als Jugendliche hatte sie genäht, später entstanden in manchen ihrer Religionsstunden kreative textile Glaubensbekenntnisse. Nähen sei für sie fast wie Meditieren,meint sie. Im Kloster Tabgha sah man das ganz pragmatisch. Kaum hatte die neue Mitbewohnerin ihre Maschine ausgepackt, wurde sie gleich mit Arbeit eingedeckt: Ausbesserungsarbeiten an den Ordensgewändern, neue Gardinen für die Gästezimmer und vieles mehr. 

2014 ließ sich Andrea Krebs von ihrem Dienst als Religionslehrerin in Schwabach beurlauben, um ein zweijähriges Volontariat in der benediktinischen Gemeinschaft von Tabgha anzutreten. Diese bildet eine Einheit mit der Dormitio-Abtei auf dem Berg Zion in Jerusalem. Den Abschied vom „alten“ Leben beschrieb Krebs einmal in einem Beitrag für den Internet-Blog „weitblick“ des Bistums Eichstätt: „Die Frage steht immer im Raum: Was sagen deine Kinder, dass du so lange fort bist?“ Aber, fährt sie fort: „Mein Hiersein bereichert in einer besonderen Art unsere Familienbande, ist wie eine Horizonterweiterung mit der Gewissheit: Die Mama ist an einem heiligen Ort. Mit mancher Träne ließ ich die Kinder ihre Wege gehen, als es an der Zeit war und bin dankbar über die Freiheit, die sie mir nun zurückgeben.“

Suche nach Standort

Womit mit Freiheit nicht gemeint war, in den Tag hineinzuleben und das Land zu entdecken. Vielmehr fügte sich die Volontärin in die monastische Gebets- und Arbeitsstruktur ein und übernahm feste Aufgaben in Gästebetreuung und Hauswirtschaft. Vor allem aber setzte sie kreative Akzente. Sie begann, für den Klosterladen Lavendelkissen oder Gotteslob-Einbände zu nähen oder auf Anfrage Messgewänder zu schneidern. Und sie führte Näh-Workshops ein, die sie für Gäste im Pilgerhaus ebenso anbietet wie für Menschen mit Behinderung.

Zwischen Ende des Volontariats und der Oblation 2017 in Tabgha verlor Andrea Krebs erneut ein Familienmitglied: Überraschend starb ihr 27-jähriger Sohn Felix. In der Stabilitas der Gemeinschaft fühle sie sich in dieser schweren Zeit getragen, schrieb sie später auf „weitblick“. 

Von ihrem Nähatelier aus kann sie den See Gennesaret sehen. Der Raum bildet das Obergeschoss eines Gebäudes, das zum Kloster gehört, aber etwas oberhalb liegt. So lebt die Oblatin, die in dem Haus auch ein Zimmer mit kleiner Küche bewohnt, gewissermaßen als Einsiedlerin. Dass sie nun, trotz Anbindung an die klösterliche Gemeinschaft, für sich allein steht, das habe sie erst lernen müssen, meint die sechsfache Mutter. So wie sie ihren eigenen Stand erst finden musste zwischen Mönchen und Nonnen, mit denen sie einen gemeinsamen geistlichen Weg geht.

Ausdruck fand diese Suche nach ihrem persönlichen Standort in der Witwenweihe, die Krebs im Mai 2018 in Wolkersdorf durch Bischof Gregor Maria Hanke empfing. Als sie zum ersten Mal von dieser in Polen oder Italien noch verbreiteten Tradition gehört hatte, „da hab ich ganz groß geschaut“, gesteht Krebs: „Das hörte sich ja furchtbar an. Als ob es schön wäre, Witwe zu sein“. Und doch, überlegt sie: „Irgendwie beschreibt es am ehesten meinen eigenen Stand“. Ihre Kinder hätten diesen Entschluss mitgetragen. Sie seien ja im Bewusstsein aufgewachsen, dass die Eltern ihren Lebensweg mit Gott gehen. 

Jahrelang verbrachte die Wolkersdorferin drei Viertel des Jahres in Israel und ein Viertel in Deutschland. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgedreht, was vor allem an der Corona-Pandemie lag. Denn es seien keine Pilger und Gäste mehr gekommen, erzählt die 64-Jährige, die sich nun wieder mehr in der Pfarrei Wolkersdorf einbringt, unter anderem als berufenes Mitglied im Pfarrgemeinderat und beim Mesnern. Einen Hund hat sie sich auch angeschafft. Quartiere für den Vierbeiner hat sie schon organisiert, wenn sie wieder nach Tabgha aufbricht. Für das „große Geschenk“, Zeit im Heiligen Land verbringen zu dürfen, ist sie noch immer dankbar. 

Gabi Gess


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