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10.08.2022

Radpilgern: Der Weg ist das Ziel

Durchs Bistum Eichstätt führen viele gut erschlossene Wege, die sich für kleine Auszeiten eignen

Refugium der Ruhe am Altmühlradweg: Die vor 15 Jahren angelegte Weidenkirche bei Pappenheim mit ihrer grünen Kuppe. Foto: Heberling

Schon seit Jahrhunderten lässt der Wunsch nach spiritueller Einkehr Pilgernde aufbrechen. Für eine Auszeit vom Alltag sind sie aber nicht mehr nur zu Fuß unterwegs. Inzwischen ist auch hier der E-Bike-Trend angekommen. Rauf aufs Rad, heißt es, und den Fahrtwind im Gesicht spüren. Pilgernde genießen vom Zweirad aus schöne Landschaften, entdecken spirituelle Orte und fahren dem Alltag buchstäblich davon. 

Ein weit verzweigtes Radwegenetz macht dies für mehrtägige Touren oder einen Tagesausflug auch im Bistum Eichstätt möglich. So etwa auf den zwei Abschnitten des „Jakobus-Radpilgerwegs“. An einem blauen Schild mit einer gelben Muschel ist er zu erkennen. Von Nürnberg aus führt er auf zwei verschiedenen Routen zum Kloster Heidenheim (über Schwabach, Abenberg, Wernfels, Kalbensteinberg, Gunzenhausen) oder in die Bischofsstadt Eichstätt (über Wendelstein, Roth, Hilpoltstein, Thalmässing, Titting). Der zweitgenannte Abschnitt, der weiter in die Fuggerstadt Augsburg führt, wurde vergangene Woche feierlich eingeweiht (siehe S. 6).

„Radfahren mit Sinn und allen Sinnen“, lautet das Motto des Pilger-Projekts (www.radpilgern-bayern.de). Koordiniert wird esvon der Evangelischen Landeskirche in Bayern, einem ehrenamtlichen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und vom evangelischen Pfarrer Jürgen Nitz aus Kaufering bei Landsberg am Lech: „Jakobuswege stehen für heilsame Auszeiten aus dem Alltag, für Natur, schöne Wege, berührende Kirchen der Stille, für Pilgerstempel sammeln, Gedanken ordnen, aufatmen und Kraft schöpfen, einfach mal weg sein.“ Der Weg ist das Ziel beim Radpilgern, zurückgefahrene Kilometer, Geschwindigkeiten oder Höhenmeter spielen dabei eine Nebenrolle. Das Fahrrad bietet gerade auch jenen die Gelegenheit sich auf eine solche spirituelle Reise zu begeben, für die das zu Fuß oder gar mit einem schweren Rucksack kaum zu bewältigen wäre.

Edelstein als Ziel

Radler am Jakobus-Radpilgerweg in Richtung Heidenheim passieren bei Kammerstein (Ortsteil Neppersreuth) die ökumenische Jakobuskapelle am Heidenberg. Der Ort mitten im Wald ist ideal für eine Pause für Gebet und Entspannung. Rund um die Uhr ist das von Kiefern umgebene Holzkirchlein geöffnet. Zwischen den 43 markanten Eichenholzstelen dringen Lichtstreifen hindurch. Die Kapelle ist gleichzeitig eine Station der neu entwickelten „Kirchenradwege in und um Schwabach“. Auf sechs Touren mit einer Länge zwischen fünf und 30 Kilometern verbinden sie Bewegung und kirchliches Leben. Geeignet sind sie für die ganze Familie und führen durchs Aurach- und Schwabachtal, nach Unterreichenbach, Kammerstein, Gustenfelden, Wolkersdorf, Katzwang oder Limbach.

Die dortige Gethsemanekirche feiert dieses Jahr ihr 25. Jubiläum. Der Kirchenbau orientiert sich an der biblischen Zahl zwölf. Deshalb besteht er aus zwölf Ecken sowie Kanten und erinnert an einen Edelstein. Wiederum zwölf Edelsteine schmücken auch den Altar, was auf die Offenbarung des Johannes zurückgeht. Selbst wenn die Kirche geschlossen ist, lohnt ein Blick durch die Glastür in den Innenraum.

Start und Zielpunkt der einzelnen Routen des Kirchenradwegs ist ein Wahrzeichen Schwabachs: die Stadtkirche St. Johannes und St. Martin mit ihrem prachtvollen Hochaltar aus der Werkstatt des Dürer-Lehrers Michael Wolgemut.

„Die Idee zu den Radwegen hatte ein Gemeindemitglied“, berichtet der Pfarrer von St. Martin, Paul Zellfelder. „Es ist eine Form, um den christlichen Glauben wachzuhalten“, erzählt er begeistert: „Neue Formen geistlichen Lebens sind so möglich.“ Es gehe darum, dieses Potenzial zu nutzen, das die Kirchenräume bieten. Eine Broschüre beschreibt die leichten bis mittelschweren Radtouren, nennt Einkehr-Tipps oder erläutert die jeweiligen Gotteshäuser (www.stmartin-schwabach.de/kirchenradwege oder Tel. 09122/9256200). Abstellen müssen Radler das Zweirad jedoch, wenn sie den ökumenischen Rundgang durch die Innenstadt erkunden wollen. Stationen dabei sind etwa die katholische Pfarrkirche St. Sebald, die evangelisch-reformierte Franzosenkirche oder die Dreieinigkeitskirche des Alten Friedhofs. In der einschiffigen Sandsteinkirche finden regelmäßig orthodoxe Gottesdienste statt.

Spirituelle Schönheiten

Über 30 Kapellen und Kirchen lassen sich in der Stadt und den 28 Ortsteilen von Hilpoltstein (Landkreis Roth) entlang des „Kapellen-Radwegs“ erleben. Zu erkennen ist er an gelben Schildchen mit einer weißen Kapelle. Der Start des Radwegs ist die Dreifaltigkeitskapelle am Festplatz, von dort geht es über Unterrödel, Zell, Weinsfeld, Hagenbuch, Meckenhausen, Jahrsdorf, Solar, Heuberg zurück zum Ausgangspunkt. Entlang der rund 60 Kilometer reihen sich wie Perlen an einer Kette die kleinen und großen Gotteshäuser. Ihre Historie erzählt eine handliche Broschüre, die in jede Tasche passt (www.hilpoltstein.de/wege/kapellenradweg-3977 oder Tel. 09174/978505). Entstanden ist der Radweg durch die Initiative des Hilpoltsteiner Kaplans Korbinian Müller in Kooperation mit der Stadt und dem Museums- und Heimatverein. Ursprünglich wollte der Seelsorger das Gemeinschaftsgefühl im Pfarrverband Hilpoltstein stärken: „Die Menschen für die spirituellen Schönheiten in der eigenen Umgebung zu sensibilisieren, war die Grundidee.“ Gleichzeitig wollte er die zahlreichen Kapellen aus dem Dornröschenschlaf wecken: „Sie sind in den kleinen Orten ein Identifikations punkt.“ Viele Kapellen werden von Familien oder Dorfgemeinschaften liebevoll gehegt und gepflegt wie etwa die Marienkapelle in Patersholz mit ihren grünen Türen – oder die klassizistische Crescentia-Rundkapelle in Federhof. In ihrer unmittelbarer Nachbarschaft grasen auf einer Wiese im Sommer Ziegen und Schafe. Bei gleich drei Kirchen auf der Route ist die heilige Walburga die Kirchenpatronin: in Sindersdorf, Zell und Heuberg. Letztere gilt als eine der sogenannten Urpfarreien und wurde vom Eichstätter Bischof Gundekar (1019-75) geweiht. Sie befindet sich unweit des Main-Donau-Kanals und des Rothsees, wo der „Fränkische WasserRadweg“ vorbeiführt (www.fraenkischer-wasserradweg.de/)

Wasser als Begleiter

Er erstreckt sich zwischen Rothenburg ob der Tauber im Westen bis nach Neumarkt in der Oberpfalz und Beilngries im Osten. Wasser ist hier ein steter Begleiter: Vorbei geht es am Altmühlsee, dem Brombachsee, dem Rothsee oder dem historischen Ludwig-Donau-Kanal. Mit allen Varianten hat die Rundtour eine Länge von 460Kilometern. Entlang der Strecke liegen etwa das Kloster Plankstetten oder die Kirchenburg in Kinding. Auch ein Natur- und Freizeitparadies wird mit dem Fränkischen Seenland angesteuert. Hier trifft der WasserRadweg auf den „Altmühltalradweg“ (www.naturpark-altmuehltal.de).

Seinen Ausgangspunkt nimmt dieser ebenfalls in Rothenburg. Viele Pilgernde beginnen dort ihre Reise nach Santiago de Compostela in der evangelischen Kirche St. Jakob mit dem sehenswerten Heilig-Blut-Altar von Tilmann Riemenschneider. Von der märchenhaft anmutenden Mittelalterstadt im Westen Mittelfrankens folgt der Radweg fern des Straßenverkehrs und nahezu ohne Steigungen auf über 200 Kilometern dem Flusslauf der Altmühl. Direkt an der Strecke befindet sich mit der Weidenkirche bei Pappenheim ein Refugium der Ruhe sowie Paradies für Insekten und Schmetterlinge. Vom Fränkischen Seenland, dem Naturpark Altmühltal mit seinen Flussauen und zerklüfteten Felsen geht es über Eichstätt bis zur Benediktinerabtei Weltenburg nahe Kelheim. Dort kommen Radler in den Genuss der barocken Klosterkirche der Brüder Asam und des Klosterbiers. Es wird hier seit 1050 gebraut. Beides ist eine Wohltat für Leib und Seele. Bestimmt gibt es dort für durstige Radler auch ein Radler.

Heinrike Paulus


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