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22.01.2016

Sichtbar sein – in Bayern und in Mali

Nach Mali (Westafrika) bricht Militärseelsorger Alfons Hutter jetzt auf, um deutsche Soldaten zu betreuen. Foto: Militärpfarramt/Parise

Nach Mali (Westafrika) bricht Militärseelsorger Alfons Hutter jetzt auf, um deutsche Soldaten zu betreuen. Foto: Militärpfarramt/Parise

Der Eichstätter Diözesanpriester und Militärdekan Alfons Hutter steht vor seinem nächsten Auslandseinsatz. Gerade ist er vom Morgenimpuls in sein Büro am katholischen Militärpfarramt Fürstenfeldbruck zurückgekommen. Zu der kurzen ökumenischen Andacht kämen jedes mal etwa 25 Teilnehmer quer durch alle Dienstgrade, erzählt er. Der Morgenimpuls dauert stets von 7.10 bis 7.25 Uhr. Genaue Zeitpläne einzuhalten sei nämlich „bei der Bundeswehr ganz wichtig“, weiß der 62-jährige Eichstätter Diözesanpriester.

In seinem persönlichen Terminkalender ist der 12. Februar dick angestrichen: An diesem Tag fliegt der Militärseelsorger ins 3.500 Kilometer entfernte Mali (Westafrika), um dort bis zum 28. April Ansprechpartner für 220 deutsche Soldaten zu sein. Die Männer, deren Einsatz vier Monate dauert, werden dabei nacheinander zwei Monate von einem evangelischen und einem katholischen Seelsorger betreut. „Ich hab gerade mit dem Kollegen telefoniert, den ich jetzt ablöse“, berichtet Hutter.

Schon vor Jahresfrist erfuhr er von dem Auslandsaufenthalt, der nach Einsätzen in Afghanistan  (2002/03 und 2006) und im Kosovo (2008) sein vierter ist. Die Vorbereitung darauf hat er mit den  Soldaten zusammen in der Brigade in Mühlheim/Baden absolviert und sich dabei unter anderem mit dem Steuer eines Landrovers vertraut gemacht. Nur das Schießen stand bei ihm nicht auf dem Programm.

Hilfe zur Selbsthilfe

Vor wenigen Monaten verübten Al-Kaida-Terroristen einen Anschlag auf ein Luxushotel in Malis Hauptstadt Bamako, bei dem es 21 Tote gab. In dem Land herrscht außerdem ein florierendes  Geschäft mit westlichen Geiseln. Hutter lässt sich davon nicht abschrecken. „Nächste Woche bin ich bei Freunden in Köln eingeladen, da hab ich fast ein bisschen mehr Angst.“ In Koulikoro, eine Fahrtstunde von Bamako entfernt, liegt Hutters künftige Wirkungsstätte – ein Ausbildungscamp, in dem einheimische Soldaten und Polizisten ausgebildet werden. Auf der Homepage der Bundeswehr heißt es dazu: „Ohne funktionierende Streitkräfte kann der malische Staat dem Vormarsch der Islamisten und Rebellengruppen nichts entgegensetzen. Durch die EU-geführte European Training Mission Mali (EUTM Mali) sollen die malischen Soldaten in die Lage versetzt werden, selbst Verantwortung für die Sicherheit in ihrem Land zu übernehmen.“ Dem Ausbildungscamp ist ein Feldlazarett angegliedert, das der ärztlichen Versorgung von insgesamt rund 600 Soldaten aus über 20 Nationen dient.

Auf engstem Raum

Im islamisch geprägten Mali bilden Christen nur eine kleine Minderheit. An Hutters Standort aber befindet sich eine katholische Kirche. „Die freuen sich schon, dass ein Katholik kommt“, erzählt er. Generell seien die Deutschen in Mali sehr gut gelitten, „weil wir der erste Staat waren, der Mali als unabhängiges Land anerkannte“.

So wie Hutter auf dem Fürstenfeldbrucker Kasernengelände die eineinhalb Kilometer von der  Wache bis zu seinem Dienstzimmer stets mit dem Rad zurücklegt, um für die Soldaten sichtbar zu sein, so möchte er auch in Mali als Ansprechpartner präsent sein. Im Camp mit seinen improvisierten  Containerbauten wird ihm sein Büro auch als Schlafstube dienen. Räumliche Enge und fehlende Privatsphäre könnten durchaus nerven, gibt Hutter zu. Sie führten aber auch dazu, „dass ich Gesprächen gar nicht ausweichen kann“. Zu einem Pfarrer, der mit ihnen lebt und ihren Alltag teilt, zu dem kämen die Soldaten auch mit ihren Sorgen. Sehr oft drehten  sich die Gespräche um Partnerschaft und Familie und die Gedanken seien bei den Daheimgebliebenen, weiß der Geistliche. Trotz neuer technischer Möglichkeiten durch Internet und Handy regt Hutter gerade die jungen Soldaten an, auch ganz altmodisch Briefe zu schreiben. Drehscheibe für abgesandte und eingehende Briefe ist das Feldpostamt in Darmstadt. „Ich habe noch nie so viele Tränen in den Augen von Soldaten gesehen, wie wenn sie Post von ihrer Frau kriegen“, erzählt der Geistliche. Dass er, der erst mit 48 Jahren in die Militärseelsorge ging, älter ist als seine Truppe, sieht er als Vorteil. Für die Männer will er eine Vaterfigur sein, ganz Junge haben vielleicht schon Großväter in seinem Alter. Was aber nichts über Hutters Gesundheit aussagt: Der  62-Jährige, der sich mit Radfahren und Laufen fit hält, hat den medizinischen Check vor Reiseantritt problemlos bestanden.

Wenn Worte fehlen

Bei den Friedensmissionen der Bundeswehr, die Hutter bislang begleitet hat, sei es darum gegangen  „Wege frei zu machen und zu sichern, damit Hilfsorganisationen  mit ihrer Arbeit beginnen können“,  erläutert er. Doch sobald die  Soldaten abgezogen seien „gewinnen Extremisten wieder die Oberhand“, zieht er eine nüchterne Bilanz. Stets vor Augen hat er den 7. Juni 2003, als in Afghanistan vier deutsche Soldaten, die bereits auf dem Heimweg waren, in einen Hinterhalt gerieten und getötet wurden. „Auch mir fehlten damals die Worte“, gibt Hutter zu. „Aber ich war da und alle kannten mich. Ein Pfarrer, der frisch eingeflogen wird, kommt nicht ran an die Leute, und sei er noch so fähig.“

Wenn er inmitten des emsigen Treibens im Feldlager auf einer Kiste sitzt und sein Brevier betet, dann wird Hutter oft unterbrochen: „Pfarrer, was machst Du da gerade? Kannst Du das nicht einfach mal ausfallen lassen?“ Dann antwortet er geduldig: „Nein, das muss ich machen. Ich muss essen, trinken, schlafen und auch beten.“

Im Zuge der Bundeswehrreform wird der Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck in zwei, drei Jahren aufgelöst. Bis dahin noch will Hutter, einer von 90 katholischen Militärseelsorgern in Deutschland, seine Aufgabe weiterführen: sichtbar sein für die Soldaten.

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 4 vom 24. Januar 2016

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