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26.08.2016

Stickerei, die Generationen überdauert

Den Räumungsverkauf nutzten noch viele Kunden: Im Bild Leiterin Silvia Gradl (l.) und Kollegin Rita Pfahler mit einem Messgewand. Foto: Gabi Gess

Den Räumungsverkauf nutzten noch viele Kunden: Im Bild Leiterin Silvia Gradl (l.) und Kollegin Rita Pfahler mit einem Messgewand. Foto: Gabi Gess

Ende einer Ära in Zell: Die letzte von vier Regens Wagner-Paramentenwerkstätten ist geschlossen. Johann Evangelist Wagner (1807-1886), Begründer der Regens Wagner-Behinderteneinrichtungen in Bayern, muss ein sparsamer Mensch gewesen sein.

Seine leinenfarbene Schlafhaube, die in einer Vitrine im Foyer von Regens Wagner/Zell ausgestellt liegt, ist an mehreren Stellen sorgfältig gestopft worden. Von noch weit mehr Geschick mit Nadel und Faden zeugt eine handgestickte Priester-Stola, die ebenfalls im Schaukasten liegt, wie auch ein altes Musterbuch mit vielerlei Hohlsaum- und Hexenstich-Anleitungen und dem Vermerk „Bitte bald und säuberlich zurück“. Ganze Generationen fleißiger Handarbeiterinnen haben es wohl für ihre Ausbildung benutzt, seit 1872 in Zell eine Paramentenstickerei eröffnet wurde. Nun ist diese lange Ära zu Ende: Zum 31. Juli sind die traditionsreichen textilen Werkstätten in der Nähe von Hilpoltstein geschlossen worden. Die KiZ war kurz vorher auf Abschiedsbesuch.

Auf Mitarbeitersuche

Heike Klier, die Gesamtleiterin von Regens Wagner/Zell, macht gleich zu Beginn deutlich, dass mitnichten leere Auftragsbücher der Grund für die Schließung sind. Gerade in Zeiten von industriell gefertigter, kurzlebiger Massenware wussten viele Kunden die handwerkliche Qualität der in Zell gefertigten Messgewänder, Alben oder Vereinsfahnen zu schätzen. Das Problem war vielmehr, „dass wir keine Leute mehr haben, die hier arbeiten können“, erläutert Klier. Die Frauen, die einst an Nähtischen und Stickrahmen arbeiteten, waren „nur“ hörgeschädigt oder taubstumm, aber ansonsten fit und belastbar und kämen inzwischen wohl auch auf dem ersten Arbeitsmarkt unter. Heute hingegen werden bei Regens Wagner viele Menschen mit komplexen Mehrfachbehinderungen betreut. In den Werkstätten der Einrichtung können sie je nach Leistungsvermögen unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen, von Metallbearbeitung bis Keramik. Die Arbeit in der Paramentenstickerei ist „feinmotorisch sehr anspruchsvoll“, weiß die Leiterin: „Wir haben versucht, durch Praktika Leute zu bekommen, aber das ist nicht geglückt.“

In den drei weiteren textilen Werkstätten, die Regens Wagner bayernweit betrieb, war die Situation ähnlich – weshalb der Stiftungsrat das Aus für alle vier Standorte beschloss. In Dillingen und Michelfeld gingen bereits vor Jahresfrist die Lichter aus, in Hohenwart im Juni 2016 und nun auch in Zell.

Zur Existenzsicherung

Seit der Gründung von Regens Wagner im Jahr 1847 war die Paramentenstickerei, die damals auch noch in vielen Klöstern betrieben wurde, ein Standbein der Einrichtungen, ergänzt durch Weißnäherei. „Eine Sozialversicherung gab es ja damals nicht“, meint Klier, „es musste ja irgend ein Verdienst für die Bewohnerinnen da sein“. Erst in jüngster Zeit sah man in den textilen Werkstätten in Zell auch vereinzelt Männer arbeiten. Bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts mussten die Buben nach Ende der Schulzeit in der Gehörlosenschule die Einrichtung verlassen. Die Mädchen hingegen fanden Beschäftigung in Stickerei, Näherei, Wäscherei, Küche oder Landwirtschaft. „In Gemeinschaft mit den Schwestern haben sie den Unterhalt für ihr Leben selbst erwirtschaftet“, erzählt Klier.

In den Glanzzeiten der textilen Werkstätten Zell gab es für Stickerinnen und Näherinnen jeweils eigene Säle. Erst als 1995 der Umzug unters Dach des Hauptgebäudes erfolgte, wurden die Bereiche zusammengelegt. Damals wurde auch erstmals externes Personal eingestellt, das die Ordensschwestern bei der Anleitung der Mitarbeiterinnen unterstützte. In jüngster Zeit wurden neben Paramenten und Gewändern für den kirchlichen Bedarf oder Vereinsfahnen auch mittelfränkische Trachten maßgeschneidert. „Wir hatten verschiedene Standbeine“, erläutert die Leiterin der Werkstatt, Silvia Gradl, die seit 2007 in Zell arbeitet. Am 1. Oktober wird sie in der Paramentenstickerei der Diakonie Neuendettelsau eine neue Stelle antreten. Ihre Kollegin, Näherin Rita Pfahler, die nur noch wenige Jahre bis zur Rente hat, bleibt im Haus und wechselt in die Wäscherei.

Blumen zum Abschied

Und dann sind da noch drei gehörlose Frauen, die der Werkstätte bis zuletzt die Treue gehalten haben, obwohl sie längst im Rentenalter sind. Mathilde Fruth etwa näht gerade per Hand eine Borte auf eine Fahne, die der Freystädter Sportverein bestellt hat. Sie weiß, dass es der letzte Auftrag ist, an dem sie arbeitet, aber sie nimmt die Schließung gelassen hin. Immerhin ist sie fast 78 und war 62 Jahre in der Paramentenstickerei beschäftigt. Gleich nach der Berufsschule hat sie angefangen und ihre Arbeit stets gern getan.

Bereits vor einigen Monaten hatte Regens Wagner/Zell etwa 150 Stammkunden der Stickerei in persönlichen Briefen über die bevorstehende Schließung informiert. Daraufhin flatterten noch zahlreiche „Last-Minute“-Aufträge ins Haus, wie etwa der schwarze Rauchmantel, der in eine Nürnberger Pfarrei geht und abholbereit auf einem Kleiderständer hängt. Eine Pfarrei wollte gleich noch 30 Ministranten-Talare bestellen, „aber das ging nicht mehr“, meint Gradl.

Was bleibt, sind zufriedene Kunden. Einer von ihnen, ein junger Kaplan, hat das besonders schön zum Ausdruck gebracht: Er hat den Frauen von der Paramentenstickerei zum Abschied Blumen geschickt.

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 35 vom 28. August 2016

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