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22.07.2021

Träume und Erinnerung weitertragen / Erstmals kirchlicher „Welttag der Großeltern und Senioren“ am Sonntag, 25. Juli

Zusammenhalt in der Familie ist das wichtigste

Wovon träumt man mit 85? Hans Wittmann aus Neumarkt, hier mit drei von fünf Enkelkindern und deren Kindern, wünscht sich vor allem, dass die Familie stets zusammenhält und dass er seine Urenkel noch eine Zeitlang erleben darf. Foto: privat

Vor 30 Jahren haben die Vereinten Nationen erstmals zum „Internationalen Tag älterer Menschen“ aufgerufen. Vor zwei Jahren führte das bayerische Kabinett einen „Großelterntag“ ein. Und nun hat auch der Papst einen „Welttag der Großeltern und Senioren“ ins Leben gerufen, der diesen Sonntag erstmals im Kalender steht. Drei Pfeiler, die die Gesellschaft tragen, könnten Senioren „besser als andere aufbauen“, schreibt Franziskus in seiner Botschaft zum neuen Welttag: „Träume, Erinnerung und Gebet.“ Wir haben mit Frauen und Männern aus dem Bistum geredet, die gut verstehen, was er meint. 

Der 85-jährige Josef Wittmann aus Neumarkt zum Beispiel, der 20 Jahre lang den Seniorenclub im Stadtteil Hasenheide geleitet hat und immer noch dort aktiv ist. Vor zwei Jahren ist seine Frau gestorben, nach 56 Ehejahren. „Jetzt kämpf’ ich mich halt allein durch“, sagt er. Die Zeit des Corona-Lockdowns sei „schon hart“ gewesen, meint er. Tagsüber, da sei er einigermaßen beschäftigt gewesen mit dem Haushalt. „Aber abends, da sitzt man dann allein da.“ Umso mehr freut er sich, dass jetzt wieder mehr Kontakt zu den Angehörigen möglich ist. „Am letzten Sonntag, da waren sie alle da“, erzählt der dreifache Vater, fünffache Großvater und vierfache Uropa: „Das Wetter hat gepasst und zufällig haben alle Zeit gehabt.“ So anstrengend und turbulent der Tag auch für ihn war, so sehr hat er ihn genossen. Auf die Frage, welche Träume er noch hat, antwortet der langjährige Kommunionhelfer: „Dass wir alle zusammenhalten und dass ich noch erleben kann, wie die Urenkel größer werden.“ Wenn die jungen Leute sich über Sachen unterhalten, die ihm fremd sind und mit ihren Handys „untereinander hin und her wischen“, dann quittiert der ehemalige Kreisgeschäftsführer des Roten Kreuzes das mit einem liebevoll-ironischen Lächeln. 

Hunger und Klimawandel

Wenn Papst Franziskus an Senioren appelliert, die Wurzeln zu bewahren, dann weiß Wittmann, was er damit meint:  „Den Glauben halt“. Glaube – dieser Begriff fällt auch Regina Vogelgesang spontan zum Stichwort „Wurzeln“ein. Die 70-Jährige aus Postbauer-Heng leitet den Sachausschuss Gemeindecaritas und kirchliche Seniorenarbeit im Eichstätter Diözesanrat. Die sechsfache Oma engagiert sich außerdem im örtlichen Seniorenheim und teilt die Krankenkommunion aus. Das Gebet für die Kinder, die Enkel, die Urenkel, das für viele Hochbetagte zur letzten Konstante im Leben wird, ist auch für Vogelsang „etwas Zentrales, in dem ich einen Sinn sehe“. Was die Umsetzung von Träumen betrifft, so warte im Grund auf die junge Generation noch die selbe Heraus-forderung wie in ihrer eigenen Jugend, überlegt die 70-Jährige: „Jeder hat den Traum, friedlich miteinander zu leben. Dass es nicht nur einer bestimmten Schicht gut geht. Dass alle satt werden und ein Dach über dem Kopf haben. Leider ist das immer noch ein Traum.“ Darüber hinaus habe jede Zeit ihre eigenen Herausforderungen. Klimawandel, Pandemie, „und wer weiß, was in zehn Jahren ist.“ 

Ob sie gern noch einmal jung wäre? Vogelgesangs „Nein“ kommt wie aus der Pistole geschossen. „Jede Zeit, die durchlebt wird, ist einzigartig. Ich bin zum Beispiel gerne arbeiten gegangen. Aber ich freue mich jetzt auch, dass ich die Kraft und die Zeit, die ich noch habe, für etwas Anderes einbringen kann. Es war auch eine schöne Zeit, als die Kinder klein waren. Aber jetzt bei den Enkeln seh ich manches viel gelassener.“ 

Auch Erna Dirschinger, 65 Jahre jung, genießt den Kontakt zu ihren Enkelkindern, insgesamt 13 an der Zahl. Gerade kommt sie vom Gottesdienst in der heimatlichen Pfarrkirche Buchdorf, eine Enkelin durfte sie an diesem Tag auf die Orgelempore begleiten. „Musik ist mein Lebenselexier“, sagt Dirschinger, die wiederholt Kurse fürs diözesane Referat Seniorenpastoral geleitet hat und bis zum Ruhestand Musiktherapeutin in einer Behinderteneinrichtung war. Vier Jahrzehnte lang, bis vor zwei Jahren, bildete sie mit ihrer Mutter Maria Eisenwinter den „Buchdorfer Zweigesang“. Noch heute besitze ihre 85-jährige Mama eine wundervolle Altstimme, erzählt sie. 

Mit einem ihrer vier Söhne und dessen Familie lebt sie unter einem Dach. Sie ist sich bewusst, dass es ein großes Glück ist, „mittendrin zu sein“. Wobei im Zusammenleben Gelassenheit statt Rechthaberei angesagt sei: „Man muss wirklich auch lernen, zuzuschauen, was die Jungen machen.“ 

Was das Träumen angeht, so wünscht sie sich, „dass die nächste Generation die Träume der vorhergehenden ernst nimmt und weiterspinnt. Sie denkt dabei etwa an die beruflichen Möglichkeiten für Frauen, die frühere Generationen „nur im stillen Kämmerlein träumen konnten“. Es mache Sinn, „sich ab und zu ins Gedächtnis zu rufen, dass das nicht selbstverständlich ist“. Dirschinger erzählt Kindern und Enkeln auch vom Großvater, der erlebte, wie im Dorf die erste Glühbirne einzog und der als 17-Jähriger in den Krieg musste. Oft, so Dirschingers Erfahrung, interessiere so etwas die Jungen erst, wenn sie selbst Kinder haben. Aber nicht nur Familiengeschichten gibt sie weiter, sondern auch Glaubens-Basics. Letztes Jahr hatte eine ihrer Enkelinnen Erstkommunion und hat mit der Oma das Vaterunser gelernt. Seither beten die beiden es täglich. Und fänden andere das komisch, „dann macht uns das gar nichts aus!“

„A bisserl demütig“

Erstkommunion-Vorbereitung, das ist ein Arbeitsschwerpunkt von Michael Kuhn, Gemeindereferent im Nürnberger Pfarrverband Am Ludwigskanal. Er hat aber auch die Ausbildung zum Generationen-Mentor absoviert, die Seniorenpastoral-Referent Michael Schmidpeter schon mehrfach im Bistum organisiert hat. In dieser Funktion überlegt sich Kuhn Möglichkeiten, den Dialog zwischen Alt und Jung zu fördern. Gerade plant der Gemeindereferent, der sich auch im kirchlichen Sportverein DJK engagiert, ein generationenübergreifendes Tischtennisprojekt. Zu Seniorennachmittagen geht er gern als Vertreter seiner Pfarrei, obwohl er erst 33 Jahre alt ist. Er werde oft „a bisserl demütig“, wenn er erfahre, was alte Menschen geleistet, welche Herausforderungen sie meistern mussten, sagt er. Umgekehrt hört er oft, dass die Alten nicht mit ihm tauschen möchten. Nicht nur, weil der Glaube schwindet. Sondern auch, „weil sie das Gefühl haben, dass sich die Welt immer schneller dreht“. 

Gabi Gess


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