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18.01.2022

Überleben, weiter leben, voller Leben

Fotoausstellung „KZ überlebt / Porträts von Stefan Hanke“ im Stadtmuseum Ingolstadt

Leon Weintraub vor der Haupttribüne des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg. Verschwunden sind die Aufmärsche, die Uniformen, die Fahnen. Aber: „Ich bin noch da!“ Fotos: Hanke

Erzählen wollte Stefan Hanke mit seinem Fotoprojekt „KZ überlebt“: vom Überleben, vom Weiterleben, vom vollen und gelebten Leben. Zehn Jahre lang suchte der 1961 geborene Regensburger Fotograf ab 2004 in sieben
europäischen Ländern Überlebende aus Konzentrationslagern auf, um mit ihnen zu sprechen. Über ihre Erinnerungen, ihre Gefühle, ihre Geschichten. Um sie zu porträtieren, nicht als Opfer, sondern „als Menschen, die ein ganzes Leben gelebt haben“, wie er sagt.

Insgesamt hat er im Laufe der Jahre für sein Projekt 123 Zeitzeuginnen und -zeugen angefragt, 121 von ihnen haben sich von Hanke interviewen und ablichten lassen. Eine Ausstellung im Ingolstädter Stadtmuseum zeigt aus diesem Konvolut 52 Fotografien, darunter auch zwei Porträts von Ingolstädter Überlebenden.

Erzählte Augenblicke

Jedes Porträt bestehe aus fünf Bausteinen, erklärt Hanke bei einer der Kuratorenführungen, die in regelmäßigen Abständen stattfinden: dem Foto, den KZ-Stationen, einem Zitat, einer Bildlegende sowie einer Kurzbiografie, die im Begleitband zur Ausstellung nachzulesen ist. Er habe jedes Porträt individuell auf die dargestellte Person abgestimmt.

Und das können die Besucher der Ausstellung spüren. Jede einzelne der Schwarz-Weiß-Fotografien spricht und steht für sich. Ganz individuell komponiert, ergibt sich doch in der Zusammenschau ein beeindruckender und berührender Gesamteindruck. Man kommt den Menschen auf den Bildern nahe, erfährt etwas über ihr Wesen und über ihr Leben. Das liegt vor allem an den persönlichen Interpretationen Hankes. Er zeigt die Menschen, mit denen er gesprochen hat, in ihrem Lebensumfeld oder aber an Orten ihrer Verfolgung, ihrer Lagerhaft, die bei ihm zugleich zu Orten ihres Triumphs, ihres Überlebens werden. So weist etwa bei Anna Hyndraková der Arm,
auf dem ihre Häftlingsnummer zu lesen ist, in direkter Linie zum Bild ihres Urenkels an der Wand: Die Geschichte fand kein Ende in Auschwitz. Sie konnte weiter erzählt werden.

Und in Stefan Hanke haben diese Lebensgeschichten jemanden gefunden, der sie erzählen will, der erinnern möchte. Ein „Gscheithaferl mit Sendungsbewusstsein“ sei er, scherzt der Fotograf, als er von der Entstehung seines Projekts erzählt.

Sprachbarrieren galt es zu überwinden, Erinnerungen waren teilweise verschwommen, das Alter der meisten Zeitzeugen war zum Zeitpunkt der Gespräche weit fortgeschritten: 105 Jahre alt war der Älteste von ihnen zum Zeitpunkt der Aufnahme. Es sei auch der letztmögliche Zeitpunkt gewesen, zu dem er das Projekt durchgeführt habe, erklärt Hanke. Er würde, trotz vieler Schwierigkeiten im Laufe der Jahre, trotz Momenten völliger Verzweiflung, heute nichts anders machen, nur wünschte er sich, früher begonnen zu haben. Dabei begleitet ihn das Thema als solches von Jugend an: Schon seine erste Fotoausstellung als 16-Jähriger, damals noch in den Schaukästen seiner Schule, beschäftigte sich mit dem KZ Dachau.

Die Porträts, die sich den Besuchern der Ingolstädter Ausstellung präsentieren, bestechen vor allem durch ihre Vielfalt: Es sind Überlebende jüdischer Herkunft, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Kriegsgefangene, politische Häftlinge und andere. Und so facettenreich wie die Gründe ihrer Inhaftierung sind auch ihre Leidens- und Lebensgeschichten, zu denen der Fotograf noch so manches Detail beisteuert, das die Person lebendig werden lässt. Für eineinhalb Stunden ist die Führung angesetzt, am Ende sind es fast drei: Hanke möchte seinen Zeitzeuginnen und -zeugen gerecht werden, sie zu Wort kommen lassen. Zur Entstehung vieler Porträts hat er kleine Anekdoten parat, er spricht die Abgebildeten teils liebevoll mit Vornamen an, als wäre er im Gespräch mit guten Freunden. Es habe nicht nur Tränen gegeben bei diesen Begegnungen, oft sei auch gelacht worden.

Hanke ist den Porträtierten nahe gekommen, und das geht auch den Besucherinnen und Besuchern nahe. Dabei erreichen die Geschichten, die der Fotograf erzählt, oft die Grenze des Erträglichen. So, wenn er vom Musiker Coco Schumann spricht. Der Multiinstrumentalist musste als Häftling vor den Auschwitzer Gaskammern spielen, während Kinder vor seinen Augen in den Tod geführt wurden. Häufig wurde „La Paloma“ gespielt. Später musizierte Schumann auf Kreuzfahrtschiffen, wo Passagiere Musikwünsche an die Kapelle herantrugen. Darunter oft „La Paloma“.

Solche und andere Geschichten erzählt Hanke in den verschiedenen Abteilungen der Ausstellung. „Weiter leben!“ hat er den letzten Abschnitt genannt, durch den Besucherinnen und Besucher gehen. Um zu verdeutlichen, dass es nicht nur ums Überleben geht, sondern ums Weiterleben. Um das Leben, das die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt haben, als Siegerinnen und Sieger. Weil sie noch hier sind. Und dank der Porträts von Stefan Hanke bleiben sie das auch.

Die Ausstellung ist bis 27. März im Stadtmuseum Ingolstadt zu sehen. Nähere Informationen unter Tel. 0841/3051885

Verena Lauerer


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