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09.03.2022

Von der heiligen Kunst des Hungerns

Fastenheilige, Wundermädchen und Hungerkünstler

Die 40-tägige Fastenzeit zur Vorbereitung auf Ostern erlaubt durchaus mehr als trocken Brot. Im Wesentlichen geht es um Verzicht zur Besinnung auf Wesentliches. Foto: pixabay

Versuche, jemandem die Hungerkunst zu erklären! Wer es nicht fühlt, dem kann man es nicht begreiflich machen.“ Diese Zeilen finden sich in einer Erzählung Franz Kafkas aus dem Jahr 1922. „Ein Hungerkünstler“ ist der Titel des Textes, in dem sich Kafka, dessen eigenes Essverhalten häufig in den Fokus seiner Biografen wie Interpreten rückte, mit einem merkwürdigen Phänomen auseinandersetzt: der Kunst des Hungerns. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war diese tatsächlich zu einem kommerziellen Spektakel geworden, auf Jahrmärkten konnten Hungerkünstler bestaunt werden, die ihren wochenlangen Verzicht auf Nahrung und ihre ausgemergelten Körper öffentlich zur Schau stellten. Diese wahrhaft brotlose Kunst aber hat ihre Wurzeln ursprünglich in jahrtausendealten religiösen Traditionen.

Religiöses Fasten

Fasten gilt seit Urzeiten als eine Form der Reinigung des Körpers. Mehrere Völker teilten bereits in vorchristlichen Zeiten die Meinung, man könne durch Nahrung dämonische Kräfte aufnehmen. Sowohl zum Schutz gegen böse Kräfte als auch bei Trauerritualen gab es die Gepflogenheit des teilweisen oder vollständigen Nahrungsverzichts. So verzehrte man im Alten Ägypten beim Tod eines Pharaos kein Fleisch, kein Weizenbrot und keinen Wein. Pharaonen fasteten vor wichtigen religiösen Festen. Wer in die Geheimnisse der Gottheiten Isis und Osiris eingeweiht wurde, hatte zuvor eine Fastenzeit von bis zu vierzig Tagen einzuhalten. 

Auch im Christentum begegnen bereits in den frühen Anfängen Rituale des Verzichts und der Reinigung, so wie das Fasten selbst in den Büchern des Alten wie des Neuen Testaments vorkommt. Schon Adam und Eva werden ja gewissermaßen aufgrund eines Fastenbrechens des irdischen Gartens verwiesen. Und der erste lateinische Kirchenlehrer Tertullian betont, dass Magerkeit des Körpers gottgefällig sein müsse: „Ein abgemagerter Körper wird das schmale Himmelstor leichter durchschreiten, ein ausgezehrter Körper bleibt im Grab am längsten erhalten.“

Zurückzuführen ist die hohe Bedeutung, die dem Fasten beigemessen wurde, unter anderem auf den Leib-Seele-Dualismus, der sich auch beim griechischen Philosophen Platon findet: Körperliche und irdische Begierden sollten demzufolge zugunsten des Geistes kontrolliert und gemäßigt werden. 

Fasten gilt als Teil einer asketischen Lebensweise: Durch Askese versuchte man eine Vervollkommnung im Geistigen zu erreichen, die man nur durch Formen des Verzichts und der Enthaltsamkeit zu erreichen glaubte: vor allem im Bereich der Nahrungsaufnahme, der Sexualität sowie des Schlafs. Das Fasten galt so auch als eine Form der Buße und erlangte ethische Bedeutung.

Askese der Wüstenväter

Mit dem Toleranzedikt von Mailand im Jahr 313 nahm die Christenverfolgung und damit auch das Märtyrertum ein Ende. Die Askese erlangte dadurch für strenggläubige Christen hohe Bedeutung, da sie ihnen als Ersatz für Märtyrertum und Züchtigung galt.

Diesen Weg hatten bereits die Wüstenväter im späten 3. Jahrhundert gewählt: Sie zogen sich als Eremiten fastend zurück. Vom heiligen Antonius, der schon 271 die Einsamkeit der Wüste Ägyptens gesucht hatte, heißt es etwa: „Nahrung nahm er einmal täglich nach Sonnenuntergang zu sich; bisweilen aß er nur alle zwei, oft aber auch bloß alle vier Tage; er lebte von Brot und Salz, als Getränk diente ihm nur Wasser.“

Zum Teil versuchten sich derartige Einsiedler in ihrem religiösen Fasten gegenseitig zu überbieten: Der Einsiedler Hero aß nur alle vier Monate. Makarius von Alexandrien begnügte sich mit Stücken von Brot, die er aus einem schmalen Flaschenhals herausnehmen konnte. Als er von einem Asketen hörte, der noch strikteren Verzicht übte, nahm er nur noch sonntags einige Kohlblätter zu sich. 

Ab dem 3. Jahrhundert gab es aber für alle Christen strengere Fastenregeln: Nahrungsenthaltung zweimal in der Woche wurde üblich, neben der bis heute gültige vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern gab es eine solche auch vor Weihnachten und Pfingsten. Zu Beginn des Mittelalters betrug die Fastenzeit etwa ein Drittel des Jahres. Kinder, Kranke und Greise waren von strengem Fasten ausgenommen, Reiche erhielten gegen Bezahlung Fastenerlasse. Schließlich begann man, Fisch als Fleischersatz zu gestatten. Auch manch findiger Mönch wusste die strengen Regeln zu umgehen: Der Prediger Jacques de Vitry berichtet von einem Kloster, in dem kein Fleisch erlaubt war außer Jagdwild. Ein gewitzter Ordensbruder schmuggelte daraufhin Hunde ins Kloster, um sie die dort gehaltenen Schweine jagen zu lassen.

Fastenheilige

Während die strengen Fastenregeln fürs Volk mehr und mehr gelockert wurden, erlebte das extreme Fasten im Spätmittelalter eine zweite Blütezeit, vor allem bei Frauen. Gerade der Versuch, durch Verzicht und eigenes Leiden eine Vereinigung mit dem leidenden Christus am Kreuz herbeizuführen, motivierte die großen Fastenheiligen dazu, ihre Körper strenger Askese  zu unterwerfen. So enthielten sie  sich neben der Sexualität auch der Nahrung, verzichteten auf Schlaf oder kasteiten sich. Für viele  fromme Frauen stellte die heilige Hostie zeitweise alles dar, was sie zu sich nahmen. Die Begine Maria von Oignies etwa lehnte alle weltlichen Speisen ab, allein deren Geruch verursachte ihr Übelkeit, einzig die Kommunion nahm sie zu sich. Während von ihr berichtet wird, dass sie einmal 35 Tage ohne Essen und Trinken auskam, liefern spätere Hagiografien noch extremere Beispiele: Die heilige Angela von Foligno soll zwölf Jahre nur die heilige Hostie zu sich genommen haben, vom Eremiten Nikolaus von Flüe heißt es, er habe neunzehn Jahre lang gefastet. 

Frauenmystik 

Bei heiligen fastenden Frauen ging die körperliche Askese zum Teil mit Visionen und Auftreten von Stigmata einher. Die mittelalterliche Frauenmystik ist geprägt von weiblichen Heiligen, die in ihren strengen Fastenritualen eine Vereinigung mit Gott auf geistiger Ebene erzielen wollten. Dabei handelt es sich zum Teil um Frauen, die beeindruckende Schriftzeugnisse hinterließen: Katharina von Siena, Mechthild von Magdeburg, Mechthild von Hackeborn und Gertrud von Helfta gehörten zu den herausragenden Frauen des Mittelalters und suchten alle auf dem Weg der Askese ihren Weg zum Herzen Christi. 

Anders ist es bei der heiligen Hildegard von Bingen, der ersten Mystikerin des Mittelalters. Ihr Fasten konzentriert sich auf den Aspekt der Heilkunde und der Ganzheitlichkeit, man soll wesentlich das zu sich nehmen, was Körper und Geist gut bekommt. Die Fastenheiligen galten als Auserwählte Gottes, mit denen er Zwiesprache hielt, aber es gab zunehmend Widerstand auch bei kirchlichen Autoritäten: Wer übermäßig fastete, erregte große Aufmerksamkeit. Außerdem wurden dabei, etwa im Kloster, aufgrund körperlicher Schwäche Pflichten vernachlässigt.

Wundermädchen

Zudem häuften sich ab dem 16. Jahrhundert Fälle von Betrug. So berichtet der Arzt Johann Wier 1577 in seiner Abhandlung: „De Commentitiis Jejuniis“, „Über das vermeintliche Fasten“, von einem heiligen Mädchen aus Kent, das behauptete, nur von einer Hostie zu leben, die aus dem Himmel kam. Der König ließ sie daraufhin in eine kleine Kammer einsperren: Sie hielt keine drei Tage ohne Nahrung aus, außerdem wurde ihr die „himmlische“ Hostie von Eingeweihten über ein Frauenhaar gereicht. In Venedig ließ sich ein Mädchen tagelang mit zwei Bibeln einschließen. Eine davon war aber hohl und mit Leckereien gefüllt. Immer mehr solcher Geschichten kursierten, und die „Wundermädchen“ machten Karriere: Mädchen und Frauen beriefen sich nicht mehr ausdrücklich auf göttliche Inspiration, waren aber fromm und hungerten vermeintlich über Monate und Jahre hinweg. Frauen wie Margaretha Weiss aus Roth bei Speyer oder Eva Vliegen aus Moers wurden durch Flugblätter und gelehrte Traktate bekannt: Angeblich konnten sie gänzlich ohne Nahrung leben. Die meisten Fälle wurden als Betrug aufgedeckt. Ansporn war neben Berühmtheit vor allem der monetäre Aspekt: Reiche Gönner besuchten die Wundermädchen aus Neugier und verließen sie selten ohne Geschenke. Schließlich sorgte der spätere Papst Benedikt XIV. im 18. Jahrhundert für eine Verschärfung des Kanonisationsverfahrens.

Moderne Fastenheilige

Dennoch gab es im 19. und 20. Jahrhundert noch moderne Fastenheilige wie Alessandrina Maria da Costa, die 13 Jahre ohne Nahrung lebte, bettlägrig war und die fünf Wunden Christi aufwies. Trotz angeordneter 40-tägiger Beobachtung konnten keine Unregelmäßigkeiten festgestellt werden. Im berühmten Fall der Therese Neumann aus Konnersreuth, die ab 1927 bis zu ihrem Tod 1962 nach eigener Aussage nur die heilige Hostie zu sich nahm, erfolgte bis heute keine Heiligsprechung.

Hungern war zwar auf den  Jahrmärkten des 19. und 20. Jahrhunderts zum säkularen Schaustück verkommen, doch bei Kafkas Künstler liegt das Augenmerk auf einem anderen Aspekt. Im Sterben erzählt der Artist, dass er eigentlich auf der Suche nach etwas anderem, etwas Höherem war: „,Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders‘, sagte der Hungerkünstler. (...) ‚Weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.‘“

Verena Lauerer


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Ausgabe Nr. 33/34 vom 14./21. August 2022

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