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19.05.2021

Wälder, Wiesen und Webex-Meeting „Wanderexerzitien daheim“: Individuell unterwegs, vereint am Bildschirm

Wälder, Wiesen und Webex-Meeting / „Wanderexerzitien daheim“

„Wir gehen gleichzeitig“ – mit diesem Gefühl waren die Wanderer (hier Pfarrer Dr. Michael Kleinert) auf individuellen Pfaden unterwegs. Zweimal täglich trafen sie sich online.                           Foto: VB

Sonnenstrahlen dringen durch die Jalousie, der Samstagmorgen beginnt – ausnahmsweise – einmal nicht grau in grau. In gut einer Stunde öffnet der Wertstoffhof. Eine gute Gelegenheit, den Rasen zu mähen und das Grüngut gleich zu entsorgen. Aber diese Überlegung ist theoretischer Natur, denn der Tag wird anders aussehen: „GottesZeichen“ steht auf dem weißen Briefumschlag, der am Computertisch bereitliegt. Er enthält Impulse für eine ausgedehnte Tagestour zu Fuß. 14 Frauen und Männer werden das Kuvert gleich öffnen. Sie alle nehmen an Wanderexerzitien teil, wie sie auch in Pandemie-Zeiten problemlos möglich sind.

Neues Konzept

Einen Rucksack zu packen, in dem auch Bibelverse, meditative Impulse und anderer geistiger „Proviant“ ihren Platz haben, dazu luden Pfarrer Dr. Michael Kleinert und Pastoralreferentin Christina Noe vom Referat Exerzitien/Geistliche Begleitung der Diözese Eichstätt bereits vor 17 Jahren erstmals ein. Zweimal im Jahr fanden die Wanderexerzitien traditionell statt – je vier Tage über Christi Himmelfahrt und über Fronleichnam. Bis 2019 trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Bistumshaus Schloss Hirschberg, wo sie übernachteten und gemeinsam zu ganztägigen Touren aufbrachen. Dann kam Corona. Viele kirchliche Veranstaltungen sind seither ins Online-Format gewechselt. Auch Kleinert und Noe sind „schon ziemlich unterwegs“ damit, haben etwa bereits zweimal Film-Exerzitien im Internet angeboten. Um die bewährten Wander-Exerzitien coronakonform zu übersetzen, haben sie sich nun ein ganz neues Konzept überlegt: Zum Morgenlob schalten sich die Teilnehmer zusammen, ehe sie ihre individuell geplanten Wanderungen starten, „mit Gott an der Seite, einem Impulszettel in der Hosentasche und der Natur als Begleiterin“, wie es in der Ausschreibung heißt. Wie bei den herkömmlichen Wanderexerzitien liegt die Höchstteilnehmerzahl bei 14 Personen. Die passen gerade noch gut sichtbar auf einen Bildschirm.

Wenn die müden Wanderer verschnauft haben, gehen sie erneut ins Internet und tauschen sich aus. Unterteilt in Kleingruppen, erzählen sie von ihren Tageserlebnissen, feiern dann, wieder mit der gesamten Gruppe online einen Wortgottesdienst, singen zusammen und bekommen den Segen. Darüber hinaus stehen die beiden Exerzitienbegleiter Noe und Kleinert auf Wunsch täglich online oder am Telefon für Einzelgespräche zur Verfügung.

Durch die Wüste

Dass manche treuen Fans der Wanderexerzitien Schwellenangst hatten, sich in ein elektronisches Meeting einzuloggen, möchten die beiden Begleiter nicht verhehlen. Ebenso verstehen sie es, dass Eltern, die Kinder im Homeschooling betreuen, sich zurückhalten – weil sie daheim nicht die nötige Ruhe finden, um sich aus dem Alltag auszuklinken. Nicht umsonst heißt es in der Ausschreibung: „Bitte halten Sie sich die Tage frei von anderen Terminen, Verpflichtungen, Arbeit, Treffen.“

Schon immer waren die Eichstätter Wanderexerzitien auch bei Auswärtigen beliebt (siehe S. 5). Das Online-Format erleichtert ihnen die Teilnahme nun erheblich. Kann doch jeder vor seiner eigenen Haustüre aufbrechen, mit seinem eigenen Tempo. Kann sich, anders als in der großen Wandergruppe, ausgiebig Zeit für Entdeckungen am Wegesrand machen. Wer jetzt meint, es fehle die Nebenfrau, der Nebenmann, zum gemütlichen Ratschen, der muss wissen: Bei den Wanderexerzitien gilt seit eh und je die Devise: „Wenn die Füße sich bewegen, schweigen wir!“

Rechtzeitig vor Exerzitien-Beginn haben alle Beteiligten ein Päckchen bekommen. Es enthielt eine Reihe verschlossener Briefkuverts, die im Lauf der Tage nacheinander geöffnet werden. Worum sie sich allesamt drehen, erläutert Pfarrer Kleinert am Online-Einführungsabend zum Motto der Exerzitien, das im Buch Exodus zu finden ist: „Der Herr zog vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen.“

Ein gut organisierter, touristischer Halbtagestrip in die Wüste sei heute problemlos möglich, meint der Geistliche. „Die Menschen, die ich Ihnen vorstelle, waren 40 Jahre in der Wüste.“ Was in Moses, ihrem zunächst unfreiwilligen Anführer, vorging, welche Zweifel ihn plagten, darüber soll sich die Runde nun Gedanken machen. Wie erging es den Alten, den Müttern mit kleinen Kindern? Mit Egli-Figuren haben die Exerzitienbegleiter das Geschehen nachgestellt. Assoziationen mit Flüchtlingstrecks unserer Tage steigen hoch. Vielleicht passe die Geschichte von einem Volk, das eine lange Durststrecke durchwandert, aber auch zur Corona-Krise, überlegt Kleinert.

Für den Kennenlern-Abend waren die Teilnehmer gebeten worden, ein Symbol mitzubringen, das zu ihnen passt und ihnen etwas bedeutet. Auch die beiden Begleiter machen mit. Noe etwa hält ein leuchtend blaues Vergissmeinnicht in die Kamera. Es erinnert sie an Gottes Zusage: „Ich vergesse dich nicht. Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.“

An den folgenden Tagen begegnet das Buch Exodus den Wanderern immer wieder. Und führt sie mitten in ihr eigenes Leben: Wo bin ich Umwege gegangen? Wo bin ich falsch abgebogen und was habe ich daraus gelernt? Gibt es eine Zusage Gottes, die ich ganz auf mich persönlich beziehe? Wo erkenne ich Zeichen für Gottes Gegenwart? Auch, wenn sie nicht so spektakulär daherkommen wie die Wolken- und Feuersäule im Buch Exodus? Das, was den Wanderern in den Sinn kommt, bekommt von Kleinert und Noe einen schönen Namen: „Ge(h)bet“. Übrigens wich die Sonne am Samstag bald Regenwolken. Gottes Zeichen in der Natur zu erkennen, so eine Aufgabe des Tages, fiel dennoch leicht. Und am Wegrand blühende Vergissmeinnicht …

Gabi Gess


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