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26.01.2022

Warum klingt’s oft so kompliziert?

Einsatz von Leichter Sprache im liturgischen Bereich

Inklusiver Gottesdienst bei Regens Wagner in Zell. Die Leichte Sprache erschließt nicht nur Menschen mit Behinderung die Frohe Botschaft. Auch Gäste und Angehörige schätzten die klaren, einfachen Worte. Foto: vb/Gebhard

Dass Menschen mit geistiger Behinderung oder Demenz im Gottesdienst Hilfestellung zum Erfassen liturgischer Texte brauchen, leuchtet ein. Aber was ist mit den anderen, die vermeintlich ohne Einschränkung teilnehmen können? Auch unter ihnen gebe es viele, die in der Kirche „nur noch Bahnhof verstehen“, befürchtet der Eichstätter Diözesanverantwortliche für Behindertenpastoral, Pfarrer Alfred Grimm. Nach inklusiven Gottesdiensten, an denen auch Menschen ohne Behinderung teilnehmen, signalisierten ihm diese immer wieder, wie gut ihnen einfache, verständliche Formulierungen tun. Und dass sie manches jetzt besser verstehen.

Verstehen, was man hört

Natürlich, so weiß der Geistliche, ist der Text des Hochgebets für die ganze Weltkirche verbindlich. Aber es gebe dennoch in der Heiligen Messe und erst recht bei Wortgottesdiensten Verbesserungspotential. Auch in Leichter Sprache ließen sich Feiern ansprechend gestalten. Darüber möchte Grimm mit Hauptamtlichen im pastoralen Dienst ins Gespräch kommen. Denn, so heißt es in der Ankündigung eines Kurses (siehe unten) im Tagungshaus Hirschberg, der nun zum zweiten Mal coronabedingt verschoben werden muss, die Sprache der Kirche könne die Menschen oft nicht mehr erreichen: „Dabei handelt es sich nicht nur um Menschen mit Migrationshintergrund, Asylsuchende, Menschen mit Lernbehinderung oder Menschen mit einer leichten Demenz, sondern durchaus auch um Christinnen und Christen aus unseren Pastoralräumen, die sich schwer tun mit unseren liturgischen Feiern.“

Einen Meilenstein bildete nach dem Konzil die Übersetzung des römischen Messbuchs in die jeweilige Landessprache. Aber manche Formulierungen sind auch auf Deutsch schwer zu deuten. Die Menschen, die sich heute bewusst für den Gottesdienstbesuch entscheiden, „die wollen das aber schon verstehen“, stellt Grimm fest. Viele, viele Stellen gebe es, an denen man hängenbleiben könne, analysiert der Geistliche. Spontan findet er beim Aufschlagen des Schott-Messbuchs ein Beispiel: der Heilige Geist als „Unterpfand“. Aber, so Grimm, „wer weiß denn schon, was das heißt?“. Beim Nachschlagen des Tagesgebets im Schott dann gleich noch ein Beispiel: „Rühre uns an mit seinem Geist“, liest Grimm vor. Erfragt: „Warum nicht einfach: Schenk uns seinen Geist? Die abschließende Zeile des Tagesgebets, so erkennt er mit geschultem Blick, ist für Gehörlose schwer zu deuten. „Darum bitten wir durch ihn, Jesus Christus“, heißt es da in der Vorlage. Das Wörtchen „durch“ habe in der Sprache der Gehörlosen aber ausschließlich räumliche Dimension, erklärt der Behindertenseelsorger: Unter einer Brücke durchgehen, durch eine Tür – aber wie geht man durch Jesus hindurch?

Keine Kindersprache

Menschen mit Handicap in die Kirche einzubinden, Teilhabe zu ermöglichen, daran arbeitet Grimm seit Jahren. Als Kursleiter sammelte er erstmals 2011 Erfahrung, es ging damals im Nürnberger Caritas Pirckheimer-Haus um die Evangelien in Leichter Sprache. Seither hat er eine Vielzahl entsprechender Vorlagen erarbeitet, insbesondere für Wortgottesdienste. Für Beerdigungen, an denen Menschen mit geistiger Behinderung teilnehmen, liefert die Behindertenpastoral eine Version in Leichter Sprache. An Familiengottesdiensten „haben wir ein ganzes Repertoire“, ermuntert Grimm die Pfarreien, einfach einmal in seinem Referat anzufragen.

Leichte Sprache sei keinesfalls gleichzusetzen mit einer Kindersprache für Erwachsene, betont der Verantwortliche für Behindertenpastoral. Denn während Letztere Inhalte reduziere, gehe es bei der Leichten Sprache um eine Übersetzung eins zu eins, nur eben in verständlicher Form. Die Menschen, mit denen er Gottesdienst feiert, haben dafür feine Antennen, weiß Grimm. Junge Erwachsene mit Lernbehinderung registrierten durchaus, wenn man sie wie Kindergartenkinder anspreche, „und die kommen dann kein zweites Mal“.

Einfach oder leicht?

Weil Leichte Sprache festen Regeln folgt und eine Ausbildung verlangt, steigt Grimm bei Leuten, die noch nicht viel darüber wissen, eine Ebene tiefer ein und führt anhand von Beispielen in „einfaches“ Beten und Feiern ein. „Leicht ist schwerer als einfach“, kommentiert er augenzwinkernd. Hält man ein Buch mit dem Siegel in Leichter Sprache in Händen, so bedeutet das, dass nicht nur der Verfasser oder die Verfasserin eine entsprechende Ausbildung hat, sondern auch die (mindestens) zwei Menschen mit Lernbehinderung, die das Werk gegengelesen haben. Grimm holt ein solches Buch aus seinem Regal, einen Führer durch den Münchner Liebfrauendom in Leichter Sprache. Ein Projekt, wie es Grimm nach Abschluss der Eichstätter Domsanierung auch angehen möchte.  In seinem Regal steht außerdem das Gotteslob „Gemeinsam bunt“, in Leichter Sprache, kurz „LeiGoLo“. Es erschien 2021 und entstand mit Unterstützung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

In der Arbeitsgruppe „Liturgie in Leichter Sprache“ der DBK- Pastoralkommission arbeitet Grimm seit fünf Jahren mit. Da werde selbst um kleine Formulierungen mühsam gerungen, erzählt er. Und zweifelt deshalb daran, ob noch zu seinen Lebzeiten Gläubige ganz offiziell ein Hochgebet in Leichter Sprache sprechen werden.

Erfahrungen vor Ort

Schwester Ruth Gebhard, Leiterin des Seelsorge-Teams bei Regens Wagner/Zell, pflichtet Pfarrer Grimm bei: „Viele Leute sind heute mit der kirchlichen Sprache überfordert.“ Gerade für Menschen ohne kirchlichen Hintergrund täten sich oft Fragen auf, „wo wir denken, es ist alles klar“. Etwa beim Begriff „Hostie“, nach dem sie von einer jungen Praktikantin gefragt worden sei. Beim Sommerfest der Einrichtung, zu dem ein inklusiver Gottesdienst gehört, sagen ihr immer wieder Angehörige, sie hätten bestimmte Stellen im Evangelium erst jetzt endlich verstanden.

Bei den gehörlosen Menschen in Zell überlegt die Seelsorgerin immer wieder neu, wie sie ihre Zielgruppe ansprechen kann. Natürlich, so überlegt sie, gebe es in der Eucharistiefeier Grenzen des Erklärbaren: „Manches ist Geheimnis und bleibt Geheimnis.“

Pfarrer Grimm bekam einmal eine schwere Frage gestellt zu den Worten, die er gesprochen hatte: „Geheimnis des Glaubens. Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir“. Warum, so lautete der Einwand, „kündigt man ein Geheimnis an und plaudert es gleich wieder aus? Dann ist es doch keines mehr!“.

Gabi Gess


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