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11.08.2017

Wenn de Niro die Odyssee liest ...

Bayernweite Bücherei-Jahrestagung am Hirschberg / Renommierter Comic-Künstler zu Gast.

 

Er hat eine interessante Stimme, der Mann, der da im Hörsaal von Schloss Hirschberg einen Auszug aus Homers Odyssee vorträgt. Leise, etwas heiser und doch eindringlich. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Gipfeltreffen am Hirschberg: (v. l.) Michael Sanetra, Leiter der Landesfachstelle des Sankt Michaelsbunds, geschäftsführender Direktor Stefan Eß, Vorstandsmitglieder Dr. Bertram Blum (Eichstätt) und Domkapitular Gerhard Auer (Passau) sowie der Eichstätter Diözesandirektor des St. Michaelsbunds, Dr. Ludwig Brandl, und der Eichstätter Diözesanbibliothekar Wolfgang Reißner. Foto: Gess

Schließt man die Augen, dann fällt der Groschen: Christian Brückner ist die deutsche Stimme von Hollywoodstar Robert de Niro. Der Synchronsprecher, der sich auch als Hörbuchproduzent einen Namen gemacht hat, ist einer der Gäste bei den 82. Jahrestagungen des Sankt Michaelsbunds. Seit Jahrzehnten finden diese Schulungen im Bildungshaus der Diözese Eichstätt hoch über dem Altmühl-tal statt und erfreuen sich bei Büchereimitarbeiterinnen und -mitarbeitern aus allen bayerischen Diözesen großer Beliebtheit. Heuer gab es für die drei aufeinanderfolgenden, jeweils dreitägigen Kurse insgesamt 350 Anmeldungen. 

Bilder und Schicksale

Wie wichtig ihre Arbeit ist, das erfahren die Ehrenamtlichen eingangs von Sabine Uehlein, Geschäftsführerin Programme und Projekte der „Stiftung Lesen“ in Mainz. Sie schildert, wie wichtig es ist, Lesefreude bereits im frühen Kindesalter zu wecken. Vielen Menschen bleibt diese Erfahrung verwehrt. Wie Uehlein mitteilt, können 7,5 Millionen Deutsche zwischen 18 und 65 Jahren nicht lesen und schreiben.

Zum Abschluss des ersten Tages, der auch dem Kennenlernen dient, hat der Sankt Michaelsbund den Berliner Comic-Künstler Reinhard Kleist eingeladen. Im vergangenen Jahr hat er mit „Der Traum von Olympia“, einem Comic in Buchform, den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis gewonnen. Kleist skizziert darin eine wahre Geschichte, das Schicksal einer jungen somalischen Sportlerin, die von der Olympiateilnahme als Sprinterin träumt. Um unbehelligt von der fundamentalistischen Miliz weitertrainieren zu können, wagt sie die Flucht nach Europa. Mit 21 Jahren ertrinkt sie vor der italienischen Küste. Das Buch hat der Comic-Künstler bereits in vielen Schulen vorgestellt. Vor ehrenamtlichen Büchereimitarbeitern zu sprechen, ist für ihn dagegen eine neue Erfahrung. Und er ist überrascht, wie viele ihm berichten, dass sie „Der Traum von Olympia“ und andere seiner Werke bereits in ihren Bibliotheksregalen stehen haben. „Mich freut es enorm, hier zu sein“, meint der studierte Grafikdesigner, „um nicht nur für mich zu sprechen, sondern auch für die deutsche Comic-Landschaft“. Diese nehme sich heute immer öfter „auch schwieriger historischer oder gesellschaftlicher Themen an“. „Graphic novel“ lautet der Begriff für diese Literatur.

Der zweite Tag auf Schloss Hirschberg bietet viele praktische Anregungen: Es werden Novitäten, von Kinderbuch bis Romanliteratur, vorgestellt. In sieben Arbeitsgruppen wird unter anderem vermittelt, wie religiöse Bücher auf originelle Weise in den Blick gerückt werden können oder wie man generationenübergreifende „Erzählcafes“ gestaltet. Das Jahresmotto lautet heuer: „Unsere Bücherei – Raum für Begegnung“.

Über „Maria, Luther und die Liebe“ singen und spielen am Abend Monika Drasch, Gerd Holzheimer und Georg Glasl. Als Fan des Trios, das mit Zither, Geige und Dudelsack auf Spurensuche geht, entpuppt sich unter anderem der Eichstätter Generalvikar Dompropst Isidor Vollnhals, der auch Gottesdienst mit den Tagungsgästen feiert. 

Diplombibliothekar Michael Sanetra, der die Hirschberger Jahreskurse seit langem betreut, weiß aus Erfahrung: „In Deutschland sind Frauen die Trägerinnen der Lesekultur“. Mehr als 90 Prozent der Ehrenamtlichen in den kirchlichen Büchereien unter dem Dach des Sankt Michaelsbunds seien weiblich. Um eine Frau ging es deshalb auch in einem Vortrag: Prof. Dr. Sabine Bieberstein von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sprach über Maria Magdalena als eine „neutestamentliche Frauenfigur im Wandel“.

Interessierte Fragen

Christian Brückner beantwortet nach seinem Vortrag aus der Odyssee noch viele Fragen, zum Beispiel ob er lieber Hörbücher bespricht oder Weltstars seine Stimme leiht. Ersteres, antwortet der 74-Jährige, es eröffne ihm größere Möglichkeiten, sowohl in der Vorbereitung als auch in der rollenmäßigen Darstellung. Synchronisation erfordere dagegen „absolute ad hoc-Qualitäten“. Aus Angst vor Raubkopien rückten die Filmgesellschaften nämlich ihre Blockbuster oft erst in letzter Sekunde heraus. Eine Frage darf natürlich auf dem Hirschberg nicht fehlen: „Kennen Sie Robert de Niro persönlich?“„Ja“, antwortet Brückner, „wir sind uns schon begegnet“. 

Der Schlussapplaus gilt Brückner ebenso wie der ganzen Tagung. „Ich bin schon sehr oft hier gewesen und es ist immer wieder schön“, lobt Mechthild Kafpinger aus der Gemeinde- und Pfarrbücherei im niederbayerischen Hengersberg im Gespräch mit der KiZ. Und die Münchner Diözesanbibliothekarin Sabine Adolph, ebenfalls seit Jahren mit von der Partie, sagt: „Für uns ist das Schloss mit seiner herzlichen Atmosphäre wirklich eine zweite Heimat.“  

Gabi Gess, Kirchenzeitung Nr. 33/34 vom 13. August 2017

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