Zum Inhalt springen
25.08.2021

„Wir bekommen keine Hilfe“ Gedenkstunde zum Völkermord an den Jesiden im Nordirak / Nürnberger Gemeinde informiert

Nürnberger Gemeinde informiert: Gedenkstunde zum Völkermord an den Jesiden

Gedenken an den Genozid an den Jesiden – mit dabei Domvikar Andreas Müller. Foto: Pilz-Dertwinkel

Am 3. August 2014 überfiel die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) das Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden in Sindschar im Nordirak und verübte an den wehrlosen Menschen einen Völkermord. Laut den Vereinten Nationen wurden bis zu 5.000 Jesiden umgebracht, 7.000 Frauen und Kinder entführt und versklavt, mehr als 400.000 aus ihrer Heimat vertrieben. Etwa 2.850 Jesiden werden bis heute vermisst.

Zur Erinnerung an diese Gräueltaten gestaltete die Nürnberger „Esidische Community Deutschland“ (ECD) eine Gedenkstunde in der Nürnberger Frauenkirche. Der Vorsitzende Aziz Khudeeda Khulaf dankt den anwesenden Gästen „für die Begleitung an diesem für uns wichtigen Tag“. Denn das Elend sei für die Betroffenen noch lange nicht vorbei.

Unsägliche Gewalt

Immer wieder ist Schluchzen zu hören. Die Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse sind übermächtig. Auch die 17-jährige Jihan, die als Kind in die Hände der Terroristen fiel und hier mit fester Stimme von ihrem Martyrium erzählt, kämpft zeitweise mit den Tränen. Doch sie will erinnern an das, was passiert ist, an die Tausenden, die auf Grund ihrer Religion ihr Leben verloren haben, die versklavt, gepeinigt, zum Kampf gezwungen wurden und an die Vielen, die noch in Gefangenschaft sind. „Dieser 3. August hat so viel verändert und zerstört“, sagt sie und ergänzt: „Ich habe mein Leben im Irak verloren.“

Das beschauliche Leben des Mädchens und ihrer Familie endete schlagartig. Die Zehnjährige erlebt, wie Kinder sterben, Menschen in den Kopf geschossen werden, unsägliche Gewalt und sinnlose Zerstörung. Sie könne das nie vergessen. Ihren Vater hat Jihan das letzte Mal vor sieben Jahren gesehen, als die Familie getrennt wurde. „Warum“, fragt Jihan, „wird den Jesiden, nur weil sie eine religiöse Minderheit sind, das Recht auf Leben abgesprochen? Warum müssen sie lernen, mit einem kollektiven Trauma zu leben, ohne daran zu zerbrechen?“

Mit ihrer Rede in der Frauenkirche will die junge Jesidin ein Zeichen setzen: Ihr Volk hat ein Recht auf ein Leben in Frieden. Dafür will sie sich engagieren. Deshalb hat sie ihr Buch „Dankbarkeit“ geschrieben – Untertitel: „Die schlimmste Zeit meines Lebens.“, das sie hier vorstellt. 

Mehr als 70 Genozide sind dem Volk der Jesiden insgesamt widerfahren, informiert Jihan, und sie bittet die Stadt Nürnberg, sich dafür einzusetzen, dass Deutschland den Völkermord vom August 2014 offiziell anerkennt – was die Asylvergabe erleichtern würde, – dass sie aus der Sklaverei entkommene Mädchen und Frauen aufnimmt und sich für Befreiung aus Gefangenschaft engagiert.

Allein in der Stadt Sindschar sind etwa 70 Massengräber bekannt.Eines davon hat man letztes Jahr bei Kocho freigelegt. Bei den identifizierten Opfern handle es sich ausschließlich um Männer und Jungen. Unzählige Menschen seien noch vergraben. Fast alle aus Sindschar geflohenen Jesiden befänden sich nach wie vor in Lagern. Sie könnten nicht zurück, ihre Häuser seien zerstört.

Die Jesiden halten ihre Religion für die älteste der Welt. Die Wurzeln reichen zurück bis 2.000 Jahre vor Christus. Vor dem Völkermord lebten im Nordirak gut 500.000 Menschen dieser ethnischreligösen Minderheit. Dort sind auch ihre heiligen Stätten. In Lalisch befinden sich die „Weißen Quellen“, wo die jesidischen Kinder getauft werden. Von diesen Orten sind die in viele Länder Zerstreuten abgeschnitten. Jesiden glauben an einen Gott, verehren aber auch Engel, vor allem Tausi Melek, der als Pfau symbolisiert wird. Der IS rechtfertigte seine Gräueltaten damit, dass die Jesiden Ungläubige und Teufelsanbeter seien. Gottesdienste wie sie in anderen Religionen üblich sind, kennen die Jesiden nicht, feiern aber gemeinsam ihre religiösen Feste.

In Deutschland lebt die größte jesidische Auslandsgemeinde mit über 150.000 Menschen. Die 2020 in Nürnberg gegründete „Esidische Community“ hat rund 500 Angehörige. Sie halten zusammen und stützen sich gegenseitig. Vorsitzender Aziz Khudeeda Khulaf will für ihre Lage sensibilisieren, verweist auf die schwierige Asylsituation, das Beschäftigungsproblem und mangelnde Sprachkenntnisse.

Kunst als Ausweg

Qasim Alsharqy, der seit sieben Jahren in Deutschland lebt, verarbeitet die Geschehnisse künstlerisch. In der Frauenkirche hat er Bilder ausgestellt. „Wir müssen froh sein, dass wir hier sind“, sagt er, aber: „Es ist heute noch schlimm. Frauen und Kinder leiden. Die Sonne scheint, aber es gibt keine Hoffnung.“ 150 Kunstwerke über das esidische Schicksal hat er geschaffen – „damit die Menschen es mitbekommen“. 

Der Bamberger Domvikar Andreas Müller, zuständig für Seelsorge von Flüchtlingen und Migranten im Großraum Nürnberg, äußerte sich bei der Veranstaltung anerkennend über die jungen Leute, die unendlich viel Energie aufbrächten, um ihre Identität zu bewahren. Sie wollten in der Gesellschaft wahrgenommen werden: „Das muss man unterstützen!“

Ulrike Pilz-Dertwinkel

 


Beitrag als PDF

Kontakt / Abo

Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt
Verlag und Redaktion
Sollnau 2, 85072 Eichstätt
Tel. (08421) 50-810
Fax (08421) 50-820
verlag(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
redaktion(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de
anzeigen(at)kirchenzeitung-eichstaett(dot)de

Bezugspreise (ab Jan. 2021):
Durch die Agentur (Pfarramt) monatlich 8,80 €
(7,60 € einschl. 7 % MWSt. + 1,20 € Zustellgebühr);
durch die Post monatlich 9,55 €;
Einzelnummer 2,20 €.