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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

05.12.2014

Das Bedürfnis nach Berührung

Erinnern Sie sich noch an den 13. Juli 2014? Es war der Tag des Endspiels um die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Ich schaute die Fernsehübertragung im Freundeskreis an und als Mario Götze in der 113. Spielminute das 1:0 erzielte, lagen wir uns alle, wie so viele Millionen Menschen in ganz Deutschland, minutenlang in den Armen.

Leider sieht abseits von Sportveranstaltungen und Fanmeilen der Berührungs-Alltag in Deutschland ganz anders aus. Jede Woche klagen viele enttäuschte Frauen und Männer im Rahmen von Paarberatungen über zu wenig körperliche Berührung, zu wenig Zärtlichkeit und zu wenig Miteinander-Kuscheln in ihrer Partnerschaft.

Angeregt durch diese unterschiedlichen Erfahrungen und durch eine interessante Veröffentlichung des Psychotherapeuten Hans Jellouschek, in der er für eine körperfreundlichere Beziehungskultur plädiert, möchte ich Ihnen im Folgenden einige Gedanken zum menschlichen Ur-Bedürfnis nach Berührung vorstellen.

Wie wir wissen, ist der Mensch kein reines Geistwesen. Er ist existentiell auch auf körperliche Nähe und Berührung angewiesen. Säuglinge und Kleinkinder beispielsweise tragen schwerste Schäden davon, wenn sie nicht berührt, gestreichelt und liebkost werden. In den Nachkriegsjahren, speziell mit Beginn des Wirtschaftswunders, ist dieses intuitive Wissen nach Ansicht von Jellouschek verlorengegangen. Er schreibt: "Wir haben die Körperlichkeit im zwischenmenschlichen Kontakt verlernt. Bezüglich der Kinder hat sich deren Bedeutung herumgesprochen und die Situation wird besser. Aber mit Blick auf uns Erwachsene ist festzustellen: Alle Berührungs-Bedürfnisse, die unerfüllt bleiben, richten sich jetzt auf die Sexualität – und diese wird damit total überfrachtet".

Eric Berne, der Begründer der Therapiemethode Transaktionsanalyse, sprach einmal vom "existentiellen Hunger" des Menschen nach "strokes", nach Streicheln. Wird dieser "existentielle Hunger" nicht gestillt, "verhungert" etwas in uns. Nicht selten sind Verspannungen, Schmerzzustände, Unruhe, Depressionen etc. die Folge. So wie ein Mangel an Berührung krank machen kann, so heilsam kann für einen Kranken andererseits ein zartes Streicheln über die Stirn oder ein einfühlsames Halten der Hand sein.

In diesem Zusammenhang erscheint mir ein Blick auf die Herkunft des Wortes "berühren" sinnvoll. Es beinhaltet das Wort "rühren" und dieses hat wiederum eine Verbindung zum Wort "bewegen" ("sich rühren"). Berührung löst im Menschen eine heilsame körperliche und eine gefühlsmäßige Bewegung aus ("Dieses Gespräch hat mich in der Seele berührt"). Wer nicht berührt wird oder sich nicht berühren lässt, lebt in einer äußerst ungesunden Erstarrung. Besonders eindrucksvolle Beispiele des "Berührens" liefern uns die wunderbaren Schilderungen in den Evangelien vom Heil-Wirken Jesu durch Hand-Auflegen.

Streicheleinheiten

Abschließend möchte ich noch auf das Lied "Streicheleinheiten" von Peter Cornelius hinweisen. Mit folgenden Worten beschreibt der österreichische Liedermacher eindrucksvoll die wohltuende Wirkung liebevoller Berührung bei der Bewältigung von Alltagsbelastungen: "Manchmal hab’ ich so genug, und dann bin ich auf der Flucht, und dann weiß ich nicht wohin. Manchmal fühl ich mich so leer, so nervös und doch so schwer, und dann möcht’ ich überhaupt nichts mehr. Außer Streicheleinheiten, dann brauch ich meine Streicheleinheiten, einfach nur um durchzuhalt’n, brauch ich ein paar Zärtlichkeiten". Ein Klick im Internet auf eine vorzügliche Live-Version dieses Liedes (zusammen mit Werner Schmidbauer und Martin Kälberer) lohnt sich.

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie in der Adventszeit, an den Weihnachtsfeiertagen und im kommenden Jahr 2015 viele Berührungen und Streicheleinheiten, erhalten und selbst großzügig geben.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 7. Dezember 2014

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