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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

03.10.2014

Die Geschichte mit dem Hammer

Im Rahmen meiner Arbeit steigerte ich mich kürzlich in den letzten Stunden vor einer wichtigen Verhandlung in Gedanken derart in eine negative Phantasie des bevorstehenden Gesprächsverlaufs hinein, dass ich durch mein daraus resultierendes forsches Vorgehen beinahe ein erfolgreiches Verhandlungsergebnis verhindert hätte.

Kennen Sie dieses "Sich hineinsteigern in eine negative Phantasie" auch, dieses "Kreisen um negative Gedanken"? Der in Österreich geborene und bis zu seinem Tod in Kalifornien lebende Psychotherapeut Paul Watzlawick hat dieses psychologische Phänomen anhand folgender Parabel in seinem Bestseller "Anleitung zum Unglücklichsein" eindrucksvoll beschrieben.

"Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommen ihm Zweifel: Was wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. Und so stürmte er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er ‘Guten Tag’ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: ‘Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel’!"

Wenige Maßnahmen eignen sich nach Watzlawick besser zur Erzeugung von "Unglücklichkeit", als die Konfrontierung eines ahnungslosen Partners mit dem letzten Glied einer langen komplizierten Kette von Phantasien, in denen dieser eine entscheidende negative Rolle spielt.

Das Herz öffnen

Was bedeutet dies nun für das Zusammenleben in einer Partnerschaft, in einer Ehe? Immer dann, wenn wir uns gegenüber unserer Partnerin/unserem Partner, beispielsweise auf Grund einer nicht verarbeiteten Kränkung und einer daraus entstandenen Angst, in eine negative Phantasie hineinsteigern, lassen wir unser Herz eng und hart werden.
Wie aber können wir unser verengtes Herz wieder öffnen, unser verhärtetes Herz wieder weicher und lebendiger machen? Ausgehend von ihrer Überzeugung "Das Herz jeder Beziehung ist die Beziehung der Herzen" erstellte die Psychotherapeutin Marianne Walzer folgende allgemeinen Entwicklungsleitlinien zur Wiederbelebung einer verengten und verhärteten Liebes- und Herzensbeziehung:

  1. Die Wertschätzung nach innen und außen lässt uns wieder vertrauen.
  2. Die Annahme der gegenwärtigen Realität führt uns wieder in den Fluss des Lebens.
  3. Die Vergebung uns selbst und anderen gegenüber schafft wieder inneren und äußeren Frieden.
  4. Das Mitgefühl und die Großzügigkeit füreinander machen uns wieder reich und tief.
  5. Die wiederentdeckte Sensibilität für unsere Paar-Geschichte stärkt und schützt unsere Liebe.
  6. Die Öffnung für die zukünftige Wunsch-Vision unserer Partnerschaft lässt uns wieder über uns hinauswachsen.

Übrigens: Die eingangs erwähnte Situation aus meinem Berufsleben endete doch noch mit einem Erfolg. Durch das beherzte und beruhigende Eingreifen meines Arbeitskollegen kehrte am Verhandlungstisch sehr schnell wieder die gewohnte sachliche und wertschätzende Arbeitsatmosphäre ein und führte letztendlich zu einem erfreulichen Ergebnis.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 5. Oktober 2014

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