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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

27.02.2015

Ermutigende Sichtweisen der Liebe

Foto: Prof. Dr. Nechwatal

Jede Liebesbeziehung hat ihren jeweils eigenen Schwerpunkt. In keiner Ehe werden alle Wünsche befriedigt. Bestimmte individuelle Bedürfnisse können im Zusammenleben zu zweit nicht oder nur teilweise erfüllt werden. Diese klaren Aussagen stammen vom Hamburger Paartherapeuten Michael Mary. In seinem Buch "Lebt die Liebe, die ihr habt" begründet der bekannte Autor sehr anschaulich, warum es vielen Paaren trotz der Einschränkung der individuellen Bedürfnisbefriedigung dennoch gelingt, viele Jahre und Jahrzehnte glücklich zusammenzubleiben. Im Folgenden stelle ich Ihnen zwei ermutigende Sichtweisen von Mary vor.

1. Die ‘Drei-Liebesformen-Perspektive’: Statt der einen "wahren" Liebe gibt es drei unterschiedliche Liebesformen. Die ‘partnerschaftliche Liebe’ lebt von der guten gemeinsamen Organisation des Lebensweges. Der Alltag zu zweit kann am besten bewältigt werden, wenn jeder Partner die Aufgaben und Pflichten erfüllt, die sich aus seiner Rolle ergeben, und so seinen Teil für die Beziehung leistet.

In der ‘leidenschaftlichen Liebe’ fühlen sich die Partner – obwohl sie zwei getrennte Menschen sind und bleiben – miteinander verschmolzen. Sexualität und Erotik spielen die wesentlichsten Rollen in dieser  "romantischen" Liebesform. In der ‘freundschaftlichen Liebe’ wird das Wesen des Partners anerkannt. Man findet ihn faszinierend und inspirierend, führt gemeinsame Unternehmungen mit ihm durch, teilt Geheimnisse und Vorlieben mit ihm.

Die ‘freundschaftliche Liebe’ nimmt einen Mittelplatz zwischen der partnerschaftlichen und leidenschaftlichen Liebe ein. Sie hilft dabei, manchen Verzicht auf Leidenschaft und manchen Mangel an Partnerschaft auszugleichen.

Kämen bei einem Paar alle drei Liebesformen gleichwertig vor, würde der Schwerpunkt in der Mitte des Beziehungsdreiecks liegen. Diese Konstellation gibt es aber eher selten. Die meisten Beziehungen sind durch eine spezifische Mischung der Liebesformen gekennzeichnet. Wenn Sie in einem kleinen Experiment die Verteilung der Liebe in Ihrer Beziehung entdecken wollen, dann platzieren Sie dort einen farbigen Punkt in dem auf einem Blatt Papier gezeichneten Beziehungsdreieck, wo Sie den Schwerpunkt Ihrer Beziehung sehen. Wenn Ihr Partner das gleiche Experiment macht, können Sie anschließend die beiden Bilder vergleichen.

Was tut uns gut?

2. Die ‘Beziehungs-Perspektive’: Mary verdeutlicht diese Sichtweise an einem Beispiel aus der Physik. Stellt man eine rote und eine grüne Glühlampe nebeneinander, entsteht zwischen ihnen ein gelbes Farbfeld. Dieses Feld entspricht weder dem der einen Lampe noch dem der anderen. Etwas Drittes ist entstanden. Auf die Paarbeziehung übertragen bedeutet dies: Eine Beziehung ist etwas ganz Eigenständiges. Paare, welche ihre Partnerschaft aus der ‘Beziehungs-Perspektive’ sehen, haben aufgehört, ihre Beziehung als Selbstbedienung- und Optimierungseinrichtung zu betrachten und fragen nicht "Was will ich, oder was willst du?", sondern sie fragen "Was tut uns – also der Beziehung – gut?". Sie haben im Laufe der Zeit herausgefunden, was ihrer Beziehung gut tut und was ihr schadet. Wer erkennt, was mit seinem Partner möglich ist, wo man mit ihm nicht zusammenkommt und wer sich dann auf diese Beziehung einstellt, mag eine gewisse Desillusionierung erleben. Illusionen loszulassen und seiner Beziehung zuliebe auf etwas Wichtiges zu verzichten kann mitunter sehr schwerfallen oder schmerzhaft sein. Dieser Schritt ermöglicht aber auch, dass man die Hände frei dafür hat, um das anzupacken, was miteinander möglich ist. In diesem Zusammenhang verweist Mary auch darauf, dass es für eine Paarbeziehung außerordentlich entlastend ist, wenn beide Partner auch  ein "eigenes Leben unabhängig von der Beziehung haben".

Meiner Erfahrung nach neigen die Partner in einer Liebesbeziehung oft dazu, ihren Blick mehr oder weniger starr auf die empfundenen Mängel und Defizite in ihrer Beziehung zu richten und an deren Wert zu zweifeln. Wenn sie aber – beispielsweise mit Hilfe der in diesem Text vorgestellten ermutigenden Sichtweisen – einen Perspektivenwechsel vornehmen, entdecken sie sehr schnell, dass ihr Beziehungsglas möglicherweise weit über die Hälfte gefüllt ist.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 1. März 2015

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