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Serie: Lebensfragen - Lebenshilfe

02.01.2015

Vom Rhythmus der Liebe

Jedes Leben hat seine eigene Rhythmik. Folglich leben in einer Partnerschaft zwei Menschen mit unterschiedlichen persönlichen Lebensrhythmen zusammen.

Ein Beispiel: Rita (46 Jahre) ist seit 24 Jahren glücklich mit Theo (49 Jahre) verheiratet. Schon in der Schule wurde sie von ihren Mitschülerinnen die "flotte Rita" genannt. Ihre Aufgaben erledigte das gutaussehende blonde Mädchen schwungvoll und abends auf dem Fußballplatz war sie mit Abstand die reaktionsschnellste Stürmerin ihre Mannschaft. Dagegen wurde Theo, der sich schon in frühen Jahren leidenschaftlich gerne in die Lektüre von Abenteuerbüchern vertiefte, von seinen Freunden wegen seiner manchmal etwas geistesabwesend erscheinenden Art schon mal als Träumer bezeichnet.

Würde man mit beiden Ehepartnern einen Tier-Analogie-Test machen, so entspräche Rita einer Häsin, die flott durchs Leben hüpft, ihre Energie gut einteilen und auch jederzeit einen Haken schlagen kann. Auf Theo hingegen würde die Analogie zu einem Bären passen, der es sich gerne gemütlich macht und die zu erledigenden Dinge mit viel Ruhe und Bedacht angeht. Übrigens: Den Tier-Analogie-Test und viele weitere praktische Anregungen zum Thema Lebensrhythmen finden Sie in dem sehr gelungenen Lebensratgeber-Buch "Finde dein Lebenstempo. Mit dem richtigen Tempo zu mehr Leben" von Petra Schuseil.

Tanz zu zweit

Dass Rita und Theo trotz ihrer unterschiedlichen Lebenstempi auch nach über zwei Jahrzehnten noch ein glückliches Ehepaar sind, liegt meiner Ansicht nach an dem hervorragenden Paar-Rhythmus der beiden. Rita drückte dies in einem Gespräch mit mir einmal so aus: "Für unseren Tanz zu zweit ist es schon wichtig, dass der Schnellere mal die Stopptaste drückt und der Langsamere sich einen Schubs gibt."

Was aber bedeutet Rhythmus? In der Zeitforschung versteht man darunter einen gleichmäßigen, harmonischen, sich regelmäßig wiederholenden Bewegungsablauf. Rhythmen – so der bekannte Autor Karlheinz A. Geißler – sind das Entwicklungsprinzip des Lebendigen, sind nicht starr. Sie gliedern die Zeit, zerteilen sie aber nicht – wie dies der Takt tut. Ein guter Rhythmus der Liebe bedeutet "Ordnung", "Lauf" und "freier Fluss" zugleich.

Wie wichtig bei der partnerschaftlichen Rhythmusfindung neben der Freiheit beider Partner auch deren hohe Flexibilität und Kreativität ist, schildert Rita anhand einer Episode aus ihrem spannenden Leben mit Theo: "An einem Sonntag im Sommer kam ich von einem Besuch bei meinen Eltern zurück und bat Theo, mit mir eine kleine Fahrradtour zu machen. Nach dem vielen Sitzen wollte ich mich unbedingt austoben. Theo lag entspannt im Liegestuhl auf unserer Terrasse und war gerade in sein derzeitiges 1.200 Seiten umfassendes Lieblingsbuch vertieft. "Ach Schatz", meinte er, "fahr doch allein. Da kannst du mal so richtig sportlich loslegen." Ich hatte mir das zwar anders vorgestellt, radelte aber allein los. Als ich gegen Abend erschöpft und glücklich zurückkehrte hatte mein Mann eine ganz tolle Überraschung für mich parat: gegrillten Fisch, mit Gemüse und kühlem Weißwein – einfach wunderbar. Unser Rhythmus fühlte sich super an".

Der französische Philosoph Michel Serres beschrieb die problematischen Entwicklungen unserer hektischen Zeit einmal mit folgenden Worten: "Zuviel Lärm, zuwenig Rhythmus, keine Melodie". Ich wünsche Ihnen im Jahr 2015 viel Ruhe, Rhythmus und Melodie in ihrer Partnerschaft.

Dr. Gerhard Nechwatal, Kirchenzeitung vom 4. Januar 2015

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